100 Jahre Ferry Porsche: Der Traum vom Mittelmotorsportwagen

Ferry Porsche 100 Jahre

Seinen Durchbruch als Konstrukteur erreicht Ferry Porsche 1933, als er an der Entwicklung des neuen Auto-Union-16-Zylinder beteiligt war. Unter der Leitung von Karl Rabe entwickelt die Mannschaft von Porsche den Mittelmotor-Rennwagen der 750-kg-Rennformel.

Der hochkomplexe Motor macht zunächst mit zahlreichen Malaisen negativ auf sich aufmerksam. Unter anderem läuft die Kurbelwelle am vorderen Ende blau an. Ferry Porsche tippt auf unterschiedliche Wärmeausdehnung von Stahlkurbelwelle und Elektron-Motorgehäuse, was ein zu geringes Spiel zur Folge hat.

"Die Ingenieure hörten mich höflich an, waren aber nicht überzeugt, dass ich recht haben könnte", ärgerte sich Ferry Porsche. "Ohne weitere Diskussion führte ich einen eigenen Test durch, nahm die Kurbelwelle und das Kurbelgehäuse und ging damit in die Härterei, wo entsprechende Öfen zur Erwärmung der beiden Teile zur Verfügung standen." Es folgte die Erkenntnis, dass der junge Porsche recht hatte - sein Stand als kompetenter Techniker wird sicherer.
 
Bei den ersten Versuchsfahrten steigt Ferry Porsche in den Rennboliden - sehr zum Missfallen seines alten Herren. "Rennfahrer habe ich viele, aber nur einen Sohn!", soll er gesagt haben. Weitere Ambitionen als Rennfahrer sind damit beendet, fast. Bei Rallyes startet Ferry manchmal in einem Wanderer-Tourenwagen.
 
Großauftrag: Volkswagen für das Dritte Reich
 
"Exposé betreffend den Bau eines deutschen Volkswagens" - mit einem nüchternen Arbeitstitel beginnt die Geschichte des Volkswagens. Gleich in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung für das Konstruktionsbüro Porsche. Der avisierte Kaufpreis weniger als 1.000 Reichsmark, Termin der Fertigstellung in zehn Monaten. Der Vertrag wird am 22. Juli 1934 zwischen Porsche und dem Reichsverband der Automobilindustrie geschlossen. Später nennt Ferry Porsche die Entwicklung des Auto-Union-Rennwagens im Vergleich zum Volkswagen ein "Kinderspiel".
 
Die Geschichte des Volkswagens ist die Geschichte der Reduktion
 
"Das Weglassen war das Entscheidende. Wir sind ganz systematisch vorgegangen - der Radstand ergab sich aus dem Raum, den vier Erwachsene mit akzeptablem Platzangebot benötigten. Die Spurweite wurde so gewählt, dass der Wagen auch auf Feldwegen und durch schmale Dorfdurchfahrten kommen konnte." Der Kaufpreis von 990 Reichsmark muss erreicht werden, teure Lizenzzahlungen oder technische Finessen sind damit ausgeschlossen. Es wird nur das Nötigste in das Lastenheft aufgenommen.
 
Entwickelt und gebaut wird in der Stuttgarter Porsche-Villa, in der sich Ferry Porsche eine Privatwerkstatt eingerichtet hat. "Fragen Sie mich nicht, wie wir es machten", erinnert sich Ferry Porsche, "aber die ersten drei Prototypen, VW Serie 3 genannt, wurden dort gebaut." Am 3. Juli 1935 - rund zwei Monate später als verlangt - präsentiert Ferry Porsche den ersten Versuchswagen "V1". "V2", ein Cabriolet folgt am 22. Dezember 1935. Offiziell werden beide am 24. Februar 1936 in Berlin vorgestellt.
 
Ferry Porsche hat sich in den Augen seines Vaters gut gemacht und übernimmt 1935 die Leitung Fahrerprobung.
 
Gründung der Gezuvor und Beginn der Zuffenhausener Aktivitäten
 
Die Entwicklung des Volkswagens verläuft positiv, das attestiert auch der Schlussbericht des RDA. Er empfiehlt eine Weiterentwicklung. Am 4. Juli 1936 wird der Bau des Volkswagenwerks beschlossen., am 28. Mai 1937 die "Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH", kurz Gezuvor, gegründet. Ferdinand und Ferry Porsche besuchen die Ford-Werke in Detroit, um die modernsten Fertigungsanlagen zu studieren.
 
