Buick Regal V6 Limited : Philishave De Luxe

So ziemlich am unteren Totpunkt des US-Designs steht der Buick Regal. Genau da wendet sich das Skurrile plötzlich zum Coolen. Der Außenseiter wird zum Trash-Star.

Buick Regal – Auto des Mittelmaß
 
Er hat den Charme eines Rasierers.Seine feinen Kühlergrillstreben könnten Bartfangschlitze sein. Er wirkt wie ein übrig gebliebener Gebrauchsgegenstand aus den Achtzigern, der immer noch gut funktioniert und den man ohne Nachzudenken in die Hand nimmt. Vielleicht würde man ihn beim nächsten Umzug aussortieren, ist er doch formal völlig aus der Mode gekommen. Später werden wir ihn aus dem Recycling-Korb nehmen, wenn wir merken, dass wir doch an ihm hängen. Auf den ersten Blick hat dieser silberne Buick Regal Limited trotz seiner Spuren der Jahre keinerlei Ausstrahlung.
 
Er wohnt im Niemandsland amerikanischer Autos, zwischen Downsize-Country, den Front-Wheel-Drive-Mountains und dem Miles-Per-Gallon-Creek. Ein fades Vorstadtmobil, so mittelmäßig und durchschnittlich wie der sprichwörtliche Nachbar Mr.Jones. Kein Muscle-Car-Schweiß ölt seinen uninspirierten aerodynamischen Körper, kein sonores V8-Stakkato massiert seine Auspuffanlage. Und die erotischen Rundungen eines 72er Riviera sind ihm längst fremd geworden.
 
Dieser 89er Buick Regal Limited ist wie so viele Lebensabschnitts-Spaßmobile eine Zufallsbekanntschaft aus dem Internet. Eine Hand voll dieser Exoten nistet stets bei mobile.de. Die Preise liegen zwischen 1500 und 2000 Euro.Sie sind also allemal die Sünde wert, einmal exotisch fremdzugehen. Das Risiko einer Enttäuschung ist gering, sogar die Ersatzteilpreise sind erstaunlich moderat.

Gute Ausstattung, hochwertiges Blech und günstiger Preis

Die robuste Technik und vor allem das erstaunlich hochwertige und damit rostresistente Blech lassen sie oft weniger schnell altern als eine kontemporäre S-Klasse. In den späten achtziger Jahren gelang dem hier zu Lande exzentrischen Buick Regal tatsächlich ein Achtungserfolg bei graumelierten Halstuchträgern im Revier großer Opel-Händler. Nur 43300 Mark kostete der kleine Ami damals, exakt soviel wie ein Mercedes 230 E ohne Extras oder ein Ford Scorpio 2.9i Ghia.
 
Mit diesem Kampfpreis und dem Luxuspaket „Limited“ geriet der Regal damals zum grandiosen All-Inklusive-Übersee-Trip mit Klimaautomatik, Cruise Control,ABS,Mäusekino,G-Kat,Automatik,Zentralverriegelung,Radzierblenden im Speichen-Look und Metalliclack. Fensterheber, Außenspiegel und die Fahrersitzverstellung funktionieren elektrisch. Nur die Lederpolsterungstand damals auf der Aufpreisliste.
Diese Opulenz in Sachen Bedienungskomfort, der lässige Automatik-Wählhebel am Lenkrad und die zumindest optisch angedeutete Sitzbank lassen selbst beim antriebsseitig leichtverdünnten Buick Regal noch die Philosophie des American Way of Drive durchscheinen. Regal heißt schließlich wörtlich übersetzt „königlich“. Den Begriff kennen vor allem Whiskytrinker durch ihre Lieblingsmarke Chivas Regal. Ganz so hochprozentigen Fahrgenuss verspricht der Buick Regal allerdings nicht, dafür ist er zu schwer und zu schwach.

Ami-Kitsch: Mäusekino und Holzdekor
 
Aufgerundete 140 DIN-PS sind nicht eben viel für knapp 1500 Kilogramm. Die übrigens beweisen, dass der kompakte Buick keine billige amerikanische Großserienbüchse ist, wie es sein ungeschicktes Styling zunächst suggeriert, sondern ein solide gebautes Automobil. Nimmt man auf dem Clubsessel Platz und rückt ihn sich elektrisch zurecht, breitet sich schnell jenes Wohlfühlaroma aus, das wir von wahren Luxuswagen kennen. Die Innenbreite des Sechssitzers ist üppig, das Raumgefühl vorn großzügig, die eigenartige Gurtführung erlaubt müheloses Anschnallen. Ein Dreh mit dem Zündschlüssel bringt das Info-Board, das früher mal ein Breitbandtacho war, zum Leuchten. Grüne LEDs melden sich flimmernd, simulieren Flüssigkeitsstände, zeigen Tempo, Temperatur und Drehzahl.
 
Eine verspielte Check Control mahnt mit leuchtender Fahrzeugsilhouette. Die Displays für Radio, Klimaanlage und Bordcomputer, aufkitschigem Palisander-Holzdekor drapiert, sehen aus wie Taschenrechner von Texas Instruments. Im Kontrast zum post-modernen Instrumentenbrett steht das billig wirkende Lenkrad, das aus einem alten Nissan Micrastammen könnte. Stil ist nicht die Stärke des Regal. Die Entzauberung des Mythos Buick begann exakt im Jahr 1979,als GM die neuen X-Bodies mit Frontantrieb auf die Straße schickte. Seit der Ölkrise von 1973/74 bekamen die US-Hersteller für ihre so genannten Intermediates (Mittelklassewagen) Downsizing und Flottenverbräuche ins Lastenheft diktiert. Ein quer eingebauter 2,8-Liter-V6 ersetzte beim Buick Skylark den konventionellinstallierten V8 – plötzlich hielt Raumökonomie Einzug, und die neuen kleinen Amis hatten sogar wieder in der Schweiz eine Chance.

Unser Buick Regal Limited ist lediglich ein optimierter X-Body-Nachfahre, unterwegs entpuppt er sich als braver Cruiser. Noch beim Einsteigen denkt man„Oh Gott, was für eine Schüssel“, dann schmunzelt man über die lustigen Gimmicks aus einer anderen Welt. Sobald man den Regal verstanden hat, beginnt der Fahrspaß. Rein mit der Eagles-Cassette und Fahrstufe D, aufs Gas und los geht’s. Der weich und leise laufende 3,1-Liter-Stoßstangen-V6säuselt gelangweilt, setzt sich gemächlich in Bewegung und schafft übers Drehmoment die Illusion ausreichender Leistung.
 
So sanft wie der Motor arbeitet auch die Viergang-Automatik. Die Lehne des Sitzes surrt in eine entspanntere Position – nun stimmt auch die innere Einstellung zum Wagen. Es ist ein nervenschonendes Fahren, das aus dem Hubraum schöpft. Die Nachmittagssonne zaubert ein weiches Licht auf die silbernen Flanken, die skurrile Form erwacht zur eigenwilligen Schönheit. Die Linien sind sanft wie das Fahren selbst. In zwei Stunden muss der Buick zurück. Der Bordcomputer zeigt noch 120km Reichweite,1800 Euro kostet der Wagen – ohne Rost und mit 135000 Kilometern auf der Uhr. Buick, das wär doch mal was Anderes. Die Sonne geht unter, als der Händler im Scheinwerferlicht des Regal das Rolltor schließt:„Okay,1600,überleg’es dir, bis morgen Abend darfst du ihn behalten.“

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Alf Cremers

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