Audi Typ P im Fahrbericht: Zeit-Maschine - Audis erster Kleinwagen

Audi Typ P

Eine Fahrt im Audi Typ P durch das alte Riga mutet an wie eine Reise in die Vergangenheit. Das restaurierte Volksautomobil mit Peugeot-Vierzylinder steht in engem Einklang mit den renovierten Fassaden der lettischen Hansestadt.

Er ist ein Mischling, der Audi Typ P, liebenswert, robust und genügsam. Er hat alle Eigenschaften, die man gerne auch einem treuen Hund zuordnet. Nach zwei Jahren heilsamer Restaurierung in den finsteren Katakomben des Rigaer Motormuseums freut sich der Audi Typ P auf Auslauf. Das neue Revier des Audi Typ P ist die Altstadt von Riga.

Audi Typ P - Mischling aus DKW und Peugeot

Zwischen dem Schwarzhäupter-Haus, dem Palast Peters des Großen, und der Georgskirche kommt das kleine Vierzylinderherz des Audi Typ P nach langer Zeit wieder in Schwung. Die Polizisten drücken ein Auge zu, nicht jede der malerischen Alststadtgassen ist für den Verkehr freigegeben, aber der kleine Audi Typ P macht seine 1,40 Meter breiten Schultern noch schmaler, und Revier-Markierungen in Gestalt kleiner Ölflecken verkneift er sich.

Das Getriebe des Audi Typ P jault, die stehenden Ventile schnaufen lebhaft, fröhliche Lebenszeichen eines todgeweihten Scheunenfunds, dem lettische Vollblut-Restaurateure, die aus einem Stück Altmetall einen Scheinwerferring dengeln können, neues Leben einhauchten. Der Mischling mit der DKW-Karosserie und dem Peugeot-Motor erinnert an den ersten Nachkriegs-Audi mit DKW-Karosserie und Mercedes-Motor, den der damalige Audi-Chefkonstrukteur Ludwig Kraus in deftig-bayerischer Herzhaftigkeit "Bastard" taufte. Die erfolgreichen Bastarde vom Audi 60 bis zum Super 90 bildeten immerhin den Grundstock für die spätere Rassezucht.

Wirtschaftskrise: Audi weitet die Modellpalette nach unten aus

Auch der Audi Typ P bedeutete für die Audi-Werke 1931 ähnlich wie der Audi 72 von 1965 für die Auto Union einen Neuanfang in der volkstümlichen Klasse. Denn Audi hatte sich unter der Regie von August Horch als Nobelmarke etabliert, deren Aushängeschild imposante Achtzylinder-Tourenwagen wie der Imperator und der Typ Zwickau waren. Doch die Weltwirtschaftskrise spielte dem Aufsteiger aus Sachsen übel mit. Die Fahrzeugproduktion sank dramatisch, der überaus gelungene und harmonische Horch 8 avancierte schnell zum Liebling des Establishments in der Weimarer Republik. Der Boss des DKW-Imperiums, Jörgen Skafte Rasmussen, übernahm 1928 die Aktienmehrheit der angeschlagenen Audi-Werke in Zwickau. Zunächst stieß er die Entwicklung eines zeitgemäß-preiswerten Frontantriebwagens mit DKW-Motorradmotor und zwei Querblattfedern an. Der DKW Front Typ FA 600 feierte 1931 sein spektakuläres Debüt und brachte den Audi-Werken endlich die erwünschte Auslastung.

Außerdem entschied sich Rasmussen für die schnelle Lancierung eines Volks-Audi. Basierend auf dem DKW 4=8 Typ V 1000 entstand in Kombination mit einem zugekauften kleinen Peugeot- Vierzylinder aus dem 201 der Audi 5/30 PS Typ P. Rasmussen herrschte bereits über die größte Motorradfabrik der Welt und kaufte, weil er zum prestigeträchtigen Automobilhersteller aufsteigen wollte, 1924 die in Konkurs geratene SB Automobil-GmbH in Berlin-Spandau. Die dort produzierten Kleinstwagen überraschten durch rationale und stabile Bauweise.

