Aaglander Reise: Heute ein Kutscher - unterwegs in der Dieselkutsche

Aaglander Reise

Der Aaglander ist eine motorisierte Pferdekutsche und verspricht entspanntes, gemeinschaftliches Reisen durch idyllische Landschaften. Motor Klassik probierte es aus und tuckerte ganz nebenbei auf Gottlieb Daimlers Spuren.

Zugegeben: Ich habe noch nie eine motorisierte Pferdekutsche gelenkt, auch keine mit zwei richtigen Rössern vorne dran. Aber wenn ich dieses Aaglander-Vehikel auf einsamen Waldwegen um eine Biegung zwinge, macht das so viel Spaß, wie einen Porsche 911 über die Schwäbische Alb zu scheuchen.

Breitbeinig stemme ich mich in die Sitzbank des Aaglander, breitarmig halte ich die etwas widerspenstigen "Leinen", nehme den rechten Fuß vom Gaspedal und lege mich wie ein Motorradfahrer in die Kurve, damit ich nicht vom Kutschbock fliege. Leicht untersteuernd meistert der Aaglander die Kurve. Von meinem Hochsitz herab beobachte ich das schmale, langsam sich drehende Vorderrad, wie es unter mir den Schotter zerteilt. Anschließend geht es wieder geradeaus, meine Hände mit den Leinen stehen jetzt parallel und entspannen sich. Das permanente Räderknirschen des Aaglander erinnert an das Plätschern eines Brunnens.

Drei Dinge die für den Reisegenuss verantwortlich sind: das Tempo, die Naturwege und der Aaglander

Bis auf das dezente, gleichförmige Brummen des Dreizylinder-Diesels, der den Aaglander antreibt, dürfte 1886 Gottlieb Daimler bei den ersten Probefahrten mit seiner Motorkutsche ähnliches erlebt haben - und er war vielleicht genauso gut gelaunt wie ich. Wer jedoch im Aaglander lieber zügellos unterwegs sein will, der nimmt auf der deutlich bequemeren, ebenfalls beheizten und mit Leder bezogenen Rückbank der Aaglander "Mylord"-Kutsche Platz. Gerade während der Fahrt durch den kühlen Spätnachmittag, wenn die ersten Nebelschleier über den Waldlichtungen schweben, ziehe ich den Platz im ersten Kutschendeck unter der wärmenden Decke und dem Klappverdeck vor - mit weiblicher Begleitung sowieso.

Dabei betrachte ich die im gemäßigten Jogging-Tempo an mir vorbeiziehenden Landschaftsbilder: verstreut auf der Weide stehende braune Hochland-Rinder, dann einen einsamen, sich durch schwere Ackererde quälenden John-Deere-Traktor. In den Dörfern säumen neugierige Bewohner die Straßen und winken dem eleganten, pferdelos tuckernden Kutschen-Konvoi aus sechs Aaglander-Vehikeln zu. Drei Dinge sind für den einzigartigen Reisegenuss verantwortlich: Das vorgegebene Adagio-Tempo von etwa 10 km/h, die Fahrt über meist abgelegene Naturwege, die für richtige Automobile oft gesperrt sind - und natürlich der Aaglander als solcher.

Initiator des pferdelosen Kutschierens: Roland Belz

Das Schmuckstück gefällt mit seiner kunstsinnigen, traditionell-soliden und hochwertigen Konstruktion sowie modernen Technik-Zutaten wie Scheibenbremsen, Servolenkung und kompletter Lichtanlage. Passend zum anspruchsvollen Reisegefährt wählt die Aagland‘sche Kutschhalterei die Reiserouten, -ziele und Nachtquartiere. Dass man in Gruppen von vier bis acht Kutschen unterwegs ist, erhöht den Reisespaß zusätzlich: Die gleich gesinnten Low-Speed-Junkies lernen sich während einer Rast und am Abend sehr schnell kennen. So führte uns die "Aaglander-Kreuzfahrt zu Lande" No. 201 drei Tage durch die Fränkische Schweiz mit zwei Übernachtungen im familiär-traditionellen Restaurant-Hotel Feiler in Muggendorf, eine der ersten Adressen vor Ort mit exzellenter Küche. Und auf Schloss Kühlenfels lernte die Aaglander-Reisegruppe sogar den Initiator des pferdelosen Kutschierens kennen: Roland Belz.

Der gebürtige Schwabe brachte es als Recycling-Unternehmer zu einigem Wohlstand und kaufte im Fränkischen das Schloss Kühlenfels mit Stallungen, das er stilvoll-ländlich restaurierte. Hier entstand vor sieben Jahren die Idee zu einer motorisierten Pferdekutsche. "Pferde und das Gespannfahren sind ein großes Hobby von mir", erzählt Belz, "das besonders auf einsamen Routen durch die Fränkische Schweiz viel Freude bereitet". Leider sei es Freunden und Besuchern nie vergönnt gewesen, selbst einmal die Leinen in die Hand zu nehmen, weil man dazu "doch sehr viel Pferde-Erfahrung" benötige. So entstand die Idee zu einer Motorkutsche ohne Lenkrad, aber mit zwei langen Leinenstangen, die über einen T-Hebelarm mit der modernen, stark modizifierten Servolenkung verbunden sind - der Aaglander nahm Gestalt an.

Nachdem die erste Kutschen in der Aagland-Manufaktur zu Schloss Kühlenfels fertiggestellt waren, gab es auch Miet-Anfragen für Tages- und Halbtages-Touren. Daraus entwickelte sich schließlich das Aagland-Reiseprogramm "Kreuzfahrt zu Lande". Es bietet bundesweit drei- und viertägige Motor-Kutschreisen und versetzt uns ganz nebenbei in die Pionierzeit des Automobils zurück.

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Franz-Peter Hudek

Autor:

Motor Klassik, Heft 06 / 2010

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