Sie musste scheitern. An den Ansprüchen, die an sie gestellt wurden, zu Grunde gehen. Ihre Vorgängerin, die 1963 präsentierte A 110, gilt als Rallye-Ikone schlechthin. Gleichzeitig sollte es die neue A 310 mit dem Porsche 911 aufnehmen. So ein Auto baut man nicht jeden Tag, nicht mal in der Alpine-Heimatstadt Dieppe.
Selten: Renault Alpine A 310 V6 in Originalzustand
Wer heute eine Alpine A 310 V6 bewegt, erlebt eine faustdicke Überraschung. Weil dieses Coupé hingebungsvoll selbst die schärftsten Rechts-Links-Kombinationen vernascht und dabei förmlich mit dem Asphalt zu verschmelzen scheint, der sich leidenschaftlich durch die gewellte Topographie der bayerischen Provinz rund um Pfaffenhofen schlängelt. Besitzer Bernhard Nischwitz hatte am Telefon nicht zu viel versprochen. Seine Hausstrecke wäre wie gemacht, um das Heckmotor- Coupé auszuprobieren. Und um der Alpine A 310 V6 eine neue Chance zu geben.
Es ist bereits die zweite Begegnung mit diesem Auto aus dem Jahr 1981. Die erste fand im März während der Stuttgarter Retro Classics statt, als der französische Sportwagen zum Youngtimer-Schönheitswettbewerb antrat und durch seinen erstaunlichen Originalzustand bis in die letzte Schraubenwindung verblüffte.
Solche Exemplare gelten als überaus rar, allzu viele Renault Alpine A 310 leiden längst unter einer schrillen Kriegsbemalung, tragflächengroßem Spoilerwerk und bis ins Absurde ausufernden Kotflügelverbreiterungen. Die tollen Fahreigenschaften blieben dabei auf der Strecke, das Image sowieso. Irgendwann ließ sich mit einem so heruntergewirtschafteten Nachfolgemodell der legendären A 110 nicht einmal mehr ein Türsteher einer Landdisco sonderlich beeindrucken.
Dabei hatte alles so gut angefangen: Das futuristische Design der neuen Alpine A 310 sorgte 1971 beim Debüt auf dem Genfer Salon für große Begeisterung. Jean Rédélé, der Kopf hinter der Alpine, hatte seinen Stylisten Yves Legal eine neue kantige Kunststoff-Karosserie für einen geräumigen 2-plus-2-sitzigen Sportwagen entwerfen lassen, der es mit dem Konkurrenten aus Stuttgart-Zuffenhausen aufnehmen sollte. Dafür wurde Bewährtes, wie zum Beispiel der Zentralrohrrahmen der A 110 samt Aufhängungen, modifiziert und übernommen.
Die Alpine A 310 war so teuer wie ein Porsche 911 S
Nur beim Motor musste Rennsport- Fan Rédélé mangels einer Alternative einen schmerzhaften Kompromiss eingehen: Mit dem 115 PS starken 1,6-Liter-Aggregat aus dem Renault 16 TS konnte man keine Porsche einfangen. Dennoch zeigte sich das Unternehmen aus dem nordfranzösischen Dieppe bei der Preisgestaltung der nahezu ausschließlich in Handarbeit gefertigten Autos überaus selbstbewusst: eine Renault Alpine A 310 kostete mit 31.975 Mark so viel wie ein Porsche 911 S mit 190 PS. Die neue Alpine A 310 sah zwar aus wie ein waschechter Sportwagen, aber das war‘s dann auch schon.
Der athletischen Vorgängerin A 110, die weiterhin bis 1977 produziert wurde, ähnelte die Neue in etwa soweit wie ein Passagierflugzeug einem Kampfjet. Die A 110 war ein Minimalist mit geringen Abmessungen und aus möglichst wenig Material - Jean Rédélé hatte mit diesem 110 PS starken, kompromisslosen Auto einen Rallye-Seriensieger geschaffen, und wer unter einer derart berühmten Schwester aufwächst, braucht einen starken Charakter.
Und auf jedem Fall ein paar PS mehr im Heck. Die gab‘s schließlich 1976, als ein gemeinsam von Renault, Peugeot und Volvo entwickelter Sechszylinder-V-Motor mit 2664 Kubikzentimeter nun auch der Firma Alpine zur Verfügung stand. Das komplett aus Leichtmetall gefertigte Triebwerk rückte mit 150 PS heraus - das ist zwar noch immer nicht die Welt, aber was damit geht, wenn Gewicht und cW- Wert praktisch eine untergeordnete Rolle spielen, vermutet im ersten Moment kein Mensch: In 7,5 Sekunden sprintet eine A 310 V6 aus dem Stand bis auf Tempo 100. Und wenn‘s sein muss, flutscht diese 1.020 Kilogramm leichte Flunder mit knapp 224 Sachen unterm Wind hindurch.
Damit konnte die Neue endlich auch einen Porsche 911 zum Duell fordern, ohne gleich rot zu werden. Äußerlich offenbart sich die erstarkte Alpine A 310 V6 mit einem Heckspoiler und verbreiterten Radhäusern. Das durchgehende Leuchtband mit den sechs Lampen im Bug wich zudem vier Scheinwerfern.
Alpine A 310 -sieht aus wie ein Sportler, ist aber ein Gran Turismo
Die Alpine von Bernhard Nischwitz stammt aus dem Jahr 1981 und profitiert bereits von zahlreichen Verbesserungen. Sie verfügt über ein Fünfganggetriebe, eine optimierte Bremsanlage sowie eine kontaktlose Zündung, die der Alpine endlich die maßlosen Trinksitten abgewöhnen sollte. Zudem erhielt die sportliche Französin inzwischen die aufwändig konstruierte Hinterradaufhängung des Renault 5 Turbo, um aus der potentiellen Heckschleuder ein im Grenzbereich besser zu beherrschendes Auto zu machen.
Die Rechnung ging auf. Nur das sportliche Erbe ihrer Vorgängerin durfte die neue A 310 nicht mehr verwalten - Rallyepiloten fuhren ihr im Renault R 5 Alpine inzwischen um die Ohren.
Besitzer Nischwitz stuft seine Alpine ebenfalls nicht als kompromisslosen Sportler ein, sondern akzeptiert sie als das, was sie trotz aller Bemühungen im Grunde ihres Wesens schon immer war: ein bequemer Gran Turismo. In den sich die Besatzung zugegebenermaßen recht mühsam einfädeln muss. Doch wer erst einmal in den weichen Polstersesseln mehr liegt als sitzt und die Füße im engen Cockpit auf den seitlich versetzt angebrachten Pedalen sortiert hat, darf die Welt von nun an von unten betrachten. Aus dem Cockpit eines nur 115 Zentimeter hohen Wagens erscheint selbst ein Porsche 911 so hochbauend wie ein Omnibus.
Die beiden hinteren Plätze wiederum entpuppen sich als Nischen, die von reisenden Alpine-Piloten gern als Gepäckablage genutzt werden. Das Kofferraumvolumen unter der vorderen Haube beträgt lächerliche 40 Liter.
Bernhard Nischwitz überreicht den Zündschlüssel, und im nächsten Moment meldet sich der Sechszylinder im Heck mit einem kraftvollen Fauchen zur Stelle. Das unterschwellige Grollen in der Kabine setzt den Piloten sofort unter Strom, dafür nimmt er gern die oft kritisierte Verarbeitungsqualität einer Alpine in Kauf. Unterschiedlichste Spaltmaße, schief eingepasste Schalter, unsaubere Klebestellen - der Fluch der Kleinserie lastet von vorn bis hinten auf diesem Auto.
"Lass sie richtig laufen", hatte Nischwitz noch gesagt. Erster Gang, die Hände umklammern das winzige Lenkrad, und ab geht die Post. Das langhubig ausgelegte Triebwerk röhrt wie ein Halbstarker auf dem Weg in die Disco und drückt die Alpine scheinbar spielerisch voran - wobei es kaum eine Rolle spielt, in welcher Gangstufe man sich gerade befindet. Die blaue Schnauze giert förmlich nach der nächsten Ecke, die der Wagen mit einer grandiosen, Cart-ähnlichen Handlichkeit durcheilt. Man spürt sofort, dass kurvenreiche Strecken die Domäne der A 310 sind. Die Angst, am Ende der Kehre verkehrt herum dazustehen, hält sich jedoch in Grenzen. Bis das Heck der Alpine ungewollt abzudriften droht, muss man sie schon heftig ärgern.
Gut 30 Kilometer genügen, um die Renault Alpine A 310 in einem neuen Licht zu sehen. Vollkommen losgelöst von den einstigen Ansprüchen glänzt sie aus jeder Perspektive - diese zweite Chance war längst überfällig.






