Ferrari 212: Blaues Blut und zwölf Zylinder

Ferrari 212

Mit den Ferrari 166 bis 212 begann die ruhmreiche Tradition der Straßensportwagen aus Maranello. Und nicht alle waren rot, wie dieser dunkelblauer Ferrari 212 von 1951 beweist, der zudem ursprünglich in Weiß ausgeliefert worden war.

Der Zwölfzylinder ist zu hören, lange bevor er zu sehen ist. Der bellende Sound des Colombo-Motors bricht sich an den Gründerzeitwänden der ehemaligen Pionierkaserne, als Mario Bernardi mit der 212 Barchetta ums Eck kommt. Ein Stoß Zwischengas, den zweiten Gang rein, und ein paar Sekunden später steht der kleine dunkelblaue Ferrari.

Der volle Name - Ferrari 212 Export Touring Barchetta

Es riecht nach etwas verbranntem Öl und hochoktanigem Sprit. Denn nach längeren Standzeiten dosieren die drei Weber-Doppelvergaser das Benzin gern ein wenig reichlicher in die Brennräume. Normalerweise steht der kleine Sportwagen im Showroom von Mario Bernardi. Auf dem Parkett des alten Raums, der früher als Reithalle der Kaserne diente, parkt das puristische Fahrzeug meistens in der guten Gesellschaft von 250 Boano, 225 Export Vignale, 375 Mille Miglia und anderer Ferrari-Pretiosen, aufgelockert durch gelegentlich eingestreute Maserati 4 CM, Porsche 904 GTS oder Lamborghini 400 GT.

Heute hat er Auslauf, der blaue Ferrari, dessen korrekte Typenbezeichnung 212 Export Touring Barchetta lautet. Barchetta heißt Bötchen, und wenn der 212 vor einem steht, begreift man in Sekundenbruchteilen, warum der Volksmund beim Erscheinen des ersten Ferrari mit dieser Karosserieform den Diminutiv wählte. Barcha, das Boot, hätte zu so einem kleinen Auto nicht wirklich gut gepasst.

Denn wie schon bei seinem Vorgänger mit dieser Karosserieform, der Barchetta 166 S Mille Miglia, sind es nur 2.250 Millimeter Radstand, zwischen denen sich ein Zwölfzylinder-Motor, ein massiges Getriebe, zwei winzige Sitze und zwei Achsen den Platz teilen. Zum Vergleich: Der Alfa Spider hatte acht Zylinder weniger, aber bis 1993 den identischen Radstand.

Verlierer sind im Falle der Barchetta eindeutig die Insassen. Personen über 1,85 passen nur mit mühsamen Verrenkungen hinter das große Holzvolant, und auch das nur, weil ein Dach nicht vorgesehen ist. Entsprechend sieht das Resultat aus - wie ein Erwachsener in einer Kinderbadewanne. Der Ferrari ist aber weit schneller.

Überraschung: Die Restaurierer des Ferrari 212 fanden 153 zusätzliche Kubikzentimeter

Rund 200 PS attestiert Bernardi dem Motor der Barchetta, der in der Papierform 170 PS leisten dürfte. Das kam so: Als vor einigen Jahren der Motor der Barchetta mit der Chassisnummer 0084 E überholt werden sollte, stellten die Restaurierer zu ihrer Überraschung fest, dass das Triebwerk mit der Nummer 0084 E ein 225er-Motor war. Mit anderen Worten: 2.715 Kubikzentimeter statt deren 2.562.

Wie das kam, weiß heute niemand mehr so genau. Auf jeden Fall wurde diese Touring Barchetta an Giannino Marzotto ausgeliefert, der 1950 mit einem 166 S die Mille Miglia gewonnen hatte. Marzotto war der jüngste Spross einer immens reichen Industriellenfamilie, der zusammen mit seinen Brüdern einen exklusiven Rennstall betrieb.

Giannino wusste, dass es 1951 mit den kleinen Ferrari bei der Mille Miglia schwer würde, gegen die vom Werk eingesetzten 340 America zu bestehen. Also ließ er auf der Basis einer 166 Barchetta ein Renncoupé bauen, mit dem vermeintlichen 212-Motor der neuen Barchetta 0084. E.

