Reise Deutschland: Die 2.000 km von Deutschland 2008

Das Doppeljubiläum mit neuer Doppelspitze sollte das Feuer des deutschen Oldtimer-Marathons neu entfachen. Motor Klassik half dabei nach Kräften im Opel Rekord Coupé.

Zwei Wochen brauchen die 2.000 Kilometer 2008 um im Kopf zu reifen. Das Kurzzeitgedächtnis hat dann Stress, Strapazen, und die gelegentlichen Stolperstellen im Roadbook herausgefiltert. Was bleibt, ist feines Blattgold, das die Erinnerung um die großen Momente einer langen Reise im Sommer legt. Unvergesslich bleiben der kurvenreiche Waldtunnel durch die Vulkaneifel runter zur Mosel, die spannende Bergetappe von Baden-Baden nach Wildbad, der Albaufstieg bei Lenningen und der Empfang auf dem historischen Marktplatz von Freising.

Kaum Zuschauer beim Start in Düsseldorf

Das Motor Klassik-Team reist im elegant-souveränen Opel Rekord Coupé 6 nur 1.382 Kilometer über Mannheim, Stuttgart, München und Bad Gögging bis Bayreuth, dann wird es wegen wichtiger Termine aus der Karawane der rund 100 Klassiker gerissen. Es fuhr im Geiste die Strecke weiter, die sich zum 75. Jubiläum ziemlich genau an der Route von 1933 orientiert. Die Fülle der Eindrücke, dieses Trommelfeuer der Reizüberflutung - ausgelöst von der Vielfalt im Starterfeld und des vorbeiziehenden Road-Movies erzeugt ein langes Echo, das noch bis Sonntag nachhallt. Der Start in Düsseldorfs Automeile am Höherweg entpuppt sich mangels begeisterter Massen als organisatorische Fehlzündung. Hannover sollte künftig Start- und Zielort sein, es liegt ideal wie ein Fadenkreuz mitten in der Republik und spart die zweimalige Übergangsetappe.

Unvergesslich bleibt der Wagen, ein seltenes Opel Rekord Coupé 6 der A-Modellreihe von 1965. Nur 6.428 Mal gebaut, frisch restauriert, in wunderbarer Farbkombination - außen silber, innen rot - aus dem Fundus von Opel Classic. Keine Marke passt besser zu den 2000 Kilometern als Opel, der traditionsreichste und vor dem Zweiten Weltkrieg auch größte deutsche Autohersteller. Und so baten wir Opel Classic-Chef Heinz H. Zettl erneut um ein Juwel aus seiner umfangreichen Sammlung. Die kurze Reise von Düsseldorf nach Köln dient der Eingewöhnung von Mensch und Maschine. Die erste Durchfahrtskontrolle führt ins Ford-Werk nach Köln-Niehl durch ein Spalier wohlvertrauter Ford-Klassiker und Youngtimer, vom T-Modell über Weltkugel und Badewanne zu Kummerfalte und Knudsen.

Vertraut hallt das kehlig-heisere Sechszylinder-Geräusch des 2,6 Liter-Kapitän-Motors im Rekord A zwischen den Häuserschluchten am Rhein. Es bleibt stets dezent und unaufdringlich. Seine Laufkultur ist auch heute noch beeindruckend. Damals hieß es kess in der Werbung: "In diesem Auto brauchen Sie sich den Opel-Motor nicht erst zu wünschen". Er hat sogar Hydrostößel. Mit 100 PS sind wir üppig motorisiert, dazu imponiert die beeindruckende Elastizität der stirnradgetriebenen Maschine. Ein Vierganggetriebe ist beinahe unnötig, dabei ist es eine wahre Freude, den Mittelschalthebel zu dirigieren, so exakt und präzise lässt sich der Rekord schalten. Scheibenbremsen vorn und ein fortschrittliches Zweikreis-Bremssystem überraschen selbst den Kenner. Doch sein kleiner 45 Liter Tank brachte uns in der Tankstellen-Diaspora des südlichen Hunsrück kurz in Verlegenheit. Angemessene 12,8 Liter nahm sich der 2,6er auf 100 Kilometer.

