Tatsächlich sah der Capri zwar wichtig wie ein wirklicher Sportwagen aus. Aber wer ihn anfangs fuhr, musste zum stärksten V6-Triebwerk mit 2,3 Liter Hubraum und 125 PS greifen, um sich auf der linken Spur nicht von schütteren Mercedes-/8-Chauffeuren abledern zu lassen. Das konnte noch bestürzender sein als bunt bemalte Hausfassaden oder die freie Liebe der Kommunarden. Und zudem weckte die Form des Capri einfach das Verlangen nach mehr.
Bei Ford in Köln lag 1969 ein stärkerer Motor im Regal: Er stammte vom 26 M. Vor allem aber gehörte zur deutschen Ford-Dependance seit 1968 eine Rennsportabteilung, die sich mit der Verschärfung des Capri beschäftigen durfte. Das Ergebnis war Deutschlands erstes Muscle Car, ein Sportwagen aus dem Konzernbaukasten, der den Schub eines Porsche 911 S bereitstellte, aber nur etwas mehr als die Hälfte kostete.
Rollende Eigentumswohnung
Es war ein Tuningpaket nach Hausmacher Art. Aber es reichte zur Sensation: Ford-Fans raunten sich zu, dass die 150 PS dieses Motors nur im Prospekt stehen. In Wirklichkeit seien es 160 oder 170, mehr als die Leistung von vier Käfern.
15.850 standen auf dem Preisschild im Ford-Salon. Dazwischen lag 1970 eine viertel Eigentumswohnung in bester Lage von Wattenscheid. Der dunkle Bass legt sich über das Tickern des Ventiltriebs. Es wirkt längst so nostalgisch wie das tief geschüsselte Lenkrad mit Lederkranz.
Die Lenkung war damals ein Muster an Präzision. Auch die etwas langen Schaltwege fielen nicht auf. Viel wichtiger war die Beschleunigung: in 7,7 Sekunden von Null auf 100.
Obszön wie Tom Jones
Ebenso erbaulich ist allerdings die Gelassenheit, die ein Capri RS 2600 mit seinen Großserien-Genen im Alltag zeigt. Es ist ein sämiges, elastisches Fahren ohne Löcher beim Beschleunigen oder Gegenwehr, wenn es bei Tempo 60 der Vierte sein soll, aber auch mit lange währender Neutralität auf kurvigen Landstraßen.
Sicher, er federt nicht gern, und im Grenzbereich kommt er kurz und trocken mit dem Heck, wie es seit jeher seine Art ist. Und wenn der RS die Tachonadel über 200 vibrieren lässt, dann röhrt er dabei so wunderbar obszön wie der junge Tom Jones, der gut hinter das kleine Lederlenkrad gepasst hätte.





