Jaguar E-Type gegen Chevrolet Corvette Stingray: Männerpassion

Stein am Rhein, 9. Februar 2007, 10 Uhr Vormittag. Corvette trifft E-Type. Der Versager trifft den Überflieger, der Lockenwickler-Cruiser den Le Mans-Athleten.

Doch das war einmal. Beide Motor Klassik-Sportler sind Weiterentwicklungen ihrer Urversionen. Und sie stammen aus der gleichen Epoche: der E-Type von 1969 in Primerose-Yellow, die Corvette von 1972 in Bryar-Blue.

Die Ami-Baureihe trägt inzwischen ihr drittes, komplett neu gestaltetes Karosseriekleid, während das immer noch adrett aussehende Tweed-Sakko des Briten lediglich Lederflicken auf die Ellbogen verpasst bekam - die Technik darunter blieb bis auf ein modifiziertes Getriebe und den von 3,8 auf 4,2 Liter erhöhten Hubraum praktisch gleich. Der Motor leistet mit drei SU-Vergasern nach wie vor 265 SAE-PS, mit den beiden für die USA vorgesehenen Stromberg-Vergasern 246 SAE-PS.

Der Jaguar betört noch immer

Der Jaguar sieht auch in seiner 1968 vorgestellten Serie-2 (S2)-Version noch immer betörend und vor allem einzigartig aus: die endlos lange, nach vorn abgerundete Motorhaube mit dem ovalen Lufteinlass, das Spitz zulaufende Wagenheck mit den sanften Rundungen über den Hinterrädern und das winzige Sportfahrer-Cockpit mit dem traditionellen, dreispeichigen Holzlenkrad.

Die Hände liegen auf dem Holzkranz des nahe am Instrumentenbrett montierten Lenkrads. Es folgt der prüfende Griff zum kurzen, ideal platzierten Schalthebel. Und dann weiden sich die Augen an der schier endlos langen Motorhaube mit dem Power- Buckel in den Mitte - alles meins.

Wir fahren

Zu bemängeln sind lediglich der fehlende Ruheplatz für den Kupplungsfuß und eine etwas spät, aber nachdrücklich ansprechende Bremse. Der Motor, auch mit den beiden Stromberg-Vergasern, tut immer noch das, was Jaguar einst versprach. Mit dem Lenkrad dirigieren wir den vor uns liegenden Wagenkörper in die gewünschte Richtung und folgen ihm unauffällig. Die ellenlange Wagenfront hebt und senkt sich beim Fahren und muss mit Nachdruck durch Kurven gezwungen werden.

Radolfzell, 9. Februar 2007, 13 Uhr Nachmittag. Fahrzeugwechsel. Nein: Weltenwechsel. Denn das ist nicht die Corvette von 1953. Sie ging - seit 1955 mit modernen V8-Motoren - durch die Höllen von Sebring und Le Mans und entwickelte sich zu einem ernsthaften Sportwagen. Die Corvette Sting Ray ab 1963 (Motor Klassik 4/05) besaß einen stabileren Leiterrahmen, der den Schwerpunkt um sechs Zentimeter absenkte, einen um zehn Zentimeter verkürzten Radstand, V8-Motoren mit bis zu 425 SAE-PS und ein handgeschaltetes Viergang-Schaltgetriebe.

War die E-Type-Form noch dem reinen, vom Rennsport diktierten Naturalismus verpflichtet, ging die Corvette einen Schritt weiter in Richtung Expressionismus: Kanten am Heck, an der Front und auf den Kotflügeln vermählen sich mit den prächtigen Rundungen der Radhäuser, die satt und prall mit dicken Reifen befüllt sind.

Die Unterschiede sind gewaltig

Auch im Cockpit sind die Unterschiede zum E-Type gewaltig. Der Einstieg gestaltet sich dank größerer Türen viel einfacher. Der Fahrer sitzt in der Corvette anstatt oben drauf. Das hohe Heck und die große Windschutzscheibe vermitteln Geborgenheit. Nur das weit in den Innenraum ragende Lenkrad und der nach unten abgeschrägte Instrumententräger, aus dem die beiden großen Rundinstrumente zum Wagenlenker hochblicken, wirken etwas befremdlich.

Mit dem typischen "Tschritt" aller GM-Anlasser startet der dumpf blubbernde und vibrationsarm laufende V8-Motor. Die 5,7-Liter-Maschine harmoniert prächtig mit dem Wandlergetriebe und schiebt den flachen 1,5-Tonner schon ab Standdrehzahl mühelos an.

Die beiden geschwungenen Kotflügel-Bügelfalt in weisen uns den Weg, während die Nase für den Fahrer unsichtbar bleibt. Die Servolenkung wirkt in der Mittellage unkonzentriert - das kann der E-Type besser. Kurven meistert der breit bereifte Ami dagegen weniger untersteuernd und etwas müheloser als der E-Type.

Es bleibt ein Paradoxon

Unter dem Strich ergibt der Roadster-Vergleich ein Paradoxon: Obwohl der hellgelbe E-Type und die metallic-blaue Corvette nahezu zeitgleich vom Band rollten, scheinen sie aus verschiedenen Epochen zu stammen – dort die frühen Sechziger, hier die Siebziger. Dort "I want to hold your hand" und hier "Whole lotta ove". Der E-Type ist der Roadster für den Sportsmann. Die Corvette bietet dagegen mehr Komfort, mehr Glamour - und ist trotzdem sauschnell.

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