Einziger legitimer Elvis-Imitator fährt mit

Die aparte Eleganz seiner betörende Karosserieform, deren Akzent auf dem Heck an die Schleppe eines Brautkleides erinnert, spiegelt sich unterwegs schüchtern in den Fenstern eitler Architekturgebilde aus Glas, Stahl und Beton. Oft begleiten uns auf den 428 strammen Kilometern des ersten Tages zwei Ford 20 M P5 - wie im Straßenbild der Sechziger.

Wir lassen uns parallel zum Rhein sonnig und wolkenlos nach Süden fallen. Eifel, Mosel, Hunsrück und Pfalz ziehen bis Mannheim vorüber. Lange vor Heinos Rathauscafé in Bad Münstereifel nimmt Günter Krön an der Einmündung eines Feldwegs das letzte Mal die Parade der 2.000 Kilometer ab, ein großer, sentimentaler Moment.

Aber die neuen Regisseure Lars Döhmann und Horst-Dieter Görg machen es auch schon ganz gut. Sie haben die Seele dieses Marathons trotz großem Mut zur Veränderung nicht angetastet. Vielleicht braucht es doch eine kleine Revolution, um die 2000 Kilometer wieder wie einst zum Stahlen zu bringen. Knapp 100 Autos und spärlicher besuchte, ausgedünnte Durchfahrtskontrollen künden von einem Fading. Der Turnaround ist noch lange nicht in Sicht. Deutschlands Autoindustrie und die Großstädte an der Strecke sollten die populären Chancen dieser deutschen Mille Miglia endlich begreifen. Das übliche Volksfest am Mannheimer Wasserturm bleibt aus, Stuttgart stellt sich quasi tot, München zeigt uns die kühle Schulter des stadtfernen Olympia-Parks und Nürnberg lässt sich nur auf Ausfallstraßen blicken.

Heidi Hetzer, die Oldtimer-Amazone aus Berlin, stets verwegen mit schwerem Material unterwegs, fährt standesgemäß einen Hispano Suiza H6B Open Tourer von 1921. Noch heute hören wir diesen sportlichen Lastwagen mit 6,6 Liter-Sechszylinder aus dem Moseltal lässig, aber ungeheuer sonor hinaufbrabbeln. Am nächsten Tag ist Freies Fahren auf dem Hockenheimring angesagt. Zwei Runden, maximal 60. Das Bandtacho-Chamäleon zeigt schnell sein zorniges Rot. Der Rekord liegt erstaunlich gut, trotz einfacher Blattfeder-Starrachse samt schmaler hinterer Spur, die erst beim B knapp acht Zentimeter wuchs.

Wir bilden ein imaginäres Opel-Team, freunden uns mit dem Commodore A Coupé- Lenker Christoph Nehnes ebenso an wie mit Eckart Bartels, dem angesehenen Opel-Biograph. Der schickt erneut seinen staatstragenden Phaeton auf die Reise, ein von Fissore karossierter Diplomat E als Cabrio-Limousine, seinerzeit von Bob Lutz in Auftrag gegeben.

Dritter im Opel-Bunde ist das Opel Kadett B-Cabriolet, kein Eigenbau wohlgemerkt, mit dem Eike Zwarg Johnny Winters durch Deutschland kutschiert. Er ist hierzulande das einzig legitimierte Elvis-Double, weil er den King of Rock’n’Roll einst in Bad Nauheim persönlich kennenlernte. Doch unsere wirkliche Bewunderung verdienen unerschrockene Asketen wie Klaus und Barbara Eisenreich. Während wir es in unserem Opel unverschämt kommod haben, reisen sie mit einem offenen DKW F 5 durch Deutschland: 2.000 Zweitakt-Kilometer mit 20 PS.

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Alf Cremers

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