Pontiac GTO "The Judge" im Fahrbericht: Muskelpaket mit 400er-Bigblock

Orangener Pontiac GTO in Fahrt

Pontiac GTO "The Judge" tauft die Pontiac Motor Division 1969 das Sondermodell, das die Muscle Car-Konkurrenz richten sollte. Motor Klassik cruiste in einem Judge mit 400er-Bigblock durch die Suburbs von Detroit.

Vielleicht muss man diese Gegend wirklich mit einem Muscle Car wie dem Pontiac GTO befahren, um diese Art Auto zu verstehen. Hier, in den nördlichen Vorstädten von Detroit, wurden die Muscle Cars geboren - preiswerte, vergleichsweise kleine Coupés und Cabrios mit den stärksten Motoren, die in den Regalen der jeweiligen Hersteller aufzutreiben waren.

Im Pontiac GTO durch die Motor City

Auf der Woodward Avenue schlug Mitte der 60er Jahre der Puls der Motor City. Die Straße durchschneidet wie ein mit dem Lineal gezogener Strich von Downtown Detroit nach Nordwesten diese Region, in der die großen US-Automobilkonzerne ihre Wurzeln haben. Und an den vielen Ampeln der Woodward Avenue trafen sich die gut verdienenden Facharbeiter aus den vielen Montagewerken von GM, Ford, AMC und Chrysler mit ihren neuen Autos zu Sprintduellen. Man cruiste mit Pontiac GTO, AMC Javelin, Ford Mustang oder Dodge Challenger die Avenue zwischen Royal Oak und Pontiac auf und ab oder wartete auf den Parkplätzen der Coney Island-Drive Inns auf die nächsten Gegner. Die Sprintduelle arteten mit der Zeit aus, es gab Unfälle, Kämpfe, Prügeleien und schließlich auch Tote. Die Behörden beendeten das wilde Treiben auf der Woodward Avenue rigoros. Seit zehn Jahren lebt der Mythos für ein Wochenende im August als Woodward Dream Cruise wieder auf.

Mit einem Pontiac GTO ist man heute auf der Woodward Avenue genauso gut angezogen wie zu den besten Zeiten der Muscle Car-Ära. Besonders dann, wenn es ein Exemplar in perfektem Zustand aus den wohlbehüteten Hallen des GM Heritage Center in Sterling Heights ist. Aufmerksame Blicke und nach oben gereckte Daumen begleiten den orangefarbenen Pontiac auf dem kurzen Weg von Sterling Heights zur Woodward Avenue. Die Lackierung in Carousel Red, die bunten Zierstreifen und der wuchtige Heckflügel entlarven das gut fünf Meter lange Coupé als 1969er Sondermodell "The Judge".

Unter der langen Pontiac GTO-Haube mit den drei Buckeln sitzt beim Judge ein 400 Cubic Inches (6,5 Liter) großer V8,der mittels Vierfach-Vergaser und Ram Air-Einlass 366 SAE-PS leistet. Zwei der Buckel sind für das Ram Air-System zuständig. Sie sind beim Judge nicht nur einfach Löcher in der Motorhaube, sondern führen direkt in den mit Schaumstoff zur Motorhaube hin abgedichteten Luftfilter des Vierfachvergasers. Das soll zu einer milden Art der Zwangsbeatmung führen. Der dritte Buckel ist noch ein wenig ungewöhnlicher. Er befindet sich direkt im Blickfeld des Fahrers und beherbergt einen Drehzahmesser. Dieses ungewöhnliche Detail debütierte als aufpreispflichtiges Extra, erfreute sich aber bald so großer Beliebtheit, dass es beim Judge zur Serienausstattung gehörte.

In 7,4 Sekunden von Null auf 100 km/h

Besonders gut ablesbar ist der Drehzahlmesser des Pontiac GTO übrigens nicht. Das ist auch völlig gleichgültig. Der rote Bereich beginnt schon bei 5.500 Umdrehungen, obwohl die Skala bis 8.000 reicht. Der 6,5-Liter-Bigblock hat ohnehin in jeder Stufe der Dreigangautomatik und bei jeder beliebigen Drehzahl mehr Druck, als man braucht. Von den stattlichen 366 PS und 600 Nm Drehmoment bleiben nach DIN-Standard weitaus weniger übrig, aber der GTO ist dennoch ein schnelles Auto. US-Automobilgazetten maßen für den Pontiac GTO in den beiden lieferbaren Ram Air-Ausführungen - es gab auch eine kräftigere mit 370 SAE-PS - Beschleunigungswerte von rund sechs Sekunden von null auf 60 Meilen (96 km/h) und Höchstgeschwindigkeiten von rund 200 km/h.

auto motor und sport testete 1970 einen Pontiac GTO ohne Ram Air, dessen DIN-Leistung mit 263 PS angegeben wurde. Der brauchte 7,4 Sekunden von null auf 100 km/h und lief 212 km/h schnell, allerdings mit der langen 3,55- Achse. Die meisten US-Testwagen waren mit kürzeren Hinterachsübersetzungen ausgerüstet, die als Sonderausstattungen zu haben waren. Die gefühlte Beschleunigung ist weit heftiger. Bei einem kräftigen Druck aufs Gaspedal brüllt der Bigblock auf und presst den Fahrer derart ins Kunstleder-Fauteuil, dass der vielzitierte Vergleich mit einem startenden Jet endlich mal zu passen scheint. Zum Glück geht es dabei geradeaus.

Echte Muscle Cars am Dream Cruise-Wochenende

Denn mit der indirekten und völlig gefühllosen Lenkung kostet es schon ein wenig Übung, den losgelassenen Pontiac GTO auf Kurs zu halten. Die nächste Ampel ist ohnehin nicht weit, und das nächste "Speed Limit 35 Miles"-Schild droht auch. Immerhin bringt der kurze Zwischenspurt ein wenig Applaus vom Publikum, das schon am Vorabend des Dream Cruise entlang der Woodward Avenue in Klappstühlen Platz genommen hat.

Der nächste Coney Island-Imbiss ist ohnehin nah, wie überall an der Avenue. Die traditionsreiche Drive Inn-Kette hat sich auf leckere Hot Dogs spezialisiert und genießt in Michigan Kultstatus. Auf dem kleinen Parkplatz steht der Judge neben einem AMC Javelin und einem Dodge Challenger. Auch die Gegner von einst sind ruhiger geworden. Die ab 1972 gültigen Abgasgesetze beendeten die Ära der Muscle Cars. Die Sprintrennen auf der Avenue waren verboten und Pontiac GTO, Challenger und Co. zu zahnlosen Riesen mit Monster-Stoßstangen mutiert. Nur einmal im Jahr kommen die echten Muscle Cars in Scharen zurück - am DreamCruise-Wochenende im August.

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Heinrich Lingner

Autor:

Motor Klassik, Heft 10 / 2005

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