Lancia Delta, BMW M3 und Mercedes 190 E 2.5-16: Junge Wilde

Die imaginäre Klangwertung gewinnt überraschend der Lancia Delta HF Integrale - der Turbolader dämpft und untermalt das Motorgeräusch des heiser sägenden Zahnriemen-Vierventilers mit einem sonoren, angenehmen Klangteppich.

Das passt, denn der Lancia ist, wie es sich für einen Italiener gehört, mit Abstand das emotionalste Automobil der Jungen Wilden, und das bei den uncoolsten Anlagen.

Aufgabe an das Lancia-Design: Ritmo-Gene verstecken

Im Klartext heißen die Schrägheck, Frontantrieb und Quermotor. Das turnt den Connaisseur ab und schmeckt bitter nach Pragmatismus. Ital-Design lieferte anno 1979 für den Ur-Delta eine konsequent kantige Karosserie, um das Ritmo-Rezept sauber zu kaschieren. Doch die Lancia-Techniker würzten beim Integrale kräftig nach, feuerten den bewährten Doppelnocker aus dem Fiat-Regal mit heißem Kopf und heißem Druck mächtig an.

Sie verwandelten den kurvenunwilligen Frontantrieb in eine wunderbar zu handelnde und agile permanente Allradtraktion, die nicht zuletzt auf den Rallyepisten den Mythos vom Delta Integrale erst begründete.

Okay, der Wendekreis ist ein bisschen größer als bei den anderen. Und die sich etwas elastisch anfühlende Schaltung agiert nicht in so vorbildlich knackig-präziser Art, für die sie im BMW M3 berühmt ist.

Acht Rundinstrumente inklusive Ladedruckanzeige, gelochte Pedale und das wohl sportlichste der drei Lenkräder vom Ferrari-Zulieferer Momo machen im Lancia- Cockpit mächtig Appetit. Bei dieser Uhrensammlung vergisst der Pilot glatt die uninspirierend flache Lenkradstellung und die dürftige Materialqualität im Cockpit. Dies erinnert ein bisschen an einen Lada Nova, der ja im Grunde seines Herzens auch ein Fiat ist.

M3 - die unmissverständliche Fahrmaschine

Hier punktet vor allem der BMW M3, dessen kubistische Kunststoff- und Leder-Wohnlandschaft mit dem scharf geschnittenen Instrumententräger, den prall gepolsterten Sportsitzen und den ultraklar gezeichneten Schwarzweiß- Uhren nicht nur vom Geschmack her eine unzerstörbare Zeitlosigkeit suggeriert. Über die Kargheit der Anzeigen tröstet es nur milde hinweg, das in den Drehzahlmesser sauber integrierte Ölthermometer sehnt sich zumindest nach einem Öldruckmesser.

Den hat der Mercedes schon aus Tradition. Auch seine Instrumententafel wirkt funktionell und zeitlos, aber in ihm fühlt man sich trotz sportlich geschnittenen Gestühls wie im Erste-Hand-190 D vom benachbarten Rentner. Daran ändern weder die famose Sitzposition noch die Pseudosportlichkeit des Karo-Stoffs etwas. Vielleicht liegt es am üppigen Raumgefühl, dass im 2.5-16 kein Sportwagenfeeling aufkommen will.

Es gab ihn sogar gegen Aufpreis mit Automatik. Und man erinnert sich hinter seinem großen Serien- Lederlenkrad daran, einmal im 190er- Taxi unterwegs gewesen zu sein. Dafür ist der 2.5-16 am komfortabelsten und leisesten. Er eignet sich bestens als schneller, geräumiger Reisewagen, die beste Aerodynamik im Vergleich macht ihn auch bei hohem Tempo sparsam.

Dank des automatischen Sperrdifferenzials ASD gibt es auch auf nasser Fahrbahn bei forcierter Fahrt keine Traktionsprobleme. Der Mercedes hat keine Allüren, obwohl er der seltenste (5.743 Stück) und teuerste (Neupreis 67.000 DM) der jungen Wilden ist. Wegen der fehlenden Kotflügelverbreiterungen, die die anderen selbstbewusst als Alpha- Merkmal tragen, wirkt er aus manchen Perspektiven - vor allem in Blauschwarz - wie ein von D&W gestylter Gebraucht-190 in vierter Hand. Nur Mercedes-Kenner enttarnen ihn wissend und respektvoll.

Zur Wahl stehen: Emotion, Komfort und Vernunft

Trotz des betont auffälligen hennaroten Sportanzugs hat der BMW M3 keine Minderwertigkeitskomplexe. Stets wird er vom Publikum als ultimative Fahrmaschine und Krönungs-Dreier mit Hochachtung wahr genommen.

Dem sogar in Rosso Monza eher unauffälligen Integrale attestiert man dagegen bedenkenlos hohes Understatement. Welch junger Wilder erobert also das Sportfahrerherz im Sturm? Der kapriziöse und herrlich unvollkommene Integrale gewinnt den Grand Prix der Emotionen. Sein feines Kurvenhandling und sein bereits im Drehzahlparterre bärenstarker Antritt mit inspirierendem Sound täuschen über die Schwächen in Ausstattung und Verarbeitung hinweg.

Der BMW M3 ist das harmonische Gesamtkunstwerk. Bestechende Motoroptik, ausgezeichnete Straßenlage ohne Traktionsprobleme, eine Schaltung, die es bei den anderen auf Rezept geben müsste und die unerschütterliche Langzeitqualität lassen ihn die Vernunftwertung gewinnen. Man fühlt sich im BMW auf Anhieb wohl. Alles sitzt, der Motor ist so elastisch, dass stets zwei Gänge des ideal übersetzten Fünfgang-Sportgetriebes passen.

Den Mercedes 2.5-16 stellt man sich als Stern-Enthusiast in die Garage - weil er selten ist und wertvoll wird. Als Reisewagen wäre ein 190 E 2.6 geeigneter. Und zum Kurvenräubern auf Landstraßen nehmen wir den populäreren Bruder 2.3-16, von dem immerhin knapp 40.000 Exemplare gebaut wurden. Den gibt es schon für 5.000 Euro, die meisten sind auch noch rauchsilbermetallic. Manche nennen ihn liebevoll das Ayrton-Senna-Auto, vielleicht ist er schon dadurch emotionaler als der kühle 2.5-16.

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Alf Cremers

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