Restaurierung Adler Favorit 8/35 PS: Doppelt hält besser

Adler Favorit

1968 restaurierte Herbert Kessler als Oldtimer-Laie einen Adler Favorit. Mehr als 20 Jahre später perfektionierte er seine damalige Arbeit und merzte einige Fehler der Vergangenheit aus.

Ende der 60er Jahre überfiel Herbert Kessler aus Mühldorf am Inn eine Art Reisefieber. Ein spezielles Ziel hatte der zu dieser Zeit Dreißigjährige nicht vor Augen, er wollte einfach nur dem immer hektischer werdenden Alltag entfliehen: "Die Autos wurden damals immer schneller, mir schien, jeder hatte es plötzlich eilig", erinnert sich Kessler. Diesem Trend wollte er nicht folgen. Zumindest in seiner Freizeit sollte das genussvolle Reisen im Vordergrund stehen, und als passendes Fahrzeug eignete sich dafür nach seiner Meinung nur ein Oldtimer. Doch woher nehmen? Eine entsprechende Fachzeitschrift gab es zu dieser Zeit in Deutschland nicht.

Ein unvollständiges Wrack sollte es sein

So befragte er einfach die Kunden der Fiat- und Hanomag-Werkstatt seines Schwagers, in der er seit fünf Jahren als Kfz-Meister tätig war. Die Recherche zahlte sich aus. Einer wusste von einem Adler in Mühldorf und bot sich auch gleich als Vermittler an. Beim Besichtigungstermin traf Kessler auf ein betagtes Gefährt ohne Räder, aufgebockt in einer baufälligen Garage, bedeckt von Schmutz und Staub der zerbröselnden Deckenverkleidung. Außerdem fehlten die Scheinwerfer und der Vergaser, und im Innenraum hatten die Mäuse gewütet.

Kessler ließ sich nicht abschrecken. Er kaufte das Wrack und schaffte es in einer abenteuerlichen Aktion samstags morgens in seine Garage. Vorn und hinten ruhte der Adler auf einer Abschleppachse, und gezogen wurde die Fuhre von einem Fiat Neckar, den der Vermittler dieses Kaufs steuerte. Der bekam angesichts einer auftauchenden Polizeistreife weiche Knie, weil der am Ende des Zugs laufende Kessler den Adler halten musste, damit dieser nicht von der Schleppachse fiel. Doch den Polizisten entging offenbar die Waghalsigkeit dieses Unternehmens - alles ging gut.

Kessler sah sich nun einer neuen Herausforderung gegenüber: einer Restaurierung. "Hinzu kam, dass ich keinerlei Unterlagen oder Bücher über das Auto hatte, und es keine Teilehändler gab", unterstreicht Kessler die Schwierigkeit seiner Aufgabe. Aber er gab sein Bestes und ging mit enormem Eifer ans Werk. Von morgens fünf bis sieben Uhr und abends von 20 bis 23 Uhr schuftete er in der Garage, mangels Hebebühne oft auf den Knien, was ihm als besonders mühsam in Erinnerung blieb.

Die Fehler eines Restaurierungs-Anfängers

Im Passagierraum entfernte er zunächst die Spuren der Mäuse. Dank der vom Vorbesitzer verwendeten Schonbezüge sah die Innenausstattung gar nicht so schlecht aus, doch neue Bezüge waren unumgänglich. Dazu verwendete Kessler einen beliebigen roten Stoff. "Ich wusste ja damals nicht, auf was man achten sollte." Erstaunlich fand er, dass es an der vom Chassis getrennten Karosserie nur zwei Durchrostungen im hinteren Bereich zu schweißen gab.

Der Zustand des Fahrgestells war ebenfalls erfreulich. Da der Kilometerstand des Wagens nur 10.940 betrug, gab es an den Radaufhängungen und den Achsschenkelbolzen keinerlei Verschleiß. Natürlich waren die Bremsen fest. Um die Trommeln abnehmen zu können, musste sich Kessler einen speziellen Abzieher herstellen lassen. Übrigens gehört zu den Besonderheiten des Adler Favorit eine damals noch nicht übliche hydraulisch betätigte Bremse.

Zeitintensive Suche nach Ersatzteilen

Auch die Funktion der Zentralschmierung stellte Kessler wieder sicher, denn damit konnte er den Verschleiß der geschmierten Bauteile auf dem bisherigen niedrigen Niveau halten. Am Motor demontierte er den Zylinderkopf, kippte Öl in die Brennräume und mit viel Geduld und einer vorsichtigen Wärmebehandlung brachte er die festgegangene Maschine wieder dazu, sich zu drehen. Die Zylinderlaufbahnen musste er jedoch honen. Weil er die seitliche Nockenwelle nicht ausbaute, kam er nicht in Verlegenheit, die ihm unbekannten Steuerzeiten einstellen zu müssen.

