Pontiac Trans AM GTA: Red Hot Chili Pepper

Pontiac Trans AM GTA

Der Pontiac Trans Am GTA mit 5,7-Liter-V8 gilt als Topmodell der jüngeren Muscle-Car-Generation und besitzt in den USA schon längst Kultstatus. Einige GTA kamen als offizieller GM-Import auch nach Deutschland. Motor Klassik präsentiert das erste, im Januar 1987 ausgelieferte Coupé in unverbautem Originalzustand.  

Das einzige, das Werbung und Wirklichkeit oft nur gemeinsam haben, ist das angepriesene Produkt, um das sich meist die dicksten Lügen ranken. So bewarb General Motors eine neue Pontiac Firebird-Variante mit dem Slogan: "Trans Am GTA - 5,7 donnernde Liter eines legendären, ultra-ernsthaften Sportcoupés." Dichtung oder Wahrheit? 

Vollausstattung ist beim Pontiac Trans Am GTA Seire
 
Zunächst wäre daraus zu schließen, dass Pontiac bis zum Trans Am GTA wohl keine "ultra-ernsthaften" Sportcoupés baute. Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, was den von 1987 bis 1991 auch in Deutschland angebotenen Pontiac Firebird Trans Am GTA - GTA steht für "Gran Turismo Americano" - von einem normalen Trans Am unterscheidet?
 
Ganz einfach: Die Pontiac-Entwickler steckten in das 4,85 Meter lange GTA-Coupé schlicht und einfach alle Sonderausstattungen, die man auch einzeln für einen Trans Am oder Firebird Formula ordern konnte - mit Ausnahme von vier entscheidenden, nur dem GTA vorbehaltenen Zutaten: die exzellenten Sportsitze mit elektrisch verstellbaren Lehnenwülsten und Lordosenstützen; die direkter, auf 12,7:1 untersetzte Lenkung; die goldfarbenen, 16 Zoll großen Leichtmetallfelgen im klassischen BBS-Look und die auf Wunsch lieferbaren digitalen Anzeigeninstrumente.
 
Den Rest an serienmäßigen GTA-Goodies konnten Firebird-Freaks in den USA auch einzeln als Sonderausstattung ordern: den 5,7-Liter-V8 (nur für Firebird Formula), Sperrdifferenzial und Scheibenbremsen für die hintere Starrachse, ein Ölkühler sowie das WS6-Performance-Fahrwerk mit härteren Federn, daumendicken Stabis, Gasdruck-Stoß-dämpfern und 245/50 VR 16 Goodyear Eagle "Gatorbacks"-Reifen auf acht Zoll breiten Leichtmetallfelgen. Das waren 1987 auch in Deutschland mächtige Monsterwalzen - ein BMW 635 CSI rollte zum Vergleich auf schlanken 205/70-14-Pneus.
 
Das extrabreite Reifenformat sollte verhindern, dass der mit einer elektronischen Bosch-Einspritzung versehene, 225 PS starke 5,7-Liter-V8 die kompakte und relativ leichte Firebird-Karosserie in einen Brummkreisel verwandelt.
 
Für viel weniger Geld bekommt man beim Trans Am GTA das Handling der Corvette
 
Weniger die heute bescheiden anmutende Topleistung als vielmehr die lässig-mannhaften, an John Wayne erinnernden Umgangsformen machen den L98 genannten V8 zu einem Performer: So werden die 225 PS bei moderaten 4.400/min erzielt, und das maximale Drehmoment von 450 Nm drückt bereits bei lässigen 2.800/min die beiden 245er-Goodyear Gatorbacks so gnadenlos auf den Asphalt, dass Pfeifkonzerte zum Alltag zählen.
 
Diese Urgewalten wollten die Pontiac-Ingenieure weder einem Schaltgetriebe und nur unter Vorbehalt der Fastback-Karosserie mit riesiger Glas-Heckklappe zumuten: Den GTA gab es deshalb ausschließlich mit Viergang-Automatik und zunächst ohne herausnehmbare T-Roof-Dachhälften.
 
