Lloyd Arabella: Flossen-Fräulein

Wer Ende der Fünfziger auf vier Räder umstieg, wollte kein aufgeblasenes Rollermobil, sondern innovative Technik und aufregendes Design. Die Arabella besaß beides, begeisterte trotz Kinderkrankheiten Damen wie Herren.

Fix waren sie, die Herren der Abteilung "Verkaufsförderung" der Lloyd Motoren Werke. Schon eine knappe Woche, nachdem mein Vater nach Bremen geschrieben und um Arabella-Unterlagen gebeten hatte, trudelte ein ockerfarbener Umschlag ein.

"Eine weit über den üblichen Rahmen hinausgehende Ausstattung macht diesen neuen Wagen zu einem Spitzenerzeugnis europäischen Automobilbaus, das von Fachkreisen als Sensation bezeichnet wird", wurde ihm vollmundig versichert, obwohl die Lloyd-Kulanzabteilung damals schon mit allerhand Problemen des Neulings zu kämpfen hatte.

Die Arabella setzt sich gegen Käfer und DKW Junior durch

Davon hatte der Postempfänger Ende 1959 freilich keinen Dunst, auch die Frankfurter IAA, auf der die Arabella als Kleinwagen-Knüller vorgestellt wurde, hatte er nicht besucht. Der Tipp, nach Bremen zu schreiben, kam von meinem Onkel, Schlosser und Tankstellenpächter in Leinzell. Ein VW Käfer war für die bereits vierköpfige Familie aus Platz- wie Heizungsgründen undiskutabel, der DKW Junior kam in die nähere Auswahl, wurde nach eingehendem Studium des Tests von Alexander Spoerl im "Stern" verworfen ("Karosserie: ein Malheur; Bremsen: nichts dazugelernt").

Bei seiner ersten Probefahrt mit der Arabella in Schwäbisch Gmünd machte mein Vater zwar kurz Bekanntschaft mit dem Straßengraben, war aber von der leichtgängigen Lenkung, dem kernigen Boxermotor und der schicken Linie so beeindruckt, dass er die schnittige Limousine in "Alpinagrün" bei Müller-Raisch in der Lorcher Straße für 5.250 Mark orderte und im Frühjahr 1960 übernahm.

Offensichtlich ein Glücksgriff, denn während Kunden ihre im Vorjahr übernommenen Autos häufig wegen undichter Fußräume, Wasser im Heck und Getriebeschäden in der Werkstatt parkten, blieb GD-D-777, da bereits konstruktiv überarbeitet und mit ZF-Getrieberadpaarungen versehen, unbeschadet. Der Fahrer musste sich jedoch an die kratzbürstige Lenkradschaltung und den langen Kupplungsweg gewöhnen.

Die treue Arabella kommt nach der Ausmusterung in die Hände eines US-Soldaten

Gleich im ersten Sommer brummte unser Luxus-Lloyd voll bepackt über den Großglockner gen Kärnten. Selbst als nach Hausbau ins Remstal umgezogen wurde und ich endlich zwischen den Geschwistern meine Nase an der Panorama-Heckscheibe plattdrücken durfte, gab sich die Arabella stets mit den empfohlenen Inspektionen zufrieden - von Pannen keine Spur.

1964 absolvierte meine Mutter ihre Führerscheinprüfung und lernte rasch den geringen Wendekreis und die Heckflossen zu schätzen - Borgward war längst pleite, die letzte Arabella Anfang 1963 vom Band gerollt. Ende der Sechziger Jahre, nach Alltags- und zigfachem Urlaubseinsatz durchs Vinschgau und Norditalien, hatten der Zahn der Zeit und Väterchen Rost unserem Exemplar arg zugesetzt.

Kofferraum und Seitenfenster waren undicht, die Schaltung mittlerweile sehr widerspenstig, die Dämpfung am Ende. Von den Renault- und Mercedes fahrenden Nachbarn schon länger müde belächelt, wurde die Arabella inseriert und im Juli 1970 an einen US-Soldaten verkauft.

Auf den Straßen schon damals selten, meldet das Kraftfahrt-Bundesamt heute noch 151 Exemplare, doch öffentlich bewegt werden sicher weniger als die Hälfte. Die blaue Arabella, eine de Luxe-Variante, Baujahr 1961, gehört Stefan Proetzel aus Großköllnbach, der das vollrestaurierte Fräulein mit Borgward-Schriftzug im Goggo-Stammland bewegt. Auf den dortigen Landstraßen fährt sich die Bremer Biene beinahe sportlich.

Ihr "heiß gemachter" 45-PS-Wasserboxer hängt gut am Gas, in den Kurven ist sie dank straff gefedertem Fahrwerk erstaunlich spurtreu und verwindungssteif. Nachdem ich die Schaltung ohne größere Kratzereien intus habe, lässt es sich in der Arabella beinahe schaltfaul "cruisen", wie von Reinhard Seiffert beim ersten Test in auto motor und sport beschrieben. Die Leichtmetall- Trommelbremsen, damals teurer als die eines Mercedes 220, verrichten ihre Arbeit superb - wie eine Notbremsung hinter einem ausscherenden John Deere-Traktor bestätigt.

Im Fond möchte ich jedoch keine längeren Fahrten mitmachen - als Kind habe ich die mangelnde Kopffreiheit des heruntergezogenen Daches nie bemerkt.

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Gerfried Vogt

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