Mercedes Benz CL 500: Karibische Nächte

Mercedes-Benz CL 500

Machtvoll drängt die S-Klasse der 90er Jahre in die Youngtimer-Szene. Das karibikblaue Coupé von Chefdesigner Bruno Sacco gibt es nur einmal.

Das mächtige Coupé rollt auf den Parkplatz vor dem Mercedes Classic Center, und fast gewinnt der Betrachter den Eindruck von einer Bewegung jenseits des Fahrens: Der CL 500 in der vom Werk nur einmal verwendeten Farbe Karibik blau scheint geräuschlos und elegant auf den Hof zu schwappen – wie eine sonnenbeglänzte karibische Woge in einer versteckten Bucht an der mexikanischen Küste. An deren ferne Strände zog es in den90erJahren auch den Designchef von Mercedes, Bruno Sacco:„Ein mexikanischer Kollege hatte mir von den Schönheiten dieser Küste erzählt. Ich war fasziniert und machte damals alle zwei Jahre dort Urlaub. “Der bis auf ein flüsterndes Blubbern heruntergedämpfte Fünfliter-V8 ist noch dabei, seine acht Liter Öl aufzuwärmen. Das dauert ungefähr 30 Kilometer – woraus erhellt, dass es sich nicht wirklich um ein Automobil für die Kurzstrecke handelt.
 
 Im Kaltlauf lässt sich der nur eben handwarme Treibsatz jedoch gut abhören. Ticken die Hydrostößel? Lässt sich etwa eine gelängte Nockenwellenkette aus dem mechanischen Konzert heraushören? Klopft, pocht oder röchelt da gar etwas? Das Coupé klingt gesund und putzmunter. Die Fünfstufenautomatik erfreut mit ihrer seidenweichen, aber doch straffen Kraftübertragung. Und das Serien-Fahrwerk mit Gasdruck-Stoßdämpfern bügelt auch nach zehn Jahren die Unebenheiten des Landstraßenlebens souverän so glatt wie einen erstklassigen Leih-Smoking. Natürlich ist die Distanz zu den Coupés der S-Klasse-BaureiheW140 – die übrigens mit eigenem Code unter C140 in den Werksunterlagen firmieren – aus heutiger Sicht noch sehr klein. Der hier gezeigte CL500 entstand ja erst im Herbst 1996.

Der W-140-Zyklus reichte von1991 bis 1998.Die C-140-Coupés 500 (mitV8) und 600(mit V12) erblicken am 9.Januar 1992 auf der Detroit Motor Show das gleißende Licht der Öffentlichkeit.1994 folgt der 420-V8. Die Zweitürer starten ihre Karriere als SEC und werden 1993 auf S500 oder 600Coupé umgetauft.1996 erhalten sie das bis heute verwendete Kürzel CL. Mercedes-Benz selbst positioniert die Baureihe klar im obersten Luxussegment –„für Genießer am Volant“. Damit führen dieC140 eine lang gepflegte Tradition mit Stil und Würde fort. Bereits im Prospekt zu den Coupés der Vorgängerbaureihe W126 heißt es:„Diese Fahrzeugkonzeption verkörpert schon immer die gelungene Kombination von perfekter Technik und außergewöhnlicher ästhetischer Form. “Chefdesigner Sacco, nach Erreichen der Altersgrenze jetzt im Status des pensionierten Grand Seigneurs, erinnert sich dabei an Schwierigkeiten mit den Proportionen derC140:„Durch die gewaltigen Katalysatoren der Zwölfzylinder musste der Fahrzeugboden relativ hoch gelegt werden, um Hitzeprobleme zu vermeiden.
 
“Wegen der nötigen Kopffreiheit im Innenraum wuchs die Limousine so auf 1,48 Meter Dachhöhe, und das Coupé baut nur vier Zentimeter flacher. Es ist daher mehr ein Konzept automobiler Repräsentation als des Sports. Trugen schon die S-Klasse-LimousinenderW-140-Reihe zentnerweise an Innovationen, Hochtechnologie, Komfort und Fahrleistung, erwiesen sich gerade auch die abgeleiteten Coupés als technische Trendsetter. Unter ihrer edlen Haut debütierten zum Beispiel das elektronische Stabilitätsprogramm ESP, der Bremsassistent BAS, ein Tempomat bis hinunter zu30 km/h, serienmäßige Sidebags, die Belegungserkennung für den Beifahrersitz, das adaptive Dämpfersystem ADS, der Vorderachs-Fahrschemel, die doppelte Isolierverglasung und die Parameterlenkung mittempoabhängigem Lenkmoment.