Beim Einstellen der Ventile baute er auf seine Erfahrung, die ihm auch beim Überholen des Zündverteilers half. Den fehlenden Vergaser ersetzte er durch ein Exemplar aus einem Ford, musste dazu aber ein passendes Ansaugrohr herstellen.

Überhaupt geriet die Suche nach fehlenden Teilen extrem zeitintensiv, zumal er mangels Vorlage oft nicht wusste, wie diese aussehen mussten, wie im Falle der Räder. Deren Beschaffung hatte Kessler unterschätzt. Oft fuhr er abends auf die Suche in die Nachbargemeinden. Damit seine Frau nicht immer mit den beiden all zu munteren kleinen Töchtern allein daheim bleiben musste, nahm sie mit der Dreijährigen auf der Rücksitzbank Platz. Und statt des Beifahrersitzes stand der Kinderwagen mit dem sechs Monate alten Baby im Fiat 850 der Kesslers.

Hilfe aus dem Saustall

Als Rettung erwies sich, dass früher aus den Achsen verschrotteter Autos Landwirtschaftsanhänger gebaut wurden, und so die alten Räder überlebten. Kessler ergatterte zwei Räder von einem Hänger, zwei andere fand er durch den Tipp eines Schmieds in einem Saustall. Optimal waren sie nicht, erst später kam er durch den Kauf eines weiteren Adler zu besseren Exemplaren. Scheinwerfer fand er auf dem Heuboden eines Bauern, doch diese gehörten eigentlich zu einem Ford. Durch Zufall traf er Jahre später einen Ford-Besitzer, der Adler-Scheinwerfer montiert hatte, und so tauschten die beiden.

Lackiert wurde der Adler wieder in Originalfarbe, und dann ging es zur Freude der ganzen Familie auf zahlreiche Touren und Veranstaltungen. Auch bei Filmaufnahmen war Kessler mit von der Partie, doch dieser winterliche Ausflug führte über Straßen, die mit Salz gestreut waren, was der Karosserie nicht gut bekam.

Bei der zweiten Restaurierung sollte alles besser werden

Kessler, mittlerweile zum Oldtimer-Experten gereift und Mitbegründer der Mühldorfer Oldtimer Freunde, entschloss sich, den Adler erneut zu restaurieren. Dabei merzte er alte Fehler aus und ersetzte beispielsweise alle Kreuzschlitz- durch zeitgenössische Schlitzschrauben.

Diesmal widmete er sich intensiver dem Motor. Eine Spezialfirma versah die Kolben mit neuen Kolbenringen, und dem hohen Ölverbrauch durch Schleuderverluste rückte er aufgrund eines Tipps seines Schwagers durch die Montage von selbst gefertigten Schwallblechen im Kurbelgehäuse zu Leibe, für deren Befestigung vom Werk aus schon Gewindelöcher vorgesehen waren.

Seit dieser zweiten kompletten Revision läuft der Adler, dessen Holzboden im Innern und die Trittbretter samt Gummiauflage noch immer im Originalzustand sind, tapfer Kilometer um Kilometer. Oft trägt er seinen Besitzer weit fort von der Hektik des Alltags, und genau das schätzt Kessler besonders.

Details zur Adler Favorit 8/35-Restaurierung

  • Kaufort/-Jahr: Mühldorf/1968
  • Kaufzustand: Fahrzeug war nicht fahrbereit und unvollständig, Karosserie und Technik waren relativ gut erhalten.
  • Vorgeschichte: Das Fahrzeug gehörte einem Professor aus einer Familie von Bortenmachern, er fuhr damit jeden Tag zum Unterricht in einem Internat in Burghausen, im Krieg wurde der Wagen bei Kilometerstand 10.940 versteckt.
  • Restaurierungsumfang: Fahrzeug zerlegt, Rostschäden beseitigt, Innenausstattung aufgearbeitet, Kühler und Stoßstangen verchromt, Motor zum Laufen gebracht, Fahrwerk und Bremse - so weit nötig - überholt, fehlende Teile besorgt, Lackierung im ursprünglichen Farbton. Später alle markenfremde Teile durch Adler-Teile ersetzt, bei der zweiten, originalgetreuen Restaurierung Innenbezüge erneuert, Fenster neu angefertigt, Wasserpumpe überholt, Kolbenringe erneuert, Ölverbrauch durch Schleuderverluste mit Hilfe selbst gebauter Schwallbleche reduziert
  • Restaurierungsdauer: 1968 und Ende der 80er Jahre zweite Revison
  • Fachkundige Unterstützung und Ersatzteillieferanten: Autolackiererei Peters, 84453 Mühldorf, Telefon +49 (0)8631 7069; Autosattlerei Anton Dandl, 84453 Mühldorf, Telefon +49 (0)8631 6292
  • Kosten: Wurden vom Besitzer nicht ermittelt
  • Marktwert im gepflegten Zustand: Zirka 27.000 Euro, laut Classic Car Tax

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Bernd Woytal

Autor:

Motor Klassik, Heft 11 / 2011

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