Chevrolet Impala SS 327: US-Car mit 5,4-Liter-V8 Motor im Fahrbericht

Chevrolet Impala SS 327

Trotz der Bezeichnung Super Sport und 5,4-Liter-V8 ist der Chevrolet Impala SS von 1964 vor allem ein guter Gleiter. Und eines der schönsten US-Cars noch dazu. Das zweitürige dunkelblaue Hardtop-Coupé im Fahrbericht.

Anfang der 60er Jahre war es endlich so weit: Der US-amerikanische Design-Trend hieß nun "Flossen runter". Die damaligen Autokäufer begrüßten sicher diesen Schritt, denn die riesigen Fahrzeuge mit ihren Jahr für Jahr in die Höhe gewachsenen, technisch sinnlosen Luftleitwerken wirkten zuletzt wie aufgeblasene Comic-Autos aus Entenhausen, in denen Glückspilz Gustav Gans das Herz von Daisy Duck erobern wollte.

Chevrolet Impala SS repräsentiert die neue Sachlichkeit

Den neuen, sachlichen Stil präsentiert am eindrucksvollsten dieser dunkelblaue Chevrolet Impala SS von 1964. Dank der dunklen Farbe und seiner ausgewogenen Proportionen - nichts würde man an der stattlichen Karosserie ändern wollen - wirkt das zweitürige Hardtop-Coupé deutlich kompakter, als es wirklich ist: gut 5,3 Meter lang, knapp zwei Meter breit und 1,4 Meter hoch.

Trotz aller formaler Schlichtheit entdecken wir an der Karosserie viele sympathische, aufwendig ausgeführte Details: komplett verchromter Frontgrill im dezenten Hundeknochen-Stil, zwei "Cabrio"-Lichtkanten im Coupédach, stark ausgeprägte Kotflügeloberkanten und seitliche Aluminium-Zierleisten, die auf Höhe des Außenspiegels zum Heck hin ein feines, symmetrisches Wirbelmuster (Swirl pattern) aufweisen, das sich auch als obere Umrandung des Wagenhecks, am Instrumentenbrett und auf der Mittelkonsole wiederfindet und nur der Super Sport (SS)-Version vorbehalten war. Auch die mattsilber glänzenden, glattflächigen Radabdeckungen mit drei Verstärkungsrippen kombinieren gekonnt Eleganz mit Modernität.

Der Innenraum des Chevrolet Impala ist riesig

Richtig super ist auch der riesige Innenraum des Impala. Hier gefallen besonders die hervorragend verarbeiteten, von glänzendem Kunstleder und verchromtem Stahl dominierten Sitze und Türverkleidungen, die in den großzügigen Umrahmungen der schräg nach vorn klappbaren Sitzlehnen gipfeln.

Herrlich schlicht auch die Instrumententafel mit Bandtacho, Uhr und Tankanzeige sowie sechs identischen, metallenen Zug- und Drehschaltern, mit denen der Fahrer Licht, Wischer, Klima und integriertes Radio bedient. Ganz modern zeigt sich die großzügig gepolsterte Instrumentenbrett-Oberseite, die bei einem Crash den Cockpitkontakt der Front-Passagiere mildern sollte. Optimal waren nur Beckengurte erhältlich. Auch die Mittelkonsole mit Automatik-Wählhebel aus Edelstahl war nur gegen Aufpreis und nur im Verbund mit der Powerglide-Dreigang-Automatik oder mit dem Viergang-Schaltgetriebe zu haben.

In den Basisversionen mit 3,8-Liter-Sechszylinder, 4,6- oder 5,4-Liter-V8 verfügte der Impala SS nur über ein Dreigang-Schaltgetriebe, das jedoch für die Topversion mit 6,7 Liter Hubraum und 340 SAE-PS (ein Vierfachvergaser) beziehungsweise 431 (zwei Vierfachvergaser) nicht vorgesehen war. Dieser gewaltige 409 Cui-Motor begründete bereits 1961 den legendären Ruf des Impala SS als eines der ersten Muscle Cars. Mit Mittelschaltung, Einzelsitzen vorn, Brems- und Lenk-Servos sowie härteren Fahrwerksfedern und -Dämpfern diente der SS 409 als Basis für einen heißen Allzweck-Renntourenwagen, der die favorisierten Ford, Plymouth und Pontiac auf der Viertel-Meile und in den NASCAR-Ovalen herausforderte.

Der Chevrolet Impala SS erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h

Die Leistungsfähigkeit eines Impala SS mit 409er-Maschine zeigt der Automobilrevue-Katalog von 1964. Dort ist dessen Höchstgeschwindigkeit mit sagenhaften 220 bis 240 km/h angegeben - eine der damals schnellsten Serien-Limousinen der Welt. Unserem dunkelblauem Impala mit 5,4-Liter-V8 genügen jedoch 253 SAE-PS, was immerhin einen Topspeed von 180 km/h ermöglichen sollte.

