AC Cobra Vergleich: 289 street vs. 289 race vs. 427 street

AC Cobra: Im Zeichen der Schlange

Shelby Cobra

Der Rennfahrer Carroll Shelby aus Texas schuf mit dem Cobra ein Automobil, das durch pure Gewalt besticht. Die Bärenkräfte der hubraumstarken Maschine nehmen ohne aerodynamische Hilfen wie etwa Spoiler den Kampf gegen den Luftwiderstand auf.

Das Ergebnis der Beschleunigungsprüfung kann sich sehen lassen: Nach einem sehr guten Start waren nach respektablen 5,4 Sekunden 100 km/h erreicht, 100 Meilen (entsprechend 160 km/h) nach nur 12,6 Sekunden (Achsenübersetzung 3,31). Diese Werte beeindrucken umso mehr, als der Motor nicht optimal lief (es sich aber bei 271 Pferden wohl um besonders durchtrainierte Exemplare handelte) und deshalb keine Elastizitätsprüfung erfolgte. Ferner gilt es bei allen ermittelten Daten zu berücksichtigen, dass am Steuer Fahrer saßen, die nicht täglich optimalen Beschleunigungszeiten nachjagen, und die auch darauf achteten, ihren Wagen wieder unversehrt mit nach Hause nehmen zu können. Trotzdem erledigten die Cobra-Piloten ihre Aufgabe mit Bravour.

Der Cobra race ist wie ein Tier

Doch nun zur Rennversion. Sie blieb mir in einer Beziehung besonders in Erinnerung - der Lautstärke. Da das silberne Energiebündel vor dem Motor Klassik-Termin eine dreiwöchige Ruhepause genossen hatte, gestaltete sich der Start zu einer regelrechten Zeremonie. Jeder Zylinder meldete sich einzeln wieder zur Arbeit an, der Auspuff schickte donnernd schwarze Rußwolken unter der Tür hervor, ab und zu züngelte eine kleine Flamme dazwischen. Der race gab sich wie ein Tier, das erbost auf die Störung seiner Ruhe reagiert. Stotternd beginnt schließlich der Motor zu laufen, der ganze Wagenaufbau schüttelt sich, dann kehrt wieder Ruhe ein. Doch nach der nächsten Umdrehung des Zündschlüssels kommt das Triebwerk zur Sache, mit einer Lautstärke, die der eines Formel 1 nicht nachsteht. Das Hämmern des Achtzylinders spürt man sogar im Bauch.

Rund 390 PS warten darauf, in Bewegung versetzt zu werden. Die gegenüber der Straßenversion wesentlich höhere Leistung erzielt der race durch eine Vielzahl von Modifikationen. Dazu zählen beispielsweise Nockenwellen mit geänderten Steuerzeiten, polierte Kanäle und vergrößerte Ein- und Auslässe. Nicht zu vergessen die dicht unter der Motorhaube sitzende Gemischfabrik, bestehend aus vier Weber-Doppelfallstromvergasern (48 IDA). Die Drehzahlgrenze liegt für einen V Motor mit zentraler Nockenwelle und über Stoßstangen und Kipphebel bestätigten Ventilen erstaunlich hoch, bei fast 8.000/min. Dafür operiert das Triebwerk im unteren Drehzahlbereich etwas unwillig, was die Messwerte belegen. Aus dem Strand katapultiert der Cobra seine Besatzung in 5,6 Sekunden auch 100 km/h, wo bei kurz vor Erreichen der Hunderter-Marke bei etwa 7.800/min in den zweiten Gang geschaltet werden muss - mit einer zwecks Materialschonung rund einsekündigen Schaltpause. 180 km/h liegen allerdings schon nach 13,5 Sekunden an.

