Alfa Romeo Spider 1600 Duetto: Platz an der Sonne

Selbst Alfa-Skeptiker halten einen Moment lang inne, wenn sie den verführerisch offenen Duetto auf der weiten Asphaltpiste des Speditionshofes sehen. Seine Form ist eigenwillig, aber konsequent.

Osso di Sepia - Tintenfischknochen, nannten ihn bei seinem Debüt 1966 Spötter, die ihn nicht verstanden. Banausen beschimpften ihn gar als Schlauchboot. Heute ist er, der unverwässerte Pininfarina-Urtyp, der begehrteste Alfa Spider.

Nur ein kleiner Ausflug.

Ein vorsichtiger Daumendruck auf die verchromte Klinke. Die Tür springt leise auf, die Seitenfenster sind schon heruntergekurbelt, die kleinen sinnlichen Dreiecksfenster bleiben. Ein scheues Platznehmen auf dem Fahrersitz, ein ängstliches Umschauen, beherzt kneten die Fäuste das Lenkrad, der Mut ist gefasst, das fremde Auto auszuführen – nur eine Viertelstunde. Es ist ein Instinkt wie Mundraub, man ist hungrig und kann nicht anders. Er fühlt sich nicht als Täter.

Ein Dreh am Zündschlüssel, und sofort springt der brillant konstruierte Doppelnockenwellenmotor an, schmatzt genussvoll und grollt unternehmungslustig. Ein, zwei Gasstöße - und sein Leerlauf bleibt stabil. Wenn man im Stand ein paar Mal kräftig Gas gibt, grollt es noch lustvoller. Dann wiegt sich das Triebwerk spürbar in den Motorlagern, ein herrliches Gefühl.

Mit einem klassischen Alfa der 105er- Baureihe fährt man niemals sofort los. Man zelebriert den Start, fragt den Motor übers Gaspedal wie es im geht, erwärmt allmählich die sechseinhalb Liter Motorenöl. Erst dann legt man den Gang ein, lässt die Kupplung bis zum exakten Druckpunkt kommen und fährt mit kaum erhöhter Leerlaufdrehzahl davon. Niemand nimmt Notiz, rasch ist der Spider hinter der kleinen Kuppe verschwunden.

"Diesen Wagen müssen wir haben"



Mit Erstzulassung 15. September 1966 ist er einer der Ersten, die nach Deutschland kamen. Auto Becker in Düsseldorf stellte ihn aus. Der Mann, Anfang dreißig, ein Arzt aus Westfalen, sah ihn im Schaufenster: offen, rassige Form, Scheibenbremsen, Doppelnockenwellen, Fünfganggetriebe. Er und seine Frau sahen sich an. Sofort stand fest: Diesen Wagen mussten sie einfach haben, am besten morgen, nein gleich.

Vierzig Jahre ohne einen einzigen salzigen Winter und 86.000 Kilometer später steht er fast da wie neu. Bei genauem Hinsehen offenbart der Duetto zarte Spuren der Jahre, lebt eine besondere Ästhetik der Vergänglichkeit. Die spiegelverkehrten Abziehbilder auf der Windschutzscheibe, die Auskunft geben über korrekten Reifendruck und Einfahrvorschriften, sind verblasst wie Reklameschriften auf alten Fassaden. Der Lenkradkranz zeigt vereinzelt Kerben, die vom Ehering stammen, das rote Kunstleder der Sitze wirft sympathische Falten wie das Oberleder gern getragener Schuhe.

Die Fünfgangbox macht süchtig

Ein feiner Riss in der Schalthebelmanschette zeugt von unzähligen freudvollen Gangwechseln. Kaum ein Fünfganggetriebe lässt sich so exakt und mit jenem sanften Nachdruck schalten wie die Alfa-Box. Einer hat mal geschrieben, sie mache süchtig, falle unter das Betäubungsmittelgesetz. Sechzig zeigt die Tachonadel, das sind 2.300 Touren im Vierten. Die Viertelstunde quält ihn nicht länger, er fühlt sich nicht schuldig. Wunderbar spontan nimmt der brillante Vierzylinder auch im Drehzahlkeller Gas an und stürmt los.

Tempo 80 ist jetzt erreicht, die Straßen werden schmaler, drüben ein Waldstück am Hang, der weiße Spider taucht ein ins bunt gefärbte Dunkel. Bergauf geht es, der dritte Gang wird bis 5.000 gedreht. Nahtlos schließt der Vierte an, bergab zur Schussfahrt bereit.

Das Umkehren fällt schwer

Eine halbe Stunde ist schon überschritten. Hinter der Kuppe liegt bald breit und träge der Speditionshof. Ich rolle gelassen auf den wild fuchtelnden Mann zu, vor seinem Bauch baumelt aufgeregt die Kamera: "Wo bleibst du denn? Eine Viertelstunde Fotopause war vereinbart!" ruft er vorwurfsvoll. "Ich musste es tun, ich konnte nicht anders", höre ich mich leise sagen.

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Alf Cremers

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