Wir haben es aus verschiedenen Gründen nicht ausprobiert. Zunächst ist der Fahrer geradezu geblendet von der Helligkeit und Weite des riesigen Innenraums. Sogar die Mitte des extrabreiten, nicht zu weich gepolsterten Fahrersessels ohne jegliche Seitenführung muss erst einmal gefunden werden. Das nicht übermäßig große Lenkrad ragt dem Chevy-Piloten weit entgegen und zwingt ihn dazu, die Arme stark anzuwinkeln. Leider ist die Instrumentierung für ein Sportmodell überaus dürftig: Es gibt nur einen Tacho und eine Zeituhr. Ein zentral auf der Lenkradsäule montierter, bis 7.000/min anzeigender Drehzahlmesser war ausschließlich für die 409er-Maschine und die auf 304 SAE-PS leistungsgesteigerte Version des 327er-V8 lieferbar.

Dessen Fehlen entschädigt der sich wunderbar glatt anfühlende Automatikwählhebel, den wir jetzt über "N" und "R" nach hinten auf "D" ziehen. Beim Passieren des "R" schüttelt sich der blaue Riese ein wenig, in "D" geht es zügig und nachhaltig vorwärts - auch mit nur 5,4 Liter Hubraum: Spontan verwandelt sich jede sanfte Regung des Gasfußes in Tempo. Wieder wird einem klar, wie frenetisch die Amerikaner im Land des scharf kontrollierten Tempolimits der rasanten Beschleunigung aus dem Stand verfallen waren. Der Impala hebt seine Nase, fährt die Hinterräder ein und zieht davon wie ein Motorboot auf dem Michigan-See.

Der Chevrolet Impala SS weckt Erinnerungen an amerikanische Krimis

Die unzähligen Szenen aus amerikanischen TV-Kriminalfilmen kommen einem dabei in den Sinn, in denen die Detectives ständig vom Bordstein los- und abfahren oder aus schleichenden Autokolonen mit aufgesetztem Rotlicht herauszischen - von "Dezernat M" bis zu "Die Straßen von San Francisco". Immer riesige Limousinen, die beim Beschleunigen so aussehen, als würde die Heckstoßstange über den Asphalt schleifen. Das kann der Impala auch. Und beim Bremsen taucht die Nase tief auf den Asphalt hinab. Steht der Wagen schließlich, dann schaukelt er noch zwei- bis dreimal nach und gibt dem Fahrer das Gefühl, er säße oben im Korb eines indischen Jagdelefanten.

Der sanfte, große Gigant ist fast so weich gefedert wie eine Ente. In schnell gefahrenen Kurven ähnelt die Seitenneigung einer Segeljolle kurz vor dem Kentern. Jetzt droht der Fahrer definitiv von seinem breiten, glatten Sessel zu rutschen, da ihm auch das ultraleichtgängige Lenkrad keinen Halt bietet. So beschränken sich die Sportambitionen des Impala SS auf eine superschnelle Beschleunigung, die schicken Alu-Verkleidungen, hübsche Radkappen und viele rote SS-Embleme. Aber gerade deshalb lieben wir ihn ja, den verspielten Vorfahren aller GS, GTI, R/T, RS und Z28, weil er damals jeden Daddy in einen Dan Gurney oder Carroll Shelby verwandelte.

Der Chevrolet Impala SS ist ein Auto zum Cruisen

Geradeaus läuft der Impala auch nach heutigen Maßstäben ganz prächtig. Doch Besitzer Abdulkadir Baz, Inhaber einer großen Speditionsfirma mit modernen Lagerhallen im badischen Waghäusel, lässt es lieber ruhig angehen und meint: "Für mich gibt es kein schöneres Auto zum Cruisen. Ich genieße den fürstlichen Platz, das schicke Interieur und die neugierigen Blicke, die den Impala verfolgen." Außerdem sei der große Chevy in einem so perfekten Zustand, dass man gern etwas vorsichtiger mit ihm umgeht. "Der Wagen stammte aus zweiter Hand und war seit 44 Jahren in Familienbesitz. Bei den Gesprächen mit dem Verkäufer in Salt Lake City hat man richtig gespürt, dass der Deal schwer fiel." Die vielen Servicekleber an der Fahrertür und der fast makellose Zustand des Coupés bekunden die vitale Freude der Vorbesitzer an dem klassischen Chevy.

Dennoch steht der Impala wieder zum Verkauf. Sein derzeitiger Eigner Baz, der sich auf Mercedes-Klassiker spezialisiert hat (www.baz-dreamcars.com), möchte sich von dem großen Coupé trennen. Höchst ungern, wie er beteuert: "Eigentlich bin ich kein US-Car-Fan. Aber der schlichte, elegante Impala hat irgendwie Charme. Und die Verarbeitung des Innenraums und der Karosserie kann beinahe mit den Stuttgartern mithalten."

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Franz-Peter Hudek

Autor:

Motor Klassik, Heft 09 / 2009

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