Wolseley Hornet MK II : Der kleine Lord

Der Wolseley Hornet ist ein Mini im Frack. Sein Flair wirkt very british mit stolzer Kühlermaske, elegantem Stufenheck und einem Interieur aus Holz und Leder.

Er gehört zur Familie wie ein West Highland Terrier. Sein vorwitziger Gesichtsausdruck ist je nach Blickwinkel mal lieb, mal kess und mal trotzig. Es ist kein gewöhnlicher Mini, sondern ein kleiner Lord aus bester Familie. Ein Spross der Wolseleys aus Cowley in der Grafschaft Oxford. Die Kinder lieben ihn, ein Junge und ein Mädchen, acht und zehn Jahre alt. Gerne fahren sie mit, hinten ist genügend Platz, in den Seitentaschen auch noch für ein Buch oder Spielsachen. Am Wochenende geht es hinaus ins Grüne zum Picknick.

Englische Spezialität: badge-Engeneering

Die Dame des Hauses nutzt den flinken wendigen Fronttriebler zum Shopping in der Stadt und kommt mit dem 3,27 Meter kurzen Zwerg mühelos in die kleinste Parklücke. Das Haushaltsbudget belastet er kaum, mit sieben Liter auf 100 Kilometer begnügt sich der kleine Freund. Sein Einliter-Vierzylindermotörchen mit 38,5 PS reicht ihm allemal für flinkes Hakenschlagen auf der Landstraße. Die Federung ist hart, sein Fahrwerk kennt keinen Grenzbereich. Ist die Hornisse, englisch Hornet, einmal aus Übermut viel zu schnell, bremst sie sich selbst ab. Die Zahnstangenlenkung ist direkt wie bei einem Gokart.

Teure homokinetische Gelenkwellen zähmen den Frontantrieb. Der Hornet ist zwar giftig, aber ein Abstecher in die Bankette wird nie lebensgefährlich. Der Mini und die Monte lassen grüßen, Paddy Hopkirk konnte es. Sein Lieblingsplatz ist unter der Markise neben der Terrasse im Garten. Die Garage muss er sich mit dem Austin Cambridge des Hausherrn teilen. Vielleicht ist es ja auch ein Wolseley 16/60, das typische Police-Car bei Edgar Wallace und der vornehmste Repräsentant jener BMC-Mittelklasse-Limousine im Trapezkleid von Pininfarina.

Radio hören zwecklos

Die Engländer waren stets groß im Badge-Engineering, dabei wird ein Grundmodell innerhalb der BMC-Konzernmarken leicht varriert, nur das Emblem (Badge) verrät die Marke. Mit einem angezüchteten Pininfarina-Stummelheck wird so aus dem Austin Seven ein Wolseley Hornet. Sein Zwilling Riley Elf, auf Deutsch Elfe, hat Stoff- statt Ledersitze und sein Kühlergrill ist oben leicht tailliert. So heil wie eingangs beschrieben, hätte die Welt in England tatsächlich sein können. Damals, Mitte der Sechziger, in einem gutbürgerlichen Vorort von London, Birmingham oder Southhampton. Das Pfund kostete noch zwölf Mark, die Milchflaschen standen frühmorgens vor dem Haus, niemals hätte sie ein Fremder genommen. Aber es ist ein gemaltes Prospektidyll.

Die liebevollen Illustrationen, in diese Geschichte lose eingestreut, stammen alle aus der Wolseley Hornet-Broschüre. „This precious tiny car brings luxury and distinction to Mini-motoring“ lautet die Botschaft des großformatigen Faltblatts. Doch auch ein Wolseley Hornet ist trotz Heckflossen und Ledersitze zunächst mal ein typischer Mini. BMC-Chefkonstrukteur Alec Issigonis erhob während der Suez-Krise das Minimum zur Philosophie und die Einfachheit zum Geniestreich. Seit 1959 existiert das zeitlos designte und klassenlose Raumwunder zwischen zwei stabilen Fahrschemeln auf vier Zehnzoll-Rädern.

