Alfa Romeo Tipo S 10 SS: Das Ei des Colombo

Gioacchino Colombo entwarf 1937 einen phantastischen Zwölfzylinder für Alfa Romeo. Jetzt tobt der SOHC-V12 wieder da, wo er einst hineingehört hätte - im Tipo S 10 SS für die Mille Miglia.

Zornigen Drachen widerspricht man nicht. Man darf ihnen lauschen, sie respektieren oder mit ihnen zur Mille Miglia antreten. Reizen sollte man sie allerdings weniger - andernfalls könnte es sich zutragen, dass sie ihren Kritikern mit einem glühendheißen Auspuffrohr ein schwelendes Loch in die teure Brioni-Hose sengen.

Der Vergleich mit den geschuppten und Feuer spuckenden Fabeltieren drängt sich einfach auf, sobald im Tipo S 10 SS die Zündung eingeschaltet wird, der erste Gang hineinrutscht und die drei kräftigsten Zuschauer der morgendlichen Startzeremonie beim Anschieben so richtig in Schwung kommen. Ruckartig stellt die Mehrscheiben-Trockenkupplung den Kraftschluss her, und der 3,6-Liter-Motor springt an, noch bevor die Kurbelwelle ihre erste volle Drehung absolviert hat.

Krieg verhindert den Einsatz des Alfa Romeo Tipo S 10 SS bei der Mille Miglia 1941

Mit dem zunehmend geschmeidiger werdenden Rundlauf stellt sich ein brüllendes Fauchen ein. Es schlägt den Zeugen des ersten Roll-outs in die alarmierten Ohren wie der Tobsuchtsanfall des Drachenkönigs, wenn er bemerkt, dass die fangfrischen Jungfrauen mal wieder alle durchgebrannt sind. Zudem soll ein Bad im Drachenblut ja unverwundbar machen.

Und genau so hätten sich die Alfa-Piloten in den rennrot lackierten Mille-Miglia-Roadstern vermutlich gefühlt, wäre es tatsächlich 1941 noch einmal gegen den Vorjahressieger BMW mit den silberfarbenen 328-Coupés gegangen. Doch der Krieg vernichtete auch diesen Teil der Kultur: 1941 musste sich die Welt um Wichtigeres kümmern als um ein Autorennen von Brescia nach Brescia.

Auf die Alfa-Romeo-Zwölfzylinder von Colombo senkte sich der Schatten des Vergessens. Nur der Schweizer Rennfahrer Willy Daetwyler fuhr nach dem Krieg einen der übrig gebliebenen 412 in Wettbewerben; sehr erfolgreich übrigens. Der Daetwyler-Spider befindet sich heute in den USA; die übrigen Reste des Projekts S 10, darunter ein kompletter Motor, verschwanden auf geheimnisvolle Weise.

Vor Jahren tauchte jedoch bei einem italienischen Sammler der zweite Motor plötzlich wieder auf. Sein Zustand war nahezu perfekt.

Alfa Romeo-Team: Gioacchino Colombo und Enzo Ferrari
Bohrung und Hub betragen 68 x 82 Millimeter, der Gesamthubraum 3.560 Kubikzentimeter. Für die geplante Hubraumbeschränkung der Mille Miglia 1941 wollte Colombo eine Drei-Liter-Version mit 62 Millimeter Bohrung auflegen.
Die mehr als zwei Meter lange Triplex-Kette zum Steuern der Nockenwellen und zum Antrieb der Wasserpumpe erwies sich als funktionstüchtig, was zu dem Schluss führte: Viel gelaufen war dieser rare Alfa-Antrieb offensichtlich noch nicht.

Die Entstehungsgeschichte des Motors kann dabei nicht erzählt werden ohne einen Seitenblick auf die von Kündigungen und Intrigen durchsetzte Zeit bei Alfa kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. 1936 schnürt der legendäre Konstrukteur Vittorio Jano sein Bündel, was seinen Assistenten Gioacchino Colombo an die Spitze der Motorenentwicklung befördert. Partner auf der motorsportlichen Seite ist Enzo Ferrari, der ja mit der Scuderia Ferrari die Einsätze der Werksrennwagen von Alfa Romeo leitet.

Der Zwölfzylinder-Fan Ferrari sieht im ersten zivilen Colombo-V12 ein Aggregat mit großem Potenzial, steht jedoch seinerseits unter Druck: Im März 1937 wurde Alfa Corse gegründet, der neue werkseigene Rennstall. Ferrari wird zwar als Chef bestellt, verstrickt sich jedoch rasch in Auseinandersetzungen mit dem spanischen Konstrukteur Wilfredo Pelayo Ricart.