Dr. Rudolf Slaby entwickelte in Spandau das Konzept der selbsttragenden Sperrholzkarosserie mit Kunstlederbespannung. Rasmussen fertigte ab 1928 DKW-Automobile nach diesem preiswerten Muster. So entstand 1929 der Typ 4=8,damals noch in konventioneller Bauweise mit blattgefederten Starrachsen vorn und hinten sowie Hinterradantrieb.

Zu teuer, zu unzuverlässig - nur 327 Exemplare entstehen

Das Besondere des Audi Typ P war sein V4-Zweitaktmotor mit 90 Grad Zylinderwinkel und zwei zusätzlichen Ladepumpen-Zylindern. Hoher Verbrauch und mangelnde Zuverlässigkeit enttäuschten die Kundschaft. Der Audi 5/30 PS Typ P, das P steht für Peugeot, kostete mit 3.385 Reichsmark nur 85 Mark mehr als sein DKW-Pendant, bot dafür einen problemlosen, wenn auch keineswegs brillanten Motor und das bessere Markenimage, symbolisiert durch die stolze Eins auf dem Kühlergrill.

Trotzdem verließen nur 327 Exemplare des Audi Typ P in knapp einem Jahr das Spandauer Werk. Der preußisch-französische Bastard aus sächsischer Familie vermochte trotz guter Fahreigenschaften und gediegenem Finish nicht zu überzeugen. Ein Opel 1,2 Liter 12 C war 1.000 Mark billiger als der Audi Typ P, Konkurrenz im eigenen Hause bot der frontgetriebene und bei Audi gebaute DKW FA 600. Für nur 2.400 Mark bekam man ein fortschrittliches Automobil.

Totgeglaubte leben länger: Audi Tradition wird im Kleinanzeigenteil fündig

Ralf Hornung, bei der Audi Tradition als Schlüsselfigur verantwortlich für den Ankauf von Museums-Exponaten und für Restaurierungen, glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er vor zwei Jahren den ausgestorben geglaubten Audi Typ P im Kleinanzeigenteil einer Oldtimer-Zeitschrift fand. Mit Glück und Geschick gelang es ihm, die Rarität mit dem Charakter eines klassischen Scheunenfunds zu erwerben, Recherchen ergaben, dass der Audi Typ P bis zum 5. Juli 1955 zugelassen war. Zwei Jahre dauerte die Restaurierung des letzten Mohikaners. Der Audi Typ P erwies sich als ziemlich marode. Große Teile der Karosserie mussten von lettischen Spezialisten in Riga neu aus Eschenholz aufgebaut werden.

Auch der im Audi Typ P verbaute Peugeot-Motor vom Typ SE war wegen des gerissenen Blocks nicht mehr zu retten. Hornung trieb in Frankreich ein brauchbares Triebwerk auf und schickte es zur Überholung nach Riga. Nun nimmt der neu geborene kleine Vorkriegs-Audi Typ P wieder munter die schmalen Mosaikpflastergassen von Rigas Altstadt unter seine schmalen 18-Zoll-Räder.

Wären da nicht die Touristen mit ihren Digitalkameras und die einheimischen Mädchen, die auf Stöckelschuhen über das Kopfsteinpflaster balancieren, man könnte meinen, im Hamburg des Jahres 1932 unterwegs zu sein. Zufrieden brummt der kleine, nur zweifach gelagerte Vierzylinder mit seinen stehenden Ventilen im Audi Typ P vor sich hin. Er ist erstaunlich leise, im ersten Gang dominiert das fröhliche Jaulen des Prometheus-Dreiganggetriebes. Das lässt sich erstaunlich leicht und exakt schalten, Doppelkuppeln und Zwischengas vorausgesetzt. Bei Tempo 60 im dritten Gang fühlt sich der Audi Typ P am wohlsten. Das reicht zu übermütigen Wettfahrten mit der Straßenbahn, und die Fahrgäste winken ihm fröhlich hinterher.

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Alf Cremers

Autor:

Motor Klassik, Heft 10 / 2005

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