Roger Scheffler aus Heidelberg ist ein Schweden-Fan. Er liebt Land und Leute. "Aber ich mag das klischeehafte nicht", sagt er mit Blick auf solche Mitmenschen, die das skandinavische Land auf Ikea und Elche reduzieren. Ebenso wenig begeistern ihn die immer wieder zu hörenden Vermutungen, er würde einen Volvo P 1800 fahren, weil der legendäre Krimiheld Simon Templar einen besaß .
Der Traum-Volvo soll Kuhhörner haben
Tatsächlich hat er sich um die gleichnamige TV-Serie nie gekümmert. Er kaufte sich das Coupé mit den markanten Heckflossen einfach deshalb, weil es ihm sofort gefiel. Die erste Begegnung mit seinem Traumauto liegt weit zurück. "Ich lag am Strand eines Baggersees und sah auf der Titelseite einer mitgebrachten Zeitschrift einen P 1800", erinnert sich Scheffler. Besondere Autos zogen den ehemaligen Opel GT-Fahrer schon immer in ihren Bann, ganz besonders, wenn die Anschaffung keinen Banküberfall erforderlich macht. Mal einen solchen Volvo zu fahren, das konnte er sich gut vorstellen. Nach intensiver Beschäftigung mit der Historie dieses Modells stand für ihn seine Traumversion fest: Ein P 1800 S, aber noch mit den sogenannten Kuhhorn-Stoßstangen und dem ursprünglichen Innenraumflair.
Doch woher nehmen? Zunächst studierte Scheffler intensiv die Kleinanzeigen. Wurde ein P 1800 in nicht allzu großer Entfernung von seinem Wohnort angeboten, fuhr er hin. Was er zu sehen bekam, deprimierte ihn. "Schrott, oder verlebt, verbastelt, umgebaut oder schlecht gemacht", fasst er seine gesammelten Eindrücke zusammen. "Ich suchte eigentlich ein gutes Auto, denn ich scheute eine Totalrestaurierung", sagt Scheffler.Nicht, dass der gelernte Kraftfahrzeugtechniker an seinen eigenen Fähigkeiten zweifelte, aber zum Schrauben stand ihm allenfalls ein Tiefgaragenstellplatz zur Verfügung. Doch manchmal haben Schwiegermütter ihre Vorzüge. Die von Roger Scheffler stellte ihm eine Garage in Aussicht, in der er basteln konnte. Dadurch ermutigt forcierte er die Fahndung nach dem Traumwagen und gab in einer Fachzeitschrift eine entsprechende Suchanzeige auf.
13 Jahre Suche nach dem passenden Auto
"Zwei meldeten sich, einer aus Wien, der das falsche Modell besaß, und einer aus Flörsheim", berichtet Scheffler von den eher bescheidenen Reaktionen. Doch immerhin, der Wagen in Hessen schien nicht schlecht zu sein. Nach ewigen Telefonaten und dem Übersenden einiger Fotos machte sich Scheffler eines Tages auf den Weg nach Flörsheim. Das Gespräch mit dem Volvo-Besitzer, der sein Auto nur in gute Hände abgeben wollte, hatte ihn neugierig gemacht. Eine rote Nummer nahm er gleich mit.
"Es war der beste P 1800, der mir bisher angeboten worden war", erzählt Scheffler. Sehr lange und intensiv schaute er sich das Auto an. Es gab Fotos von der Restaurierung, der Wagen sah ordentlich aus und stand sogar auf den begehrten Kronprinz-Felgen. Nicht erklären konnte sich Scheffler die winzigen Pickel im Lack, aber irgendwie drängte seine Begeisterung das in den Hintergrund. Auch die schief ziehenden Bremsen oder der unrunde Motorlauf sorgten erst auf der Heimfahrt mit dem schließlich erstandenen Objekt für Gewissensbisse. "Oh Gott, was hast du da gekauft", dachte er damals. Immerhin, nach 13 Jahren Suche besaß er endlich das gewünschte Auto. Der Kraftfahrzeugmechaniker brachte zunächst die Bremsen in Schuss und stellte die Vergaser ein. So ließ es sich erst einmal fahren.
Die größer werdenden Lackpickel ließen ihm aber keine Ruhe. Eines Tages griff er kurzerhand zur Flex. Hervor kamen kleine Rostpunkte, die aber alle nur oberflächlich waren. Offenbar lag das am nicht korrekten Lackaufbau bei der damals durchgeführten Restaurierung. Nach kurzer Überlegung schritt Scheffler zur Tat. Bis auf den Motor zerlegte er das Fahrzeug in alle Einzelteile. Die Karosserie wurde komplett entlackt, Türen und Hauben ließ er sogar sandstrahlen. Das Abschleifen gab er in Auftrag, weil der dabei anfallende Staub und Schmutz sicher den Protest der Schwiegermutter heraufbeschworen hätte.
