Ferrari 212: Alles Gute zum Hochzeitstag

1951 schenkte Roberto Rossellini diesen Ferrari 212 Ingrid Bergman zum ersten Hochzeitstag. Am 18. Mai wird er in Maranello versteigert.

Ob sie sich wohl in diesem Cockpit geküsst haben? Man darf getrost davon ausgehen. Schließlich waren die schwedische Schauspielerin und der italienische Regisseur gerade einmal elf Monate verheiratet, als sie im April 1951 den Turiner Autosalon besuchten und gemeinsam über die neuen, von verschiedenen Carossiers eingekleideten Ferrari 212 in Verzückung gerieten. Ingrid Bergman hatte es besonders ein elegantes Coupé von Pinin Farina angetan, und Roberto Rossellini beschloss, ihr eines zum ersten Hochzeitstag zu schenken.

Bergmann bekommt ihren eigenen Ferrari

4,5 Millionen Lire bezahlte der Pionier des italienischen Neorealismus ("Rom, offene Stadt", 1945) dafür. Er selbst fuhr seit knapp zwei Jahren Ferrari, einen 166 Inter mit Aufbau von Stabilimenti Farina. Doch es sollten noch weitere zwei Jahre ins Land gehen, bis die Bergman endlich ihr eigenes "grollendes Baby" erhielt.

Was wenig wundert. Schließlich war Ferrari zu Beginn der fünfziger Jahre eher eine Manufaktur denn eine Fabrik - Bestellungen wurden getreu nach Kundenwunsch gewissenhaft abgearbeitet. So finden sich im originalen Foglio Montaggio, dem Auslieferungsblatt, alle relevanten Details: Das Chassis mit der Nummer 0265 etwa weist die 2.600 mm Radstand der Europa-Version auf (gegenüber den 2.250 mm der Export-, sprich Sportvariante). Stoßdämpfer von Houdaille, Reifen von Pirelli.

Der 2,5-Liter-Zwölfzylinder wurde am 22. Oktober 1952 von den Mechanikern Gnoli und Ferrari komplettiert, sorgsam überwacht von Capo Amos Franchini. Kolben Standard 212, Verdichtung 8,5, drei Weber-Vergaser mit 36 Millimeter Durchlass. Damit sollte der Motor 170 PS leisten - entgegen den 130 der zahmeren Versionen mit einem Vergaser und 7,5er-Verdichtung.

Am Getriebe - Standard-Viergang, teilsynchronisiert - zog Mechaniker Beltrami am 6. November die letzten Schrauben fest, einen Tag später hatte Seghedoni die Hinterachse einbaufertig. Das Chassis folgte am 15. November, am 10. Dezember ging das gesamte Paket zu Pinin Farina nach Turin.

Pinin Farina wird die Nummer eins der Carosseriers

Der künftige Großmeister des italienischen Designs hatte zuvor bereits zwei überaus gelungene Cabriolets auf Basis des 212 gezeichnet, das Coupé erschien mit seinen strengen Linien und dem großen Grill als logische Folge. 15 Exemplare entstanden 1952 und 1953, mit beiden Entwürfen hatte Pinin Farina die etablierten Konkurrenten von Ghia, Stabilimenti Farina, Vignale, Carozzeria Touring und Ghia-Aigle weit hinter sich gelassen - er avancierte zum Carossier Nummer 1 für alle Touring-Ferrari.

Chassis 0265 kehrte im April 1953 nach Modena zurück, präsentierte sich in moderner Zwei-Farben-Lackierung Nero/Argento mit hellem Leder und wurde am 21. Mai endlich ausgeliefert - gerade noch rechtzeitig zum dritten Hochzeitstag. Da war die Scheidung der Ehe Rossellini-Bergman noch vier Jahre und einige weitere Ferrari-Modelle entfernt, und die beiden haben sich sicherlich noch geküsst.

Ein paar harte Worte dürften in dem engen Cockpit allerdings auch gefallen sein. Denn am 5. Juni brach das Paar mit dem 212 Coupé zu einer Reise von Rom nach Stockholm auf, wo Ingrid Bergman einen Filmpreis erhalten sollte. Roberto Rossellini wiederum hatte kurz zuvor die Mille Miglia in seinem neuen 250 MM Vignale Spyder in Angriff genommen und machte auch die Fahrt durch Italien, über die Alpen und durch Deutschland zu einem Parforceritt. Sicherlich nicht immer nach Ingrids Geschmack.

