Spätes Glück: Klassiker-Kauf im Herbst

Herbstzeit: Draußen wird es dunkel und kalt, und die Klassiker-Szene verfällt langsam in ihren Winterschlaf. Dabei winken gerade im Herbst die besten Chancen.

Klamme Finger sind nicht auszuschließen. Das muss fairerweise gesagt werden. Doch weitere Nebenwirkungen sind kaum zu befürchten. Es ist ziemlich clever, im Herbst auf die Pirsch zu gehen. Antizyklisches Kaufen macht bei Klassikern nicht weniger Sinn als an der Börse.

Wer zuschlägt, wenn die Nachfrage am geringsten ist, hat die besten Chancen auf einen attraktiven Preis. Das ist im Herbst so, auch im Winter noch. Jedenfalls vor Weihnachten, auch, weil in dieser Phase vielen Menschen anderes durch den Kopf geht als altes Blech. Selbstverständlich sacken die Preise etablierter Modelle nicht ins Bodenlose, nur weil zufällig Allerheiligen im Kalender steht.

Aber die Zahl potenzieller Interessenten ist gesunken, und Händler müssen auch im Winter leben. Private Verkäufer nicht weniger: Wer jetzt verkaufen will oder muss, darf bei Preisverhandlungen nicht allzu wