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Rolls-Royce Silver Shadow: Die Golf-Alternative aus bestem Haus

Rolls-Royce-Luxus zum Basis-Golf-Tarif: Um einen Silver Shadow zu kaufen, muss man nicht unbedingt reich sein. Beim Unterhalt würde das aber nicht schaden, weiß Bruno Manzo, der seit zwei Jahren Shadow fährt.


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Foto: Frank Herzog

Rolls-Royce-Luxus zum Basis-Golf-Tarif: Um einen Silver Shadow zu kaufen, muss man nicht unbedingt reich sein. Beim Unterhalt würde das aber nicht schaden, weiß Bruno Manzo, der seit zwei Jahren Shadow fährt.

Es lässt sich nicht länger bestreiten, und einer muss es mal offen sagen. Denn es gehört sich einfach nicht, was die junge Dame Emily dort vorn auf dem Kühlergrill treibt: Sie streckt den Passagieren ihren Hintern entgegen. Solch unstandesgemäßes Verhalten würde in den Kreisen, die ein Rolls- Royce bewegt, eigentlich nicht akzeptiert. Aber seit 1911 thront Emily auf dem Bug jedes Rolls-Royce, so auch auf dem 24-säuligen Kühlertempel des Silver Shadow - da lässt man ihr das durchgehen. Zudem verkörpert sie den Geist der Ekstase, in die lange Zeit nur ein hochelitärer Zirkel versetzt wird.

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Das ändert sich mit dem Silver Shadow. Er sollte Rolls- Royce erfolgreichster Wagen werden - aber auch der erste, der mit den Jahren einen Lebenswandel an den Tag legt, der nicht mehr zu seiner edlen Herkunft passt. Statt auf den fein gekiesten Auffahrten von Herrenhäusern zu promenieren, warten Shadow heute oft auf groben Gebrauchtwagen-Schotterplätzen darauf, sich jedermann anzudienen: 5.000 Euro kosten tief gefallene Exemplare. Für seinen guten 1971er Shadow investiert Bruno Manzo vor zwei Jahren die dreifache Summe - dafür gäbe es damals mit Entgegenkommen des Verkäufers gerademal einen neuen VW Golf V in Basisausstattung.

"Ich wollte früher immer einen weißen Jaguar. Aber dann habe ich beim Händler einen weißen XJ neben dem Shadow gesehen - da sah der Jaguar wie ein Spielzeugauto aus", erzählt Manzo, "dazu kam die schöne Farbkombination beim Silver Shadow." Ein Schnäppchen? "So ein Auto ist günstig zu haben, aber man darf eben die Unterhaltskosten nicht vergessen. 25 Liter verschlingt der Shadow auf 100 Kilometern, wenn die Vergaser gut synchronisiert sind - aber das sind sie selten." Dazu kommt der hohe Pflegeaufwand, den der Wagen fordert: "Da braucht man eine Werkstatt, der man vertrauen kann."

Einen Vertrauten hat der 54-Jährige - selbst gelernter Automechaniker und heute Gitarrenlehrer - in seinem Landsmann Sandro de Pascalis gefunden. De Pascalis kümmert sich in seiner Werkstatt mit großer Hingabe um den Rolls-Royce. Irgendetwas hat der Shadow immer. Er gleicht in seinem Pflegebedarf einem britischen Landsitz aus dem Jahr 1287, bei dem sich seit den Tagen von Queen Victoria ein gewisser Renovierungsstau anhäuft. Heute sprotzelt der Motor leicht indisponiert, weil ein Marder an einigen Leitungen geknabbert hat. "Aber man muss keine Angst vor dem Auto haben", beruhigt de Pascalis, "weder vor der Masse, noch vor dem V8."

Eher schon vor den Ersatzteilrechnungen. Auch heute kommt ein kleines Paket. Es enthält vier Teile: zwei Achsmanschetten und zwei Querlenkerbuchsen. Das kostet so viel wie die Metallic-Lackierung beim Golf V. Rechnet Bruno Manzo alles zusammen, was er in den beiden Jahren in den Shadow investiert hat, kommt er auf rund 5.000 Euro. Dafür hätte er einen Basis-Golf V zwar auch noch mit Fondtüren, Schiebedach, Klimaautomatik, Radio und Xenonscheinwerfern ausstatten können - aber niemals mit der Würde eines Rolls-Royce.


Silver Shadow: Der Rolls für Selbstfahrer

Als Nachfolger des veralteten Silver Cloud soll der Silver Shadow 1965 wieder den Anschluss an die kontinentaleuropäische Konkurrenz schaffen- jene namens Cadillac oder Lincoln in den undankbaren ehemaligen Kolonien ignoriert man bei Rolls-Royce in Crewe nicht einmal. Im Vergleich zum Cloud gerät der Shadow revolutionär: Eine selbsttragende Karosserie, Dreikreis-Bremssystem, Scheibenbremsen und Einzelradaufhängung rundum - das hatte kein Rolls-Royce zuvor. Türen und Hauben sind aus Alu - auch deshalb wiegt der Shadow 90 Kilo weniger als der Cloud. Daran Anteil haben auch die stark verringerten Abmessungen der Karosse, die im Vergleich zum wallenden Cloud-Kleid eine schlichte Ponton-Linie aufweist.