Dennoch, was für eine traumhafte Vorstellung: Die fast leeren Straßen der frühen Fünfziger, kaum Geschwindigkeitsbegrenzungen und ein 170 PS starker und 1.000 Kilogramm leichter Ferrari. Den deutschen 105 km/h-Käfer- Fahrern muss das eilige Paar wie eine Erscheinung vorgekommen sein, wenn es auf den wenigen Autobahnen mit knapp 200 an ihnen vorbeirauschte - samt Dachträger und reichlich Gepäck obendrauf.

Nicht mal ein Jahr hielt die Liebe zu dem Ferrari

Die Faszination an dem Ferrari Coupé hielt noch ein gutes halbes Jahr an, dann verkauften Rossellini und Bergman den Wagen am 30. Januar 1954 an den Römer Enzo Fidanzi. Anschließend wechselte Nummer 0265 mehrfach den Besitzer, bis er schließlich in die Vereinigten Staaten verschifft wurde und auch dort durch mehrere, meist kalifornische Sammlerhände ging.

Zu Beginn der achtziger Jahre schließlich kam das Pinin Farina Coupé in zerlegtem Zustand zu Bob Smith Coachworks nach Gaineswille, Texas, wo es komplett restauriert wurde. Vier Jahre später strahlte der Wagen in gleißendem Ferrari-Rot - eine typische Sünde der Achtziger. Dennoch gewann das einstige Hochzeitstagsgeschenk mehrere Preise bei verschiedenen Concours d‘Elegance, unter anderem in Pebble Beach und Watkins Glen.

Nach weiteren Sammlerwechseln kehrte 0265 zu Beginn des neuen Jahrtausends zurück nach Europa, wo der aktuelle Besitzer zunächst einmal die komplette Mechanik penibel inspizierte - und feststellte, dass nur wenig zu tun war, damit Bergmans Baby grollen konnte wie einst. Vor allem aber entdeckte er zu seiner großen Freude, dass Motor, Getriebe und Hinterachsgetriebe noch dieselben sind, die einst von den Herren Gnoli, Ferrari, Beltrami und Seghedoni für 0265 zusammengeschraubt wurden.

Sünden der Achtziger beseitigen

Anschließend machte sich der Verfechter größtmöglicher Originalität daran, die Sünden der Achtziger zu beseitigen und ließ das Pinin Farina Coupé wieder im ursprünglichen Schwarz mit silbernem Dachaufbau lackieren. Einzig das beigefarbene Leder, das mehr als 20 Jahre nach der Vollrestaurierung ebenfalls eine leichte Patina aufweist, durfte bleiben - ursprünglich war hellgraues verwendet worden.

So steht Nummer 0265 nun bereit zur Probefahrt, das Öl ist auf Betriebstemperatur, der Zwölfzylinder brodelt angriffslustig im Leerlauf. Im knapp geschnittenen Cockpit hatten es Bergman und Rossellini bestimmt kuschelig. Ein Blick in den winzigen Kofferraum erklärt, warum das Gepäck auf dem Dach nach Stockholm reisen musste.

Der 2,5-Liter entwickelt schon bei niedrigen Tourenzahlen erstaunliche Kräfte; das nur in den oberen Gängen synchronisierte Vierganggetriebe gibt sich knorrig, die Lenkung störrisch. Insgesamt fühlt sich der Ferrari wenig geschmeidig an; man merkt, dass er im späteren Teil seines Lebens nicht artgerecht bewegt wurde. Eine Mille Miglia würde ihm gut tun, anschließend wäre er erfahrungsgemäß wie verwandelt.

Rund 700.000 Euro soll der besondere 212 bringen

Irgendwo auf den kurvenreichen Passagen zwischen Brescia und Rom würde sich dann auch einem neuen Besitzer der ganze Reiz erschließen, der von einem frühen Ferrari auf freier Fahrt ausgeht: Diese absolute Nähe zu den reinrassigen Wettbewerbsmodellen, das Fahrwerk, das präzise Rückmeldungen gibt, wenn Stoßdämpfer und Reifen auf Temperatur sind, die kompakten Außenmaße - und ein herrlicher Colombo-V12, für den einst nicht umsonst der Begriff "Tempel der Kraftentfaltung" geprägt wurde. Er dreht laut schreiend über 7.000/min und sorgt für eine Beschleunigung, die gefühlsmäßig nicht weit von modernen Sportwagen entfernt ist.

Am 18. Mai, einen Tag nach der Mille Miglia 2008, wird das Pinin Farina Coupé Nummer 0265 von RM Auctions in Maranello versteigert (Details unter www. rmauctions.com), Experten erwarten einen Erlös von gut 700.000 Euro. Das ist fast doppelt so viel, wie ein normaler 212 erzielen würde. Aber in einem normalen haben sich Ingrid Bergman und Roberto Rossellini auch nicht geküsst.

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