MG WA: Grosser Wagen

Wer MG hört, denkt meist an kleine Sportwagen. Doch die Morris Garages boten auch anderes - wie dieser große Tourer aus dem Jahr 1939 beweist.

Jacques R. Comte de Wurstemberger kennt seinen stattlichen MG WA genau: "Der Wagen ist ungewöhnlich groß für einen MG", sagt der Sammler aus dem schweizerischen Aigle, "viele denken eher an einen Alvis, wenn sie ihn sehen."

1938 einer der schnellsten Tourenwagen

Aus diesem Grund vielleicht hatten die Morris Garages in Abingdon, kurz MG genannt, ihr Markenzeichen im Jahr 1938 49 Mal über das neue Modell WA verteilt. Mit dem WA unterstrich MG die ehrgeizigen Ziele, die das Unternehmen Ende der dreißiger Jahre hatte. "A notable addition to the ranks of Britain's fast Touring Cars" - eine bemerkenswerte Ergänzung der Klasse schneller britischer Tourenwagen, ließen die Eigner 1938 in der englischen Zeitschrift "The Motor" selbstbewusst verkünden.

Und das stimmte tatsächlich: Trotz seiner Größe schwang sich der MG WA zu einer Spitze von 90 miles per hour auf. Das entspricht 145 km/h - eine respektable Leistung für die Dreißiger. "Er fährt sich robust und überaus angenehm", lobt Comte de Wurstemberger seinen Tourer: "Der WA ist sehr komfortabel, ein idealer Reisewagen."

Nur ein Sprinter war der WA nicht. Doch da der 2,6 Liter große Reihensechszylinder seine Kraft aus einem langem Hub schöpfte (Zylindermaß: 73 x 102 Millimeter), schiebt schon knapp über Leerlaufdrehzahl eine Menge Drehmoment den WA voran. Seine Kompression ist mit 7,25:1 für die damalige Zeit üppig bemessen, der Lauf dank der gewuchteten Kurbelwelle kultiviert.

Selbst der üppige Radstand leistet weniger Widerstand, als man erwarten könnte. Überraschend präzise lässt sich der WA durch Kurven zirkeln. Konkurrenten aus seiner Ära blieben meist deutlich unentschlossener.

Der WA zielte auf Modelle von Jaguar, Alvis und Bentley

Wurstemberger, inzwischen 90 Jahre alt, fährt nicht mehr selbst. Aber er erinnert sich noch gut an weite Reisen mit seinem noblen Briten. In den Achtzigern war der MG- und Voisin- Spezialist viel unterwegs. Über 3.000 Kilometer führte ihn der WA beispielsweise bis Griechenland, wo er an Oldtimer- Rallyes teilnahm. "Der Wagen gab sich völlig problemlos", so seine Erinnerung: "Außer Benzin, Öl und Wasser haben wir nicht mehr als neue Reifen gebraucht."

Allein mit der Hitze mochte sich der Brite nicht anfreunden. Dabei wartet der MG WA sogar mit einer unüblichen Lösung auf: Das Motoröl strömt in einem Rohr durch das Kühlwasser. So kommt es schnell auf Temperatur, während es im Betrieb theoretisch nicht zu heiß werden kann. Sogar ein Ölfilter ist bereits montiert.

Ein Sonderangebot offerierte MG mit dem sorgfältig verarbeiteten WA nicht. Er konkurrierte mit ähnlich großen und starken Alvis-Modellen, dem Crested Eagle zum Beispiel - ein beeindruckender Typ, ohne Frage. Doch der MG gibt sich in seinem Auftritt bis heute eine Spur eleganter. Sogar Bentley stand im Fokus der MG-Strategen, besonders jedoch der Jaguar 2½ Litre.

Der Konkurrenzkampf in diesem lukrativen Marktsegment versprach einige Spannung. Bevor das Kräftemessen aber richtig begonnen hatte, stoppte der Zweite Weltkrieg 1939, spätestens 1940, die Automobil-Produktionen auch in England. Nach nur 369 gebauten WA-Modellen endete die Fertigung dieser großen Automobile. Nie wieder gab es mehr Luxus aus Abingdon, nie wieder mehr Raum als in den beiden Jahren 1938 und 1939.

