Der erste GTI: Golf im Schafspelz

Seit 40 Jahren schreibt Klaus Westrup über Autos in auto motor und sport. Für Motor Klassik erinnert er sich. Von einem Golf ist die Rede, von einem, der Geschichte schreiben wird - dem ersten GTI.

Sommer 1976, eine Fahrt zum berühmten 24-Stunden-Rennen von Le Mans steht an. Es ist keine Dienstreise, eher ein Nostalgietrip. In den sechziger Jahren sind Adriano Cimarosti und ich als Gesandte der Schweizer "Automobil Revue" mehrfach angereist, einmal in einem Austin Cambridge. Nun soll die Erinnerung noch einmal hochkommen - an die brüllenden Motoren, die glühenden Bremsscheiben der Boliden am Ende der berühmten Hunaudières-Geraden und das Gedudel des nächtlichen Jahrmarkts, dessen Schiffsschaukeln auch dann in Bewegung bleiben, wenn ein paar hundert Meter entfernt gerade jemand zu Tode gestürzt ist.

Mit dem Golf GTI auf großer Reise

Doch die frühen Le Mans-Gefühle, auch die Erregung vor dem Start, wollen nicht kommen. Nach durchwachter Nacht in einem Hotel mit schallintensivem Kiesweg, nach Anfahrt zur Rennstrecke in glühender Hitze der Sarthe-Ebene und dem Anblick unzähliger schwitzender, staubbedeckter Rennbesucher und der Aussicht auf eine weitere schlaflose Nacht fühlt der Entschluss: Abreise vor Rennstart. Wie sagte doch der Dichter Peter Rosegger? Manches Vergnügen besteht auch darin, mit Vergnügen darauf zu verzichten. Das Auto, mit dem der Entschluss in die Tat umgesetzt wird, steht klein und silbergrau auf einem großen Parkplatz. Es hat bereits die 850 Kilometer lange Anreise auf der Landstraße zu einem großen Vergnügen gemacht und scheint sich zu freuen, dass es schon wieder zurück geht. Es ist ein Golf namens GTI. Das I steht für Injection, Einspritzung. GT heißt seit jeher Gran Turismo, und auf großer Reise sind wir ja nun wirklich.

Ein gigantischer Erfolg

Schon 1975 hat Volkswagen den GTI präsentiert, aber die Freunde kleiner, schneller Autos müssen sich bis zum Produktionsstart noch ein wenig gedulden. Jetzt ist er tatsächlich da, der erste Testwagen, bereit für den verrückten Le Mans-Ausflug. Noch kann niemand ahnen, dass gerade diese Golf-Version zu einem gigantischen Erfolg werden wird und das Kürzel GTI bis zum heutigen Tag zu einem Begriff in der Welt rasanter Limousinen.

Wir sind auf der Rückreise, der GTI mit einer frischen Tankfüllung versehen, der Fahrer mit drei oder vier Bananen, die er wie ein Hochleistungssportler im Verlauf der nächsten Stunden zu sich nehmen wird. Die vertrauten Ortsnamen tauchen wieder auf - Orleans, Montargis, Sens, Nancy. Wir meiden die Autobahn, der GTI ist ein Auto für die Landstraße, das seine Dynamik auf den französischen Nationalstraßen bestens ausleben kann. Wir sind schnell, niemand überholt. Erstaunlich, das lehrt die Marathon-Testfahrt, was in dieser unscheinbaren kleinen Limousine steckt.

Optisch das reine Understatement

Von außen gibt sie sich auffällig unauffällig. Der GTI trägt nur zarte Kotflügelverbreiterungen über seinen 175er-Reifen und einen kleinen Bugspoiler. Nichts ist aufgedonnert, optisch das reine Understatement. Auch innen halten sich die Unterschiede zum regulären 75-PS-Golf in bescheidenen und sinnvollen Grenzen. Die Tachometerskala reicht nun bis 220 km/h, in der Mittelkonsole finden eine Uhr und ein Ölthermometer Platz. Als kleinen Gag hat man sich einen Schalthebelknauf in Form eines Golfballs ausgedacht. Das Beste aber sind die hervorragend profilierten Sportsitze, deren fröhliches Karomuster gut mit dem Gelb der aufliegenden Bananen harmoniert.

