Frühmorgens im Regen von Rom, unterhalb der Engelsburg beginnt gleich das Start-Prozedere. Auf der Motorhaube eines Alfa Romeo ist das Strebensmotto der Mille-Miglia-Legende Tazio Nuvolari mit feinem Pinselstrich aufgemalt: "Donne e Motori, Gioie e Dolori." Frauen und Motoren, Glück und Schmerz. Ist es das, was uns heute erwartet, auf dem langen, sehr langen Weg zurück an den Ausgangspunkt Brescia? Nichts gegen die Frauen, gegen die Motoren ohnehin nicht. Das Glück nehmen wir auch gerne. Aber die Schmerzen müssen nicht sein.
Die Wahnsinnstat von Stirling Moss auf der Mille Miglia
Anscheinend doch, und uns trifft es besonders hart. Bei der ersten Wertungsprüfung wird uns das Ergebnisblatt der Vortages-Prüfungen herein gereicht. Wie immer das rechnerisch gehen mag – man führt uns nach dem Fiasko von gestern nicht mehr auf dem 263. Platz, sondern auf dem Platz "minus 23.021". Was immer das heißen mag, es ist rekordverdächtig und beunruhigend zugleich.
Doch es sind auch ganz andere Schmerzen bei den Mille-Teilnehmern zu spüren, normal am Morgen des dritten Mille-Tages, nach immerhin dreieinhalb Stunden Schlaf. Die letzten 700 Kilometer werden nicht ohne Zähne-Zusammenbeißen ablaufen. Das Rizinusöl der Vorkriegs-Klassiker hängt in der Luft, Castrol RS für die Nachkriegs-Rennwagen; und in den Muskeln der Piloten hängen die 900 Kilometer der vergangenen anderthalb Tage, das Wuchten schwerer Holzlenkräder und der tausendfache Tritt auf unnachgiebige Bremspedale.
Die mächtigen Vorkriegs-Alfa Romeo zum Beispiel sind nur mit viel Kraftaufwand zu lenken. In Spitzkehren müssen sie ein paar Mal zurücksetzen, das zehrt zusätzlich an den Kräften. Der Besatzung eines Mercedes-Benz SS, Daimler-Entwicklungschef Thomas Weber und auto motor und sport-Chefredakteur Bernd Ostmann, geht es nicht besser. Und irgendwie versteht man erst jetzt, was die Tazio Nuvolari und Achille Varzi und Stirling Moss in den echten Rallye-Jahren der Mille Miglia von 1927 bis 1957 geleistet haben.
Als Nuvolari mit 56 Jahren und kranken Lungen noch einmal auf Drängen von Enzo Ferrari antrat und im Tipo 166 S die gesamte Konkurrenz demütigte, die Motorhaube abriss, den Beifahrersitz bei einem Unfall verlor, am Raticosa-Pass unglaubliche 29 Minuten vor allen anderen lag und mit gebrochener Aufhängung kurz vor dem Ziel aufgeben musste.
Oder die Gala-Vorstellung, die Stirling Moss im Mercedes 300 SLR mit seinem Beifahrer Denis Jenkinson bot. In zehn Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden schafften die beiden eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,65 km/h. "Wir müssen verrückt gewesen sein", sagte Moss hinterher. Aber sein Rekord gilt bis heute. Und wir brauchen im Jahr 2010 immerhin 35 Stunden im Auto, um dieselbe Strecke zu schaffen - und das verteilt auf mehr als zwei Tage.
Enges Empfangsspalier für die Mille Miglia in Siena
Auch Ponton-Paolo, unser unerwartet schneller Mille-Renner (160 in Polizeibegleitung auf der Bundesstraße, und einmal hat er drei moderne SLR-Supersportwagen überholt, als deren Fahrer etwas unachtsam waren!), konnte ihn am Samstag nicht brechen. Wie auch? In Siena, auf der berühmten Piazza del Campo ist kaum ein Durchkommen, so eng steht das Spalier der Mille-Tifosi. In Florenz ist nur unwesentlich weniger Begeisterung zu spüren. Und der Futa-Pass mit der Menschenmenge rechts und links kostet ebenfalls Zeit. Zeit, die jedoch bestens angelegt ist. Trotzdem zeigen die Knochen vieler Mille-Teilnehmer in der Toskana längst Ermüdungserscheinungen, die Augen brennen, der Magen knurrt, die Haut an den Händen wirft Blasen. Wer keine Handschuhe eingesteckt hat, ist selbst schuld.
Die Mille zu Gast auf der Ferrari-Teststrecke
Zwei, drei waghalsige Überholmanöver - "dem Maserati haben wir's aber besorgt!" -, und alles ist vergessen. Unvergessen bleibt die hitzige Fahrt durch die Toskana, Umbrien und die Emilia Romagna. Eine Etappe führt zum Ferrari-Werk, mit einer kurzen Runde um 20 Uhr auf der Teststrecke Fiorano. In Siena und Florenz schauen wir vorbei, klatschen Hände ab, die uns begeisterte Kinder hinter den Absperrschranken entgegenstrecken. Wir bugsieren unsere Oldtimer durch die engen Gassen von mittelalterlichen Orten wie Pienza und Radicofani. Und wenn man denkt: "Jetzt ist entspannte Mittagspause in Buonconvento, da wird schon nichts passieren – genau dann passiert richtig was und ein Ferrari 166MM hat auf dem Parkplatz einen Motorbrand, mitgeschnitten von drei Dutzend Digicams in den Händen der Touristen.
"Das ist noch gar nichts", legt TV-Koch Horst Lichter einen drauf: "Mir ist gestern in San Marino einer mit kaputten Bremsen voll in unseren Ferrari 750M hinten rein. Ich fass‘ es noch immer nicht."
Zielankunft der Mille Miglia 2010 in Brescia
Das Duo Thomas Weber/Bernd Ostmann im über 70 Jahre alten Mercedes SS kann es auch nicht fassen, gegen 22 Uhr die Beleuchtung ihres Rennwagens komplett ausfällt. Bis der Werksservice kurz darauf eintrifft, klemmen sie zwei LED-Leuchten ans Heck und lassen einen anderen Mille-Teilnehmer mit Warnblinklicht vornewegfahren – Hauptsache, man bleibt in Bewegung und verschenkt keine wertvollen Minuten . Nachtetappe mal im Sinne des Wortes.
Schließlich, gegen Mitternacht, die Zielankunft in Brescia. Jubel, Schulterklopfen, Glückwünsche auf der Rampe im gleißenden Scheinwerferlicht. Jeder, der es bis hierher geschafft hat, bekommt von den Zuschauern den Heldenstatus verliehen. Später dann, als alles vorbei ist und wir mit kaum noch messbarem Rückstand auf den Sieger an unserem Renn-Ponton lehnen, kommt die Erkenntnis: Vermutlich hat Tazio (Mille-Teilnehmer duzen sich!) besser als jeder andere das Wesen dieser Rallye in Worte gefasst: "Donne e Motori, Gioie e Dolori." Frauen und Motoren, Glück und Schmerz.
Aber viel mehr Glück als Schmerz, nur damit das klar ist. Grazie, Mille – danke für alles.
P.S. Nur der Vollständigkeit halber: Es hat einen Toten gegeben, auf der Rallye des Jahres 2010 (der Rallyesport fordert nun mal Opfer). Es geschah schon am Donnerstag, nachts zwischen Desenzano und Canedole, bei sehr schlechter Sicht: Wir haben einen Igel überfahren.
Hier geht es zur Ergebnisliste der Mille Miglia 2010.



