100 Jahre Morgan: Morgan: Tradition als Maßstab

Seit einhundert Jahren im Geschäft: Die britische Firma Morgan aus Malvern Link bei Birmingham gilt als die älteste im Familienbesitz befindliche Automarke der Welt - als traditionellste sowieso. Und gut abgelagertes Eschenholz gehört einfach als Werkstoff dazu.

In Zeiten wie diesen dürften die großen Automobilhersteller vermutlich recht neidisch in Richtung der Ortschaft Malvern Link bei Birmingham schauen. Dort baut die Morgan Motor Company seit nun einhundert Jahren Autos, ohne jemals Schulden gemacht oder aus wirtschaftlichen Gründen einen Mitarbeiter entlassen zu haben.

Die Wirtschaftskrise spielt beim einzigen rein britischen Hersteller

Im Jubiläumsjahr 2009 wird Morgan rund 700 Fahrzeuge produzieren, so viele wie nie zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und die Nachfrage reißt nicht ab. Wirtschaftskrise? So etwas scheint am Mauerwerk der alten Produktionshallen aus Backstein abzuprallen wie die Moderne. Nicht einmal die Nachricht, dass Henry Ford bereits 1913 in seinen Fabriken die Fließbandproduktion eingeführt hat, scheint bis heute in diesen Teil Englands vorgedrungen zu sein. In der Pickerslight Road werden die Fachwerkrahmen für den Karosserieaufbau nach wie vor in Handarbeit aus Eschenholz geschnitzt und gehobelt oder Karosserieteile mit Hämmern, einem geglätteten Baumstamm und einer handbetriebenen Maschine aus dem Jahr 1915 in Form gebracht.

Vom ersten Produktionsschritt bis zur Auslieferung eines Autos vergehen 14 Tage - so langsam kann kein Fließband laufen. Wer zu einer Werksbesichtigung erscheint, wähnt sich in einem Museum für Kutschenbau und nicht in einer Sportwagenschmiede, die seit ihrer Gründung rund 50 andere britische Automarken überlebt hat. Und weil Rolls-Royce, Jaguar, Bentley, Land Rover, Lotus oder Aston Martin längst ins Ausland verkauft wurden, gilt das Unternehmen derzeit gar als einziger rein englischer Automobilhersteller. Die älteste im Familienbesitz befindliche Automarke der Welt ist Morgan ohnehin. 

Seit 100 Jahren in Familienhand - daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern

Wahrhaftig halten sich die Veränderungen in den Produktionsabläufen seit dem Gründungsjahr 1909 stark in Grenzen. Die Besitzverhältnisse waren zudem immer eindeutig. Seit 1999 leitet Charles Morgan in dritter Generation den Familienbetrieb, davor führte dessen Vater Peter Morgan die Geschäfte, die er 1959 wiederum von seinem Vater und Firmengründer Harry Morgan übernommen hatte, der sich von allen stets nur H.S.F. nennen ließ und anfangs gar kein Automobilhersteller werden wollte. Dem Ingenieur gefiel einzig der Gedanke, für sich selbst ein Fahrzeug um einen 7 PS starken Zweizylindermotor von Peugeot zu bauen.

1909 steuerte H.S.F. seine erste Konstruktion durch Malvern Link: ein dreirädriges Mobil mit zwei gelenkten vorderen Rädern sowie einem angetriebenen Hinterrad. Im Freundeskreis zeigte man sich von Morgans erstem Threewheeler massiv beindruckt, sodass H.S.F. sich überreden ließ, weitere Exemplare zu bauen. Er gründete noch im selben Jahr die Morgan Motor Company.

Im Laufe der Zeit präsentierte H.S.F. Morgan eine immer reichhaltigere Modelpalette seiner Threewheeler. Sie wurden als Lieferwagen mit Kastenaufbau ebenso benutzt wie als Zwei- oder Viersitzer und waren aus den Starterfeldern bei Geländetrials sowie auf Rundstrecken nicht wegzudenken. Nebenbei purzelten die Geschwindigkeitsrekorde: Bereits im Jahr 1928 wurde ein Threewheeler mit Tempo 180 gemessen.

Morgans preiswerte, von Matchless-, Anzani- oder JAP-Motoren angetriebene Dreiräder eroberten rasch den britischen Markt - nicht zuletzt weil die Fahrzeuge zur Gattung der Motorräder gezählt wurden und steuerlich somit wesentlich günstiger waren als Autos.