Problemfälle am Volvo sind Getriebe und Overdrive
"Ich habe dann jeden Tag in der Lackiererei vorbeigeschaut, um zu sehen, wie weit die sind", berichtet Scheffler, dessen Ungeduld den dortigen Mitarbeitern natürlich auf die Nerven ging. Er selbst stellte zuerst einmal eine Liste mit Teilen zusammen, die er benötigte. Dass er letzten Endes fast alles an diesem Wagen erneuern oder überholen würde, ahnte er noch nicht. Denn im Verlauf der Restaurierung wurde er immer anspruchsvoller. Alle Schrauben ersetzte er durch solche in Edelstahl. Etliche Chromteile fand er nicht mehr schön genug, weshalb er intensiv nach Originalersatz forschte. Ihn störte nämlich der gelbliche Glanz, den die in Edelstahl nachgefertigten Teile aufweisen, weshalb sie optisch nicht perfekt zu den Originalteilen passen.
Schlechte Erfahrungen machte er mit einem Betrieb, dem er den Tacho zur Überholung schickte. Das Teil kam mit defektem Glas zurück. Die bei vielen Volvo funktionsuntüchtige Zeituhr revidierte er mit dem Innenleben einer Scirocco-Uhr. Die Temperaturanzeige für Öl- und Wasser ergatterte er als Neuteil - ein Glückstreffer. Viel Ärger bereiteten Getriebe und Overdrive. Beides wurde zunächst neu gelagert und abgedichtet. Später machte dann der Overdrive schlapp, wobei auch die Getriebehauptwelle Schaden nahm. "Ich ließ dann zuerst das Getriebe reparieren", ärgert sich Scheffler noch heute.
Erst danach erfuhr er, dass eine Reparatur des in frühen Volvo P 1800 verwendeten Typ-D-Overdrive mangels Teilen nicht möglich war. Eine Umrüstung auf eine modernere Version hätte eine andere Getriebehauptwelle erfordert, doch die hatte Scheffler ja gerade erneuern lassen. Glücklicherweise fand er in Essen einen Betrieb, der den Overdrive mit Hilfe stärker dimensionierter MG-Teile überholte. Jedoch musste danach der Kardanwellenflansch geändert und die Kardanwelle gekürzt werden. So nach und nach war fast alles an dem Auto revidiert worden, bis auf den Motor. Als in diesem Jahr eine Ausfahrt nach Schweden anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Volvo P 1800 IG anstand, kam kurz zuvor dann auch der an die Reihe.
Ohne Zweifel ist der Volvo mittlerweile zu einem begehrenswerten Blickfang gereift. Und ein besonderes Merkmal hat er auch: eine kleine blaue Flagge mit gelbem Kreuz am vorderen Kotflügel. Wie gesagt, der Besitzer ist Schweden-Fan.
Experten-Tipps
Mehrere Versionen stehen zur Wahl: Wer sich für einen Volvo P 1800 mit der markanten Kuhhornstoßstange interessiert, muss ein vor August 1964 gebautes Modell wählen. Allerdings stehen die von Mai 1961 bis April 1963 bei Jensen zusammengeschusterten Versionen wegen der miserablen Fertigungsqualität in keinem guten Ruf. Wer mit etwas weniger Chrom klar kommt und auf das 50er Jahre-Flair im Innenraum verzichten kann, wähle den leistungsstärkeren P 1800 E mit Einspritzanlage. Diese Version bietet bessere Fahrleistungen, bessere Bremsen und insgesamt mehr Alltagsqualitäten. Ein anderes Erscheinungsbild und mehr Stauraum verspricht die ab August 1971 angebotene Kombi-Version P 1800 ES - wegen der gläsernen Heckklappe auch Schneewittchensarg genannt.
Die typischen Schwachstellen
Alle Kotflügel sind verschweißt, weshalb ein Wechsel sehr aufwändig ist und daher vom Fachmann ausgeführt werden sollte. Die Vorderkotflügel rosten im oberen Bereich entlang der Motorhaube. Korrosion entsteht ferner an den Schwellern und deren Übergang zu den Radhäusern, am hinteren Seitenteil unten und am Heckblech unten. Einen intensiven Check verdienen außerdem die Querträger und Wagenheberaufnahmen. Die Technik erweist sich als recht robust. Es kann zu Ölverlust an der Kurbelwellendichtung kommen. Verschleiß gibt es bei den Ventilschaftdichtungen und gelegentlich bei den Stirnrädern zu beklagen. Technik- und Karosserieteile sind im Angebot. Problematisch ist zum Beispiel das Beschaffen von Teilen für frühe Overdrive oder von bestimmten Instrumenten.