Trotz dieser Handicaps überschlug sich die US-Fachpresse mit Komplimenten. So schrieb zum Beispiel "Street Machine" - und die mussten es ja wissen: "Die perfekte Street Machine ist zwar bis heute noch nicht gebaut, aber der Trans Am GTA kommt der Sache schon ziemlich nahe. Die Kraft setzt weich, aber nachhaltig ein. Der GTA beschleunigt beinahe so schnell wie eine Corvette. Auch das Handling ist Corvette-like - zu einem wesentlich günstigeren Preis."
 
Vor allem das schnörkellose, sich am europäischen Geschmack orientierende Design schlug die US-Autojournalisten in ihren Bann. Das "Super Stock & Illustrated Magazine" in ergreifender Schlichtheit: "Der Firebird Trans AM GTA ist Amerikas attraktivstes Musclecar - innen wie außen." Und die Fachzeitschrift "Performance Cars" konstatierte: "Stelle einen roten Firebird, besonders den GTA, vor einen Auto-Enthusiasten, und sogar der Hochnäsigste wird zugeben müssen: Er ist verdammt aufregend."
 
Endlich sportliche Fahrleistungen für Pontiac Trans Am GTA -Käufer
 
Ein Grund für die Aufregung waren natürlich auch die exzellenten Fahrleistungen des GTA. Das Coupé beschleunigte von null auf 60 Meilen (96 km/h) in 6,8 Sekunden und war mehr als 225 km/h schnell. Das relativ niedrige Wagengewicht (1.585 Kilogramm), der kräftige Motor und vor allem die gute Traktion ermöglichten diese respektablen Daten - speziell im direkten Vergleich mit den lendenlahmen Trans Am-Vorgängern. Ihnen, von Katalysatoren- und Benzinspar-Anämie gebeutelt, hätte nicht einmal Viagra geholfen.
 
So kam der 6,6-Liter-V8 von 1977 gerade mal auf 180 PS, der 4,9-Liter-V8-Turbo (!) von 1981 auf 205 PS. Beide 1,8-Tonner zählten noch zur zweiten Firebird-Generation mit ausladenden Karosserien und blieben beim 60-Meilen-Sprint sogar über der Zehn-Sekunden-Marke.
 
Auch das nachfolgende, deutlich kompaktere und gut 200 Kilogramm leichtere Trans Am-Modell von 1982 - die Basisversion des 87er GTA - musste sich zunächst mit einem 165 PS starken Fünf-Liter-V8 begnügen, durcheilte aber die 60-Meilen-Marke nach immerhin neun Sekunden.
 
Kein Vergleich zum wie eine Güterzuglokomotive anreißenden 225-PS-Motor des 87er GTA. Nach dem typischen "Tschrrrit" aller GM-Anlasser brodelt es bereits im Standgas bedrohlich aus den unsichtbaren Endrohren. Das Lenkrad und die Plastikabdeckung des Instrumentenbretts vibrieren leicht. Die vertikalen Skalen der Digitalanzeigen, die in ihrer rotgrüngelben Farbwahl mehr an einen Kampfhubschrauber als an ein Sportcoupé gemahnen, kriechen aus den Nullbereichen und zeigen Normalwerte.
 
Nun den Fuß auf das Bremspedal pressen, den zum Fahrer hin gekröpften Automatik-Wählhebel mit dem Daumen entriegeln und nach hinten zerren. Der Hebel wandert über das R für den Rückwärtsgang. Die GTA-Karosserie schüttelt sich kurz, will nach hinten ausbüchsen.
 
Jetzt steht der Wählhebel auf D. In Parkhäusern und zum Rangieren genügt es, den Fuß von der Bremse zu nehmen, und schon setzt sich der Trans Am zügig in Bewegung. Sträflich wäre es, mit dem im Standgas rollenden Coupé etwa Bordsteine oder parkende Autos ertasten zu wollen: Der GTA klettert ungebremst über alles hinweg und schiebt hinter ihm abgestellte Smarts wie Mülltonnen beiseite. Wohl bemerkt - im so genannten, mit 800 Touren operierenden "Stand"-Gas!
 