Es klebt in schnellen Kurven auf dem Asphalt, rüttelt seine Passagiere auf schlechten Straßen mit seiner Whisky-Federung durch wie ein Cocktailshaker und buckelt seinen Fahrer mit einer flachen Lenkradposition, die einen städtischen Gelenkbus vortäuscht. Radio hören ist im Hornet zwecklos. Stets entfacht der olivgrüne Vierzylinder ein harsches Bellen. Mit heiserer Background-Stimme singt das Getriebe, im Zweiten heult es gar leicht melancholisch. Beim Mini ist das ganz normal. Wie mit einem Rickeleisen stochert der Fahrer zwischen den Zahnrädern, um die Schaltgassen zu finden. Der erste Gang ist nicht synchronisiert, aber auch die anderen mögen runter eine Portion Zwischengas und rauf langsames und sorgfältiges Aus- und Einkuppeln. Das verlängert die Lebensdauer.

Issigonis der Revolutionär

Zäh wie ein Terrier durch einen Büffelknochen beißt sich der Langhuber durch die flache Drehmomentkurve. Flink zieht er sich aus dem Drehzahlkeller hoch, fühlt sich irgendwo zwischen 40 und 60 Miles per Hour im Vierten am wohlsten, pardon, will heißen zwischen 60 und 100 km/h. Denn dieser Hornet ist ein Rechtslenker mit Meilentacho. Gerne nähert man sich dem kleinen Wagen beim Einsteigen von der falschen Seite, das Zweispeichen-Lenkrad sitzt fast in der Mitte. Bei einer Wagenbreite von nur 1,41 Metern relativiert sich das scheinbare Rechtslenkerproblem ganz schnell. Im Gegenteil, es ist sogar praktisch, gleich am Gehweg auszusteigen, nur der Wendekreis von 9,40 Metern ist für solch ein kleines Auto erstaunlich groß. Trotzdem besteht an der Genialität des Mini kein Zweifel.

Das Issigonis-Konzept von Frontantrieb, Quermotor und Einzelradaufhängung rundum hat die Autowelt revolutioniert. Der Mini hat die konstruktiven Irrwege seiner Zeitgenossen wie Zweitakter, Zweizylindermotor, Luftkühlung, Heckmotor und Pendelachse bewusst vermieden. Sogar auf Blattfedern, Englands großes technisches Vermächtnis, verzichtet er, will sie weder längs noch quer. Selbstbewusst trägt er seine Schweißnähte und Türscharniere nach außen und plötzlich sind sie ein Designmerkmal, kein Zeichen von Primitivität. Selbst seine ledergebundene Luxusausgabe Wolseley Hornet verschmäht Kurbelfenster wie sie ab 1969 der Mini Mark III bekam.

Ein Hauch Aristokratie
 
Unbegreiflich auch die Rückkehr zur einfachen Gummifederung der frühen Jahre. Mit weiterentwickelter Hydrolasticfederung und den späteren Zwölf-Zoll-Rädern hätte der Mini noch zur Sänfte werden können. Hornet und Elf wurden 1969 von British Leyland bereinigt, sie schafften es mangels Nachfrage nur bis ins Mark II-Stadium mit dem 1000er statt des früheren 850er Motor. Grill, Dekor und Heckleuchten blieben anders als beim Austin oder Morris Mini unverändert. Ein Hauch Aristokratie umweht die Heckpartie. Es sieht so aus, als hätte Pininfarina mitgewirkt, der mit BMC einen Vertrag hatte. Die Rückleuchten auf den schüchternen Heckflossen sehen aus wie bei der Lancia Flaminia Berlina. Dieses Exemplar stammmt aus dem Privatbesitz von Günter Krön, alias Mister 2000 km. Er will sich von ihm trennen, zugunsten eines guten Zwecks (siehe Kasten).

Die Fotofahrt mit dem entzückenden Wolseley führt uns in kleine Städtchen am Niederrhein, zwischen Wegberg und Brüggen. Ein wenig sieht es hier aus wie in England, kleine verklinkerte Häuser, blühende Vorgärten von Schmiedeeisen umzäunt, Rosenspaliere vor weiß getünchten Haustüren. Hier passt er hin, der kleine Hornet, wieselflink fegt er durch die sauber gepflasterten Gassen. Die Tanknadel zittert, freudig jubelt der Motor und auch die Gänge rasten plötzlich exakt ein. Der eilige Zwerg macht ein paar Menschen glücklich, die spontan winken. Ein Tag, wie aus dem Prospekt. Ob das Benzin noch bis Ostende reicht?

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Alf Cremers

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