Im gleichen Jahr kauft Ferdinand Porsche in Zuffenhausen bei Stuttgart ein Grundstück und lässt 1938 ein neues Werk errichten. Hier entsteht die Nullserie des VW-Käfers. Ferry Porsche verfolgt derweil noch ein weiteres Ziel. Er möchte ein sportliches Auto bauen, der Traum seiner Jugend bekommt wieder Gestalt. Er entwickelt einen 1,5-Liter-Mittelmotor-Sportwagen - den Typ 114. "Dieses Projekt habe ich mit mehr Engagement als mein Vater und unsere leitenden Mitarbeiter verfolgt. Ich war nämlich überzeugt, dass uns ein großer Nachkriegsmarkt erwartete", so Ferry Porsche später.
 
Für Propagandazwecke wird mit dem Typ 64 und Typ 60K10 der so genannte Berlin-Rom-Wagen entwickelt, der mit einer Aluminiumhaut, verkleideten Radkästen und einem Vierzylinder-Boxermotor mit 33 PS rund 145 km/h erreicht. Der Typ 64 gilt als Urahn der Porsche Sportwagen.
 
Zweiter Weltkrieg: Entwicklung des Kriegsgerätes
 
Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte Porsche Kriegsgerät: Kastenwagen (Typ 81), Kübelwagen (Typ 82), KdF-Gelände-Fahrzeug (Typ 62), allradgetriebener Typ 87, mittelschwerer Panzer und VW-Schwimmwagen (Typ 66). In der Endphase des Zweiten Weltkrieges nehmen die Luftangriffe auf Stuttgart zu. Das Rüstungskommando der Wehrmacht verlangt den Umzug des Konstruktionsbüros nach Gmünd/Kärnten. Ab Herbst 1944 wird das Gelände der W. Meineke Holzgroßindustrie Berlin-Gmünd bezogen. Von den Mitarbeitern wird die Interimsunterkunft wegen der vielen Werkstätten und Unterkünfte "Vereinigte Hüttenwerke" genannt.
 
Nach Ende des Krieges nutzt das französische Militär die Anlagen der "Dr. Ing. h.c. F. Porsche KG" und funktioniert es zur Lkw-Reparaturwerkstatt um. 1945 übernehmen die Amerikaner das Werk. In Gmünd dürfen die verbliebenen 140 Mitarbeiter unterdessen mit einer Sondergenehmigung wieder an Konstruktion für zivile Zwecke arbeiten. So dürfen sie an "Entwürfen von Motor-Traktoren, Gaserzeugern und anderen zivilen Einrichtungen" sowie der Reparatur von "Motorfahrzeugen und landwirtschaftlichen Maschinen" arbeiten.
 
Verhaftung und Freikauf des Vaters Ferdinand Porsche
 
Im November 1945 reist Ferdinand Porsche auf Einladung der französischen Kommission nach Baden-Baden. Eine mögliche Fortsetzung des Volkswagen-Projekts soll durchgesprochen werden. Bei einem weiteren Besuch im Dezember soll der Vertrag geschlossen werden. Doch dazu kommt es nicht. Stattdessen verhaftet der französische Geheimdienst Ferdinand Porsche sowie seinen Sohn Ferry und Schwiegersohn Anton Piëch.
 
Ferry wird nach drei Monaten entlassen, sein Vater bleibt dagegen in Haft.
 
Jetzt schlägt die Stunde des Sohnes. Mit einfachen Produkten für die Landwirtschaft hält er das Unternehmen über Wasser. Sein großer Plan jedoch ist der Wiedereinstieg in die Automobilproduktion. Dabei behilflich sind ihm Karl Abarth und Rudolf Hruska, mit deren Unterstützung er einen Entwicklungs-Großauftrag von Cisitalia erhält. Ein Traktor und eine Wasserturbine sind die ersten Projekte. Es folgt mit dem Typ 360 Grand-Prix-Rennwagen und dem Typ 370 Mittelmotor-Sportwagen die ersehnte Möglichkeit, wieder an sportlichen Autos zu arbeiten.
 