Samstag, 16 Uhr, das Rennen beginnt. Wir sind inzwischen schon mitten in Frankreich und befinden uns immer an der Spitze des Feldes. 110 PS hat der Ur-GTI, sie stammen aus vier Zylindern mit 1,6 Liter Volumen. Der fast quadratisch ausgelegte Reihenmotor mit der internen Typennummer 827 ist exakt jenes Triebwerk, das auch im einstigen Audi 80 GT/E Verwendung findet. Es ist eine K-Jetronic, die den Motor mit Treibstoff versorgt. Nur 875 Kilogramm wiegt der ausschließich zweitürig und in den Farben Silbergrau und Rot lieferbare GTI, was einem Leistungsgewicht von acht Kilogramm pro PS entspricht. Entsprechend ist der Vorwärtsdrang.

Wie der Flügeltürer von Mercedes

Nur knapp über neun Sekunden benötigt der Testwagen, um Tempo 100 zu erreichen, der berühmte Flügeltürer von Mercedes kann es kaum besser. Zudem wird die Testabteilung nach unserer Rückkehr in die Heimat eine Höchstgeschwindigkeit von genau 185 km/h ermitteln. Ein Porsche 356 SC ist auch nicht schneller.

Wer soll uns nachkommen? Die kleinen französischen Dörfer mit ihren grauen, tristen Häusern fliegen vorbei, das Motorgeräusch ist kräftig, aber nicht aufdringlich. Die Neuabstimmung des im Vergleich zum Basis-Golf um 20 Millimeter abgesenkten Fahrwerks mit seinen vorderen und hinteren Querstabilisatoren ist harmonisch und macht den rasenden Zwerg nur wenig unkomfortabler als sein 75-PS-Pendant. Die Fahreigenschaften haben dagegen deutlich gewonnen. Die Untersteuerneigung bleibt trotz der hohen Leistung gering, und der Testbericht von damals merkt an, dass es zu den reizvollsten Aufgaben eines passionierten Automobilisten zähle, mit dem neuen GTI einen Alpenpass zu bezwingen.

Wir bescheiden uns mit dem charakteristischen Auf und Ab der französischen Pisten, registrieren einen Verbrauch von rund neun Liter pro 100 Kilometer. Das hoch verdichtete Triebwerk des GTI (9,5 zu eins), bei dem die Brennräume nach dem so genannten Heron-Prinzip in die Kolben verlegt sind, erweist sich angesichts der respektablen Dynamik als sehr effizient. Keine Ahnung mehr, wer damals in Le Mans gewonnen hat. Auf der Landstraße jedenfalls heißt der Sieger GTI. Das Kürzel wird Kultcharakter bekommen, auch bei den folgenden Golf- Generationen. Am österreichischen Wörther See trifft sich die Fangemeinde regelmßiig, und zuletzt wird den Freaks ein ganz besonderer GTI präsentiert - eine fahrfähige Studie mit Hinterradantrieb, einem sechs Liter großen Zwölfzylinder und allen Ernstes 650 PS.

Der wahre GTI ist der Kleine

Ex-VW-Chef Ferdinand Piech und Nachfolger Martin Winterkorn lassen es sich nicht nehmen, den über-GTI persönlich zu präsentieren. Er steht auf einer Bühne. Der Motor wird angelassen, Winterkorns Hosenbeine flattern im Abgasstrom.

GTI - wie haste dir verändert. Doch Original bleibt Original. Der wahre GTI ist der kleine, leichte, brummige von damals. Das Le Mans-Auto.

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Klaus Westrup

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