Sein Metier ist die Rennstrecke

Auch die Elastizitätswerte spiegeln die Charakteristik dieses Triebwerkes wider. Gibt der Fahrer im vierten Gang bei 60 km/h Vollgas, so benötigt das Auto von 80 km/h auf 100 km/h 4,8 Sekunden, stürmt aber in 3,3 Sekunden von 140 km/h auf 160 km/h. Dieser Wagen trägt also die Bezeichnung "race" zu Recht, sein Metier ist die Rennstrecke. Es bereitet großes Vergnügen, mit ihm über den Hockenheimring zu räubern. Die Kurven nimmt das Auto im four-wheel-drift, je nach Leistungseinsatz kann aber auch der Fahrzeug-Hintern - jawohl, dieses Auto besitzt einen solchen - zum Kurvenaußenrand geschwenkt werden. Besonders bei Nässe gilt es jedoch, unfreiwillige Dreher durch mannhafte Zügelung des Gasfußes zu vermeiden.

Ein Gefühl der Sicherheit verbreitet die durch den Fahrgasttraum verlaufende, armdicke Stütze des Überrollbügels. Dies ändert sich jedoch schlagartig beim flotten Durchpflügen von Kurven. Die Fliehkräfte drücken den Beifahrer, der sich nicht am Steuer festhalten kann (und auch nicht sollte) in Rechtskurven nachdrücklich gegen die Tür (beim rechtsgelengten Modell). Da bleibt nur zur Beruhigung der angelegte Hosenträgergurt, denn man vertraut schließlich ungern dem aus einem Rohrrahmen mit etwas Alu-Blech versehenen zierlichen Türchen seine Körperlast an. Zwei rennmäßig gefahrene Runden genügen, und die Ohren empfinden das extrem laute Motorengeräusch als lästig. Weniger sportliche Fahrer werden auch die Kupplung bemängeln - sie verlangt nach  einem äußerst beherzten Tritt.

427 stärkstes der Cobra-Modelle

Nach diesem kurzen Ausflug in die Rennatmosphäre wollen wir und im stärksten der drei zum Vergleich angetretenen Cobra-Modelle Platz nehmen, dem 427. Für diesen Hubraumriesen wäre es sicher ein leichtes, die Laufflächen der 275er Hinterräder in den Zustand weißen Rauches zu überführen, ohne dass sich der Wagen von der Stelle bewegt. Diese Tatsache führt uns auch gleich zum größten Problem bei der Beschleunigungsmessung: die gewaltige Leistung optimal in Vortrieb zu verwandeln. Sie müssen sich einmal die Relationen klarmachen: Um ein ähnliches Leistungsgewicht von etwa 3kg/PS zu besitzen, müsste ein Gogomobil 150 PS aufweisen, oder die Ente von Citroen rund 200 PS. Verstehen Sie jetzt den Reiz des Cobra? Der Pilot des 427 sitzt in einer Kommandozentrale, die sich nur unwesentlich von der seines kleinen Bruders unterscheidet. Im direkten Vergleich fällt beispielsweise der anders geführte Schalthebel auf, der, fürs Auge ungewohnt, aber für den Fahrbetrieb optimal, nach vorne abnickt, und ein bis 180 Meilen pro Stunde reichender Tacho.

Der Blick nach vorn streift über die Motorhaube, nach deren Öffnung zwei riesige Holley-Vergaser sichtbar werden, die über dem V-Motor thronen. Die geriffelten Ventildeckel tragen die Aufschrift Cobra 427. Dieses PS-Monster verschlingt je nach Fahrweise bis zu 50 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Der Zündschlüssel sitzt links außen am Armaturenbrett. Unverzüglich nehmen nach seiner Betätigung die acht Kolben mit einem Durchmesser von jeweils fast elf Zentimetern ihre Arbeit auf. Im Umkreis von mehreren Metern vorhandene Grashalme verneigen sich ehrfurchtsvoll, wenn die Kolben das Abgas durch die siede pipes ins Freie pressen.