Das alles wurde von Sacco und seinen Designern in eine elegante Hülle verpackt, die den erfreuten Passagieren nun wirklich Platz in Fülle bietet. So viel, dass Mercedes schon bei den technischen Daten zu einem kleinen psychologischen Trick greifen musste: Die Breite des Coupés wird mit 1912 Millimeter angegeben– allerdings ohne Rückspiegel. Mit den beheizbaren Ohrwascheln misst der CL 500 immerhin 2,16 Meter. Als Dienstfahrzeug wählte Bruno Sacco im Herbst 1996 also einen CL 500.Umauch an trüben Tagen die Sensationen der Karibik genießen zu können, ließ er eine Farbe anrühren, die mit ihrem irisierenden Grün und Blau dem Ton des Meeres vor Mexikos Küste am nächsten kommt. Sacco: „Sie wurde allerdings nie in der Serieverwendet.“ Der heutige Besitzer des Coupés, ein Mercedes-Händler im Süden Italiens, kann möglichen Lackschäden jedoch gefasst entgegensehen – einige Liter des Metallic-Tons wanderten im Kofferraum mit über die Alpen.
 
Der Innenraum ist ebenfalls einmalig. Als Musterkabinett der damals gerade vorgestellten Individualisierungs-Linie „Designo“ zeigt er alles, was ab Werk so geordert werden kann. Die Holzapplikationen aus hellem Vogelaugen-Ahorn harmonieren auf fröhliche Art mit dem ebenfalls einzigartigen Lederton Karibik-Sand. „Wenn ich mich in das Auto setzte“, erinnert sich Sacco,„wollte ich ein Lebensgefühl genießen wie in Mexiko am Meer.“ Die neu geschaffene Interieurlinie Designo trägt mit dem einmaligen CL 500erstmals ihre Botschaft in die Welt: „Farbenstehen für Stil und Kunst“, heißt es da, „sind Bekenntnisse und Ausdruck von Lebensgefühl. Mit Designo können Sie Ihrer Kreativität auch bei den Zierteilen im Innenraum freie Hand lassen.“ Aus speziellen, dem Designo-Programm vorbehaltenen Farbpaletten lassen sich nicht nur das Leder und die Farbe des Garns der Ziernähte auswählen.

 
Auch besonderes Holz steht parat: beispielsweise Curly Ahorn in Natur oder Anthrazit, Vogelaugen-Ahorn in acht Farbschattierungen oder die geflochtene Hightech-Oberfläche Carbon. Die Limousinen der Reihe W140 entstanden immerhin 406 532 Mal – 28 101davon mit Dieselmotor. Den gab es in den Coupés nicht: Die 26 022 gebauten Exemplare unterteilen sich in die drei Benziner-Versionen 420, 500 und 600. Da sie gern als Zweit- oder Drittwagen gefahren wurden, weisen sie heute jedoch fallweise eine relativ geringe Laufleistung auf – was sie als künftige Youngtimer zusätzlich attraktiv macht. Tragen sie eine Designo-Ausstattung, kommt noch der Pluspunkt des edlen Einzelstücks hinzu. 

Die Einstiegspreise beginnen nochvierstellig, und selbst topgepflegte Typenübersteigen kaum 25 000 Euro. Achtung nur bei den Ersatzteilpreisen: Der S-Klasse-Club empfiehlt, als Reserve die Anschaffungssumme noch einmal auf die hohe Kante zu legen. Als Gegenwert gibt’seinen künftigen Klassiker, der die gesammelte technische Auto-Kompetenz seiner Epoche in sich trägt. Und der Club hat die140er bereits zusammen mit den 126ernunter seinen kompetenten Fittichen. Als Motor Klassik das Sacco-Coupé dem Classic Center in Fellbach zurückbringt, hat uns die Karibik voll im Griff. Beim Aussteigen vernehmen wir sogar das Rauschen des Meeres. Erst beim zweiten Mal hinhören entdecken wir, dass es sich nur um den elektrischen Lüfter handelt.

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