Das Coupé, ausgeführt von den Karrossiers Reggiani und Fontana aus Padua, geriet zum zwar aerodynamisch günstigen, ästhetisch aber fragwürdigen Rennauto, das wegen seiner Form den Beinamen "Uovo" (Ei) erhielt. Enzo Ferrari soll der Legende - und Marzottos Erinnerungen - nach vom Uovo nicht sehr begeistert gewesen sein.

Marzotto setzte den Uovo mit dem 0084-Motor jedenfalls bei der Mille Miglia 1951 ein, schied aber in Führung liegend aus. Der Sieg ging an Villoresi auf einem 340 America. Der Motor des Uovo wanderte nach einigen kleineren Rennen zurück in die Barchetta, die 1953 nach Rom verkauft wurde. Der Uovo wurde ebenfalls verkauft und ist heute noch bei vielen Veranstaltungen zu sehen, unter anderem jedes Jahr bei der Mille Miglia.

Der Weg des Blaumanns führte 1957 in die USA

Dort erhielt er irgendwann in den 70ern einen Chevy-V8, doch der ursprüngliche Motor verblieb glücklicherweise in der Nähe des Ferrari. 1987 wurde der 212 Export bei Bob Wallace in Phoenix restauriert - inklusive des Originalmotors, der in Wirklichkeit ein 225 ist.

Doch die 212-Baureihe nimmt aus ganz anderen Gründen einen wichtigen Platz in der Ferrari-Historie ein. Anders als die Vorgänger 166 und 195, die auch in der als Inter bezeichneten Straßenversion in nur wenigen Exemplaren entstanden, wurde der 212 zur Basis einer - nun ja - Serienfertigung. Zwischen 1951 und 1953 kamen 114 Chassis mit 212-Motor aus Maranello, von denen 82 in der Inter-Ausführung ausgeliefert wurden.

Die Inter-Versionen zeichneten sich durch einen längeren Radstand von 2.600 Millimeter und einen zahmeren Motor aus. Mit nur einem Weber 36 DCF-Vergaser und von 8,4:1 auf 7,5:1 reduzierter Verdichtung leistete der 2,6 Liter große Zwölfzylinder nach zeitgenössischen Angaben 155 PS bei 6.500 Umdrehungen.

Ghia, Michelotti, Pinin Farina, Touring - alle großen Blech-Coutouriers legten Hand an den Ferrari 212

Verschiedene Karosseriefirmen versuchten sich am 212 Inter-Chassis. Die meisten Wagen entstanden nach einem Michelotti-Entwurf bei Vignale, doch es gab auch Fahrzeuge von Ghia, Stabilimenti Farina oder Touring. Auch der erste Pinin Farina-Ferrari war ein 212, ein berückend schönes Cabriolet mit einfachen Linien und großem, verchromtem Kühlermaul.

Ein Ferrari war schon damals kein billiges Vergnügen. In den Preislisten Schweizer Automobilkataloge taucht 1952 der erste 212 Inter zu einem Preis von 48.900 Schweizer Franken auf. In der gleichen Liste ist ein Mercedes-Benz 300 Adenauer mit 28.000 Franken aufgeführt.

Der Ferrari wäre dennoch die bessere Investition gewesen. Denn während eine Adenauer-Limousine in sehr gutem Zustand heute 40.000 Euro kostet, ist ein Ferrari 212 gut das Zehnfache wert. Wohl gemerkt dann, wenn es sich um ein Inter Coupé handelt. Die Export sind weit teurer.

Erstaunlich aber, wie normal und unkapriziös sich ein so wertvolles Stück Automobilhistorie fährt. Der Colombo-Motor springt spontaner an als ein Fiat Punto, geht subjektiv besser als die meisten aktuellen Sportwagen und strahlt die selbstbewusste Aura eines wahren Kunstwerks aus. Auch wenn er heute kaum größer als ein Tretauto wirkt.

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Heinrich Lingner

Autor:

Motor Klassik, Heft 12 / 2004

Ein Ferrari in Blau ...
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