Dauerbrenner: Der Morgan 4/4 wird seit 73 Jahren gebaut

Die Wende kam 1936: H.S.F. Morgan präsentierte auf der Londoner Motor Show mit dem 4/4 sein erstes richtiges Auto. Die Modellbezeichnung des zweisitzigen Sportwagens macht deutlich, dass dieses Fahrzeug über vier Räder und vier Zylinder verfügt. Rahmen, Fahrwerk, Karosserie und Teile des Antriebsstrangs stammen aus eigener Herstellung, die Technik bezieht Morgan wie gehabt von Fremdfirmen - bis heute gängige Praxis bei allen Modellen des Hauses. Im ersten 4/4 arbeitet ein 34 PS starkes Aggregat der Firma Coventry Climax mit 1,1 Liter Hubraum, im Lauf der Jahre kommen Triebwerke von Triumph oder Fiat zum Einsatz.

In der aktuellen Version sorgt ein 111 PS starker 1,6-Liter-Ford-Motor für den nötigen Schwung in dem nur rund 800 Kilogramm leichten Roadster. Während seiner 73-jährigen Bauzeit durchmacht der 4/4 quasi nur ein nennenswertes Facelift: 1954 erhält er endgültig die für alle Morgan typische gewölbte Front. Zusätzlich werden die Scheinwerfer in die Karosserie integriert - das war‘s auch schon. "Weil die Kunden es so wollen", lautet eine viel zitierte Antwort von Charles Morgan auf die Frage, warum jemand seit über 70 Jahren ein und dasselbe Auto baut. Bei dessen Vorderachse es sich beispielsweise noch immer um eine Konstruktion aus dem ersten Threewheeler von 1909 handelt. Nur einmal wagte die Firma ein Experiment, als sie 1963 den Plus 4 Plus vorstellte.

Als ob ein Coupé aus dem Hause Morgan nicht schon "shocking" genug gewesen wäre. Aber dieses Auto verfügte auch noch über eine Kunststoffkarosserie! Man hätte Morgan-Fans nicht stärker entsetzen können. Das Resultat nach zweijähriger Produktionszeit: lediglich 26 verkaufte Exemplare.

Morgan Plus 8: Der klassischste aller Roadster kam 1968

1968 gelang dem Unternehmen mit dem Plus 8 dagegen endgültig der große Wurf. Ein klassisch anmutender Roadster - im Prinzip ein 4/4 mit längerer Haube und verlängertem Radstand - und jede Menge Rover-V8-Power. Mit dieser zweiten Baureihe sichert sich Morgan einen Platz im Olymp der automobilen Welt. 2004 stellt Motorenlieferant Rover schließlich die Produktion des bis zu 220 PS starken V8 ein. Seitdem kommen 203 PS starke V6-Triebwerke von Ford beziehungsweise Jaguar zum Einsatz.

Optisch hat sich in bester Morgan-Tradition kaum etwas verändert, nur an eine neue Bezeichnung müssen sich Fans des Hauses gewöhnen – Morgan Roadster. Zwei Jahre zuvor ereigneten sich dagegen wesentlich dramatischere Vorgänge in Malvern Link. Morgan präsentierte den Aero 8, genau genommen die erste komplette Neuentwicklung seit über sechs Jahrzehnten. Von den Grundzügen weiterhin unverkennbar ein klassischer Roadster, der jedoch eine vom Windkanal diktierte, ungewöhnlich fortschrittliche Aerodynamik besaß. Unter der Alu-Karosserie durfte man sich aber weiterhin an der skurrilen Parallelwelt erfreuen, die Morgan auszeichnet: ein Holzgerüst aus Esche für ein Auto mit einem hochmodernen, 325 PS starken, 4,4-Liter-V8 von BMW (heute 4,8 Liter, 368 PS). Pünktlich zum Hundertsten geht Morgan in die Vollen. Das soeben bei der Villa d‘Este vorgestellte Leichtbau-Coupé Aero Super Sports, ebenfalls mit BMW-V8-Power, verfügt über alle Gene eines Klassikers des 21. Jahrhunderts. Ein weiterer Grund, warum viele Automobilhersteller in Zeiten wie diesen ruhig ein wenig neidisch in Richtung der Ortschaft Malvern Link blicken dürfen.

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Michael Schröder

Autor:

Motor Klassik, Heft 07 / 2009

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