Der Shadow ist ein Rolls-Royce auch für den Selbstfahrer. Nur ein Fünftel der Produktion entfällt auf die zehn Zentimeter längere Chauffeurslimousine. Sie entsteht ebenso bei Mulliner Park Ward wie das 1966 vorgestellte Coupé und das 1967 präsentierte Cabriolet.

Ab 1971 tragen die Zweitürer den Namen Corniche. Beide überleben den Shadow und auch seinen von 1977 bis 1980 gebauten Nachfolger, den Shadow II. Die Produktion des Coupés endet 1981, das Cabriolet dagegen bleibt sogar bis 1995 im Programm.

Den V8 übernimmt der Shadow zunächst unverändert vom Cloud. 1970 vergrößern die Rolls-Royce-Techniker seinen Hub um acht Millimeter und damit das Volumen von 6,2 auf 6,75 Liter. Das steigert auch die vom Werk offiziell stets als "ausreichend" angegebene Leistung. "Noch etwas ausreichender" müsste heißen, was inoffiziell nun rund 220 PS sein dürften.

Ein Rolls verpflichtet zu angemessener Haltung

Es braucht zwei Versuche, dann zündet der V8. Ein Hebel am Lenkrad, filigran wie ein Taktstock, dirigiert die Automatik in Stufe D. Der Shadow rollt sanft an, die breiten Reifen schmatzen auf dem Asphalt. Unhörbar arbeitet der Motor nicht, aber er prasselt in jeder Situation so gemütlich im Hintergrund wie ein Feuer im Kamin des Landsitzes. Sanft schlupft die Automatik in den zweiten Gang, die spitzen Kotflügelkanten zerschneiden den Fahrtwind. Der breite, rechtsgelenkte Shadow lässt sich nur mit Konzentration durch die Stadt führen.

Auf der Landstraße legen wir einen Scheit Holz nach, Emily reckt sich sachte empor, und der Shadow beschleunigt, als puste ihn ein sanfter Wind voran. Die Federung arbeitet beflissen, ab und zu geht ihr aber doch ein kleiner Rempler durch, was dann umso mehr auffällt. In Kurven neigt sich der Shadow stark, der Fahrer muss sich mit der leichtgängigen Lenkung arrangieren. Sie reagiert erst kaum, um dann plötzlich heftig einzuschlagen. Das alles findet aber weit unter dem Grenzbereich statt. Es soll ihn geben, hat man gehört. Doch selbst wenn jemand die Taktlosigkeit besäße, den Shadow dorthin - ins Übersteuern - zu treiben, soll der Wagen seinem Fahrer noch immer eine faire Chance zum Gegenlenken lassen - wie es sich geziemt, wenn Gentlemen sich miteinander messen.

Weil ein Fahrbericht in einem Rolls-Royce auch den Fond berücksichtigen muss, übernimmt nun Bruno Manzo das Steuer. Er fährt eher südländisch als staatstragend. Seine gefühlte Lordschaft sitzen hinten auf knarzenden Lederpolstern zwar komfortabel, aber keinesfalls zu gemütlich. Man hat sich hier auch nicht herumzuflätzen, sondern aufrecht zu sitzen - in aristokratischer Haltung und mit ernstem Gesicht.

Dabei ändert sich auch die Weltsicht: Man überlegt, ob gutes Personal tatsächlich schwer zu finden ist, ob der Speicher der Mietwohnung als Gesindetrakt taugen könnte, und ob man sich etwa von einem älteren Lord adoptieren lassen sollte. Dann bewundert man Bruno Manzo, dass er sich den Traum vom Rolls-Royce erfüllt hat und es auch wieder tun würde. So wünscht man sich selbst auch einen Shadow - selbst Emilys unstandesgemäßes Verhalten kann das nicht verhintern.

 
Bauzeit und Stückzahl
Baujahr von 1965
Baujahr bis 1977
 
Preise
Preis bei Produktionsende (1977) 129.900 DM
 
Motor
Zylinderanzahl 8
Zylinderwinkel 90°
Bohrung x Hub 104.1 x 99.1 mm
Hubraum 6750 cm³
Leistung 220 PS
 
Fahrwerk
Felgengröße vorne 8.45-15
Felgengröße hinten 8.45-15
 
Kraftübertragung
Antrieb Hinterrad
Anzahl Gänge 3
 
Fahrleistungen und Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit 190 km/h
0-100 km/h 11s Sek.
Verbrauch 25 L/100km
Kraftstoff Super Benzin
 
Karosserie
Form Limousine
Anzahl Türen 4
 
Maße
Länge 5170 mm
Breite 1800 mm
Höhe 1520 mm
Kofferraumvolumen 620 Liter
Tankinhalt 107 Liter
 
Gewicht
Leergewicht (vollgetankt) 2168 kg
Kaufberatung
Rolls-Royce Shadow 6.2

Es klingt so verlockend – ein Rolls-Royce zum Preis eines neuen Basis-Golf. Doch für den Alltagsbetrieb sind Verbrauch und Wartungskosten zu exorbitant. Tipp: Den besten Shadow kaufen, den man sich leisten kann, und noch 50 Prozent des Kaufpreises für Reparaturen in Reserve haben.

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Autor: Sebastian Renz
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