Faszination: Der US-V8

"Jeder Motorstart ist ein Klangerlebnis." Franz-Peter Hudek, Motor Klassik-Autor, über seine ausgeprägte Leidenschaft für amerikanische Autos mit V8-Motoren.

Le Mans Classic 2006. Das Starterfeld der Rennsport- und GT-Wagen von 1968 bis 1975 ist gerade auf der Strecke. Fast 50 Autos - Alfa Romeo, Chevron, Ferrari, Ford, Lola, Matra und natürlich jede Menge Porsche. Die Abenddämmerung senkt sich graubraun auf die fast menschenleeren Tribünen und den inzwischen kühlen Asphalt. Grellweiße Scheinwerferpaare irrlichtern die Zielgerade hinunter und verwandeln sich in der Dunlop-Schikane zu roten, tanzenden Punkten. Nur noch katzenartige Kenneraugen können im Halbdunkel die Marken und Typen der verschiedenen Rennsport- und GT-Wagen voneinander unterscheiden. Doch das halbe Dutzend der Sieben-Liter-Corvette erkennt man sofort an ihrem unnachahmlichen Klang.

Grollen für die Gänsehaut

Es ist ein tiefes Grollen, dessen Tonhöhe mit ansteigender Drehzahl fast konstant bleibt - kein hysterisches Rooaaiiih, Rooaa iiih, Rooaaiiih ... Im Schiebebetrieb beim Anbremsen der schnellen Dunlop-Schikane gehen die Corvette-Maschinen eine Oktave nach unten, werden aber dabei nicht leiser. Bauch und Rückgrat der Le-Mans-Classic-Zuschauer dürfen mithören. US-Car-Fans läuft es kalt den Rücken hinunter, und eine Gänsehaut schmückt ihre Tattoos.

Im Großen und Ganzen sind es vier verschiedene, aber gleich wichtige Faktoren, welche die Freude an US-amerikanischen V8- Autos nie versiegen lässt: der Klang, die Technik, die Fahrcharakteristik und das Package.

Zum Klang gibt es eigentlich wenig mehr zu sagen

Er wirkt in seiner sportlichen Ausprägung dunkel, souverän, lässig, manchmal auch etwas bedrohlich. Er verspricht aber auch Heldentaten, die nicht immer gelingen können, und von denen man besser die Finger lässt: zum Beispiel ein Tempoduell auf der Autobahn oder in den französischen Seealpen. Dafür sind die wuchtigen V8-Cars meist zu groß, zu kurz übersetzt und auch leider etwas zu durstig.

Freilich sollte das Outdoor-Soundsystem zum Wagen passen

Ein völlig seriennaher Cadillac Fleetwood Sixty Special von 1960, dessen 6,4-Liter-V8 nicht sanft wie der Flügelschlag eines Engels säuselt, sondern wie ein alter Normandie-Fischkutter blubbert, hat einfach nur ein Loch im Auspuff

Woher kommt der Sound?

Um den typischen Klang eines US-V8 zu erklären, müssen wir einen Blick auf dessen Technik werfen. Ein klassischer 90-Grad-V8-Motor besitzt zwei auf dem Zylinderblock etwas versetzt montierte Vierzylinderköpfe mit jeweils acht in einer Reihe stehenden Ventilen. Eine einzelne, oberhalb der Kurbelwelle gelegene Nockenwelle regelt von unten über Stoßstangen und Kipphebel das Öffnen der Ventile. Die Nockenwelle wird ihrerseits von der Kurbelwelle über eine kurze Kette angetrieben.

Crossplane vs. Flatplane

Eine V8-Kurbelwelle ist fünffach gelagert und verfügt über vier doppelte Pleuellager. Die zusammengelagerten Pleuel laufen in gegenüberliegende Zylinder. Das erfordert eine Kurbelwelle, deren erste und letzte Kröpfungen eine waagrechte und die beiden mittleren Kröpfungen eine senkrechte Linie beschreiben. Diese Bauweise heißt deshalb Crossplane.

Die Zündungen finden dabei nicht abwechselnd in jeder der beiden Zylinderbänke statt, sondern zum Teil direkt nacheinander in derselben Bank. So ensteht das US-typische Motorbrabbeln

Der Ferrari-V8 klingt heller

Bei der Bauweise eines V8-Motors mit leichterer Flatplane-Kurbelwelle, wie sie zum Beispiel Ferrari verwendet, liegen die vier Kröpfungen der Kurbelwelle auf einer Linie, was eine andere Zündfolge als beim Crossplane-V8 zur Folge hat. Deshalb klingt ein Ferrari-V8 rauer und deutlich heller als ein US-V8. Er brabbelt nicht, er faucht.

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