Im Herbst 1939 wirft Ferrari bei Alfa die Brocken hin, und die Mille Miglia 1940 sieht sein erstes eigenes Auto am Start, den Autoaviocostructione Tipo 815. Nach dem Krieg kommen Ferrari und Colombo erneut zusammen - der Ingenieur hat sich von Alfa getrennt und entwirft den ersten 1,5-Liter-V12 für Ferrari, gewissermaßen eine Bonsai-Version seines Zwölfenders von 1937, mit 125 Kubikzentimeter Hubraum pro Zylinder.

Auftrag: Einen originalgetreuen Tipo S 10 SS bauen

Nur macht ein Motor leider noch kein Auto. Als der Alfa-Motor vor zwei Jahren auf den Markt kommt, horchen Spezialisten wie der in Rieste bei Osnabrück praktizierende Hero Alting plötzlich auf, der seinen eigenen Antrieb folgendermaßen beschreibt: "Ich möchte nur noch Autos bauen."

Dies setzt wiederum Kunden voraus, die bereit sind, die entstehenden Kosten zu tragen. Alting, in der Branche bekannt durch seine exakten und verlässlichen Zeitpläne, hat Anfang 2007 so einen Kunden - der allerdings mit dem noch zu erbauenden Auto 2009 die Mille Miglia fahren möchte. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Fahrgestell und Karosserieform liegen sozusagen auf der Hand. Der V12 war von Alfa einst als Ersatz des Sechszylinders mit 2,5 Liter Hubraum gedacht, weshalb Colombo den neuen Motor in den Maßen perfekt dem Motorraum des 6C 2500 anpasste.

Alting orientierte sich an den bekannten Plänen von Alfa Romeo. Das von Alting realisierte Fahrgestell besteht aus lauter Originalteilen: Der Rahmen stammt wie das Getriebe von einem Alfa Romeo 6C 2500, ebenso die Achsen, die Bremsen und die Instrumente. Dazu kommt der originale S10-Motor. Neu gebaut wurden nach den alten 412-Plänen nur die Karosserie, die Sitze und die Felgen.

2008 wird der Wagen eingefahren

Am Montag vor der Eröffnung Techno Classica ruft Alting bei Motor Klassik an: "Ihr könnt kommen. Morgen früh ist erstes Roll-out. Ihr könnt fahren, aber macht ihn nicht kaputt. Er muss nachmittags auf die Messe."

Dazu muss man wissen: Vor einem ersten Rollout vertreiben erfahrene Autobauer zufällig anwesende Fachjournalisten gern nachhaltig, zur Not mit dem Dampfstrahler. An das Fiasko der Formel-1-Premieren von Zakspeed und Sauber beim ersten Roll-out der Monoposto erinnern wir uns nur mit einem Frösteln.

Im Tipo S 10 SS hängt der Anlasser, es wird angeschoben. Der Motor ist noch nicht abgestimmt und scheint zuerst nur auf zehn bis elf Töpfen zu laufen, aber Werkstattmeister Jürgen Münch hält den V12 am brüllenden, fauchenden Leben. Dann kann sich jeder überzeugen: Der in nur knapp einem Jahr gebaute Roadster greift ganz selbstverständlich und gierig nach der Straße. Nach einem fast 70-jährigen Schlaf scheint der Motor zu sich selbst zu sagen: "Dass ich das noch erleben darf."

Die Saison ist vorgezeichnet: Dieses Jahr will der Besitzer des Zwölfzylinders bei mehreren Rallyes starten. Und die Chancen dafür stehen gut, denn der britische Letter of Conduct etwa lässt ein Auto als Original gelten, sobald 60 Prozent der Substanz original sind. Die Karosserie wird ohnehin als Verschleißteil geführt. Mithin darf der Tipo S 10 SS im Kleid des 412 originaler eingestuft werden als einige seiner jetzt schon zugelassenen Konkurrenten.

2009 folgt dann die wahre Feuerprobe - Start bei der Mille Miglia. Sollte das zwölfzylindrige Einzelstück durchhalten, steht zweifelsfrei fest: Ein Heroe der Mille heißt dann Hero.

Mehr zum Thema 100 Jahre Alfa gibt‘s bei unserer Schwesterseite www.auto-motor-und-sport.de - mit aktuellen Autotests, News und Stories rund um die Marke Alfa Romeo.

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