Die Geräuschkulisse liegt in der Lautstärke zwischen der 289 street und des 289 race, allerdings klinkt der Siebenliter etwas voller und dunkler. Das Spurtvermögen dieses roten Muskelpaketes beeindruckte nachhaltig. Unter zornigem Gebrüll (Sie wissen: mehr Tier als Auto) raste der Wagen los. Die am Messgerät ablesbare Geschwindigkeit stieg fast so zügig wie bei anderen Autos die Drehzahl. Noch im ersten Gang stellt sich die auf Landstraßen zulässige Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h ein  - fünf Sekunden später zeigt der Tacho 100 Meilen pro Stunde, 160 km/h. Nun dürften Sie so ziemlich alles hinter sich gelassen haben. Aber in dem Wagen steckt sicher noch mehr: 100 km/h müssten unter fünf Sekunden erreichbar sein, trotz Achsübersetzung 3,07.

Der Cobra beschleunigt in 5,4 Sekunden auf 100 km/h

Als kleine Hilfe wurde der Cobra um sein gewaltiges Reserverad erleichtert, das fast den gesamten Kofferraum beansprucht. Doch diesmal macht der Wagen seinem Namen alle Ehre. An den Rädern entsteht zu viel Schlupf, und der Cobra schlängelt sich abenteuerlich davon. Trotzdem benötigt der Wagen nur 5,4 Sekunden auf 100 km/h. Mit Rücksicht auf das Material verzichten wir auf das Durchbrechen der Fünf-Sekunden-Grenze, denn das Tier beginnt zu schwitzen.

Doch auch im Alltagsverkehr kämpft der Cobra gelegentlich  mit Hitzeproblemen, städtischen stop-and-go-Verkehr mag er nicht. Gegen diese kleine Schwäche hilft ein manuell zuschaltbarer Ventilator. Auf freier Strecke (und wenn es nicht regnet) bereitet der Cobra großen Spaß. Nach wenigen Metern hat man das Gefühl, den Roadster im Griff zu haben. Die Zahnstangenlenkung arbeitet exakt und zumindest während der Fahrt ausreichend leichtgängig. Die Gänge lassen sich mühelos einlegen. Sofern man nicht die Frontscheibe überragt, wirkt der Fahrtwind auch bei 180 km/h nicht störend. Abseits der Autobahn genügt theoretisch der erste Gang. Doch genauso tut es der vierte, denn der 427 gibt sich unschlagbar elastisch. Nehmen wir an, nach dem Durchfahren einer Ortschaft folge eine lange Gerade, der Cobra rollt mit 60 km/h dahin. Im Rückspiegel taucht ein Auto auf, sagen wir: ein BMW M3. Wenn Sie jetzt das Gaspedal voll durchtreten (ohne Rücksicht auf die Straßenverkehrsordnung), erreichen Sie schon nach 13,5 Sekunden 160 km/h. Selbst wenn der M 3-Fahrer bei 60 km/h in den ersten Gang herunterschaltet und versucht, zu folgen, hat er keine Chance - bis 160 km/h benötigt er trotz Durchschalten zwei Sekunden länger.

Und nun bedenken Sie, dass es den Cobra schon vor 20 Jahre gab. Damals stellte er mit Leichtigkeit alles in den Schatten. Übermotorisierte Zweiräder, wie sie heute im Straßenverkehr gelegentlich anzutreffen sind, gab es noch nicht. Und der als Rakete geltende Jaguar E-Type besaß niemals den Hauch einer Chance, seine lange Schnauze beim Beschleunigungsduell mit einem Shelby Cobra in Front zu bringen. Und heute, 20 Jahre nach seiner Blütezeit, zähl der Cobra immer noch zu den erstrebenswertesten Automobilen. Ein wohlgeformter Roadster mit kaum zu bändigender Kraft verliert seinen Reiz mit zunehmendem Alter nicht. Stellen Sie sich nur vor, Sie gingen zu Ihrer Garage und fühlten nicht diesen unendlich große Enttäuschung. Dann haben Sie es geschafft, Sie sind Besitzer eines Cobra. Doch das Tier verlangt nach teurem Futter: Allein die Kraftfahrzeugsteuer für den 427 kostet pro Jahr 1316 Mark. Cobra-Fahrer sind wirklich zu bedauern.

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Bernd Woytal

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