Zum ersten Mal leitet Ferry Porsche die gesamte Entwicklung - und stellt einen spektakulären Rennwagen auf die Räder: 1,5-Liter-Zwölfzylinder mit Kompressoraufladung, zuschaltbarer Allradantrieb. Es bleibt bei dem Versuchsfahrzeug, der Auftraggeber gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Durch das Honorar, das er Ferry Porsche durch diese Auftragsarbeit erhält, kann er die Kaution für seinen Vater in Höhe von einer Million Franc zahlen. Am 1. August 1947 verlässt Ferdinand Porsche das Gefängnis. Die Anklage gegen ihn wegen Kriegsverbrechen wird später fallengelassen und die Untersuchung eingestellt. Nach seiner Rückkehr betrachtet Ferdinand Porsche die Arbeit seines Sohnes und gibt zu den Zeichnungen des Typs 360 sein höchstes Lob ab: "Keine Schraube hätte ich anders gemacht"

Ferdinand (Ferry) Anton Ernst Porsche
Jahr Ereignis
1909 Am 19. September wird Ferdinand Anton Ernst Porsche, genannt “Ferry”, in Wiener Neustadt (Österreich) geboren. Schulbesuch in Wiener Neustadt und in Stuttgart- Bad Cannstatt. Technische Ausbildung bei Bosch in Stuttgart sowie bei den öster - reichischen Steyr-Werken.
1931 Beginn der Tätigkeit als Konstrukteur im vom Vater Ferdinand gegründeten Kon - struktionsbüro, Dr. Ing. h.c. Ferdinand Porsche GmbH, in Stuttgart.
1932 Erweiterung der Aufgaben auf Versuchsüberwachung und Koordination, Mitwirkung an Konstruktion und Entwicklung des Auto Union-Grand Prix-Rennwagens.
1934 Leiter der Erprobungsfahrten der Volkswagen-Prototypen.
1935 Hochzeit mit der Stuttgarterin Dorothea Reitz (gestorben 1985). Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor.
1938 Leiter der Porsche-Versuchsabteilung. Im selben Jahr erfolgt der Umzug des Kon - struktionsbüros nach Stuttgart-Zuffenhausen.
1940 Stellvertretende Leitung des Gesamtbetriebes.
1945 Leiter der kriegsbedingt nach Gmünd in Kärnten (Österreich) verlagerten Porsche GmbH.
1946 Ferry Porsche übernimmt im Juni die Gesamtverantwortung für das Unternehmen.
1948 Im Juni wird der 356 Nr. 1 fertiggestellt. Ein Mittelmotorsportwagen mit 35 PS.
1949 Nach dem Bau der ersten 52 Exemplare des Typs 356 in Gmünd, Rückkehr zu - sammen mit dem Großteil seiner Belegschaft nach Stuttgart-Zuffenhausen. Wieder - aufbau des Entwicklungsbüros unter der Leitung von Ferry Porsche und Vorbereitung der Serienfertigung.
1950 Beginn der Serienfertigung des Typ 356 in Stuttgart-Zuffenhausen.
1959 Verleihung des großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland durch Bundespräsident Theodor Heuss.
1965 Verleihung des Titels “Dr. techn. E.h.” durch die Technische Hochschule in Wien.
1972 Übernahme des Vorsitzes im Aufsichtsrat der in eine Aktiengesellschaft umge wan - delten Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG.
1975 Verleihung des Großen Goldenen Ehrenzeichens der Republik Österreich in Wien.
1978 Verleihung der Wilhelm-Exner-Medaille.
1979 Verleihung des Sterns zum Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des 70. Geburtstages durch den Ministerpräsidenten des Landes Baden- Württemberg, Lothar Späth.
1981 Verleihung der Goldmedaille der Société des Ingeniéurs de l’ Automobile. Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Zell am See (Österreich).
1984 Verleihung des Titels “Professor” durch Ministerpräsident Lothar Späth.
1985 Verleihung des Titel “Senator E.h.”, Universität Stuttgart.
1989 Verleihung der Wirtschaftsmedaille für herausragende Verdienste um die Wirtschaft Baden-Württembergs am 19. September durch den Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg Martin Herzog.
1989 Verleihung der Bürgermedaille der Stadt Stuttgart anlässlich seines 80. Geburts - tages in Würdigung seiner großen Verdienste um die wirtschaftliche Entwicklung der Landeshauptstadt Stuttgart.
1990 Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG, Stuttgart.
1993 Ehrenvorsitz des Aufsichtsrates ohne Mandat.
1994 Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Wiener Neustadt am 21. September in Würdigung seiner besonderen Verdienste um die österreichische und nieder öster - reichische Wirtschaft, vor allem aber für seine Verdienste um die Stadt.
1998 Ferry Porsche stirbt am 27. März in Zell am See.
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Kai Klauder

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