Beim Pontiac Trans Am GTA geht's schon aus dem Keller richtig ab
 
Auch auf freier Wildbahn sollte genügend Auslauf vorhanden sein. Nicht etwa weil die Bremsen des GTA nichts taugten oder weil er keine Kurven mag, sondern weil der Krafteinsatz so spontan wie eine Rechte von Vitali Klitschko kommt. Da muss kein putziger Vierliter-Vierventiler erst einmal auf Drehzahl kommen, da muss kein Turbo das nach ihm benannte Loch durchklettern, sondern es geht einfach gnadenlos ab. Von null bis etwa 60 km/h macht dem GTA dank seines satten Drehmoments und seiner kurzen 3,27-Achse keiner so schnell was vor. Und wenn das TH 700-R4-Getriebe bei Tempo 70 den zweiten Gang reinknallt, signalisiert ein kurzes "Quiiiek" der durchdrehenden Hinterräder, dass noch genügend Dampf da ist.
 
Kein ABS, kein ESP, keine Traktionskontrolle. Auch das Sperrdifferenzial an der Hinterachse besitzt großen Unterhaltungswert, besonders wenn beim sämigen Beschleunigen aus einer Spitzkehre das Getriebe unerwartet den ersten Gang einwirft und dabei die Motordrehzahl anhebt, als gelte es, junge Mädels im Straßencafé zu beeindrucken. Auf nasser Straße ist der Dreher programmiert.
 
Andererseits gefällt der Motor durch die Gelassenheit eines indischen Reisfeldochsen. Mit etwas Geschick durchmisst das V8-Coupé Ortschaften mit Tempo 50 sogar im vierten Gang, um dann ohne Runterschalten zügig auf Reisegeschwindigkeit zu beschleunigen.
 
Der Pontiac Trans Am GTA ist knüppelhart und ruppig
 
In der lang übersetzten vierten Fahrstufe zeigt der GTA auch auf Autobahnen Drehzahl und Verbrauch senkende Cruiser-Qualitäten: Bei 150 km/h dreht sich die Kurbelwelle 3.000 Mal pro Minute und schont damit den Geldbeutel, denn es fließen auf 100 Kilometer kaum mehr als 13 Liter Super aus dem 61-Liter-Tank. Wer schneller fährt, muss einen deutlich größeren Durst und rennwagenartige Fahrgeräusche akzeptieren.
 
Denn eines besitzt der GTA nun wirklich nicht: Komfort. Er schaltet nicht nur knüppelhart die Gänge rauf und runter, sondern federt auch so. Wenn überhaupt. Andererseits entschädigt das Coupé seinen Fahrer mit minimaler Seitenneigung und hohen Kurven-Geschwindigkeiten - solange die Straßen eben wie ein Billardtisch sind. Dies fördert außerdem den Geradeauslauf: Die breiten Räder folgen wild entschlossen Spurrinnen jeder Art.
 
Was schließlich den Hinguckfaktor betrifft, so muss man den amerikanischen Kollegen von 1987 - und der GM-Werbung - auch in diesem Punkt Recht geben: Der GTA wirkt.
 
Gerade in heutigen Zeiten, in denen eine moderne Wagenfront ganz im Stil des Porsche Cayenne nur noch aus Belüftungsschächten besteht und Klappscheinwerfer sowie praktische Fastback-Hecktüren dem Rotstift zum Opfer fielen, scheint der Pontiac Trans Am GTA wie ein Überlebender aus einer vergangenen Epoche zu sein, als sogar Großserienautos kompromisslose Fanartikel waren und nur drei Dinge richtig beherrschen mussten: tierisch gehen, grimmig tönen und höllisch anmachen.

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Franz-Peter Hudek

Autor:

Motor Klassik, Heft 09 / 2004

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