MG WA: Die gemütliche Seite Englands

Der WA zeigte auch in der Auswahl der Karosserien Größe: Neben einem sportlich auftretenden viertürigen Saloon bot MG ebenso ein luxuriöses Tickford Drophead Coupé an, gefertigt von Salmons & Sons. Die seltenste Version jedoch blieb der Tourer, für den der Karosseriebauer Charlesworth verantwortlich zeichnete: Nicht mehr als neun Exemplare sollen entstanden sein. Zwei Autos hatte die Polizei in Glasgow erhalten, und eines von ihnen steht heute in einem kleinen Museum in Aigle, unweit vom Nordende des Genfer Sees gelegen. Comte de Wurstemberger hat hier nicht nur seine exquisite Voisin-Sammlung untergebracht, sondern auch einige rare MG-Modelle. Er fuhr schon 1937 einen MG TA, später einen TC und einen K3, den er immer noch besitzt - seit 1948.

1976 war der Schweizer mit Hang zu anglophilem Sportgerät auf den WA-Tourer gestoßen. "Der Wagen stand in Manchester", weiß er noch, "und er war stark verändert worden."

Kein präsentabler Zustand also. Doch der Tourer erhielt noch Ende der siebziger Jahre seine Chance. Möglich machte es ein Kompromiss: Ein zweiter WA, eine Limousine in bedauernswertem Zustand, bot sich damals als Teilespender an. So verwandelte sich der rare Tourer wieder in seine ursprüngliche Form, während das Saloon-Chassis eine neue Karosserie im Stil eines Entwurfs von Reinbolt & Christé erhielt.

MG hatte Mitte der dreißiger Jahre bereits die Mittelklasse mit dem Modell SA bedient. Es gilt als Vorläufer des WA. MG baute beide Modelle parallel bis 1939, ergänzt vom kompakteren Typ VA. Obendrein gab es jedes dieser Modelle als Saloon sowie als Drophead Coupé und viersitzigen Tourer.

Stil besaßen sie alle. Der MG WA jedoch stand klar an der Spitze. Sein sorgfältig ausgearbeitetes Interieur zeugt von der gemütlichen Seite Englands. Üppig verarbeitetes Leder, tadellos lackiertes Holz und die spleenigen Achtecke zelebrieren selbst im offenen Wagen noch eine wohlige Club-Atmosphäre. Zudem bot der WA dank der breiteren Spur im Fond deutlich mehr Raum als die beiden anderen MG-Offerten.

Es scheint, als habe MG sein Handwerk verstanden: Kompakte Sportwagen wie die legendären Midget-, TA- und TB-Modelle agil auszulegen, ist eine Sache. Eine große Limousine oder einen luxuriösen Tourer nicht allzu lahm erscheinen zu lassen, dagegen eine völlig andere.

Dabei hatte MG diese Entwicklung nicht aus freien Stücken genommen. Die Morris Garages, MG also, waren 1935 von Morris übernommen worden. Auch Wolseley war im Firmenverbund. Es gab, wie meist bei solchen Zwangsehen, Konflikte: Die MG-Rennabteilung musste schließen, und der Bau der knapp geschnittenen, puristisch-agilen Sport-Modelle wurde kurzerhand eingestellt.

Besonders Stammkunden rieben sich die Augen: In der neuen MG-Welt tummelten sich nun ausladende Wolseley- Derivate. Selbst der Stoßstangen-Sechszylinder stammte von Wolseley. Die neue Modellpolitik, der sich MG im Konzern unterwerfen musste, hatte das sportliche Image aus dem Lot gebracht. Interessenten fragten nach: Der WA soll tatsächlich ein MG sein?

Sure, nickten die Verkäufer. Sie bewiesen es mit einem Fingerzeig. Das nächste Oktogon war ja nie weit.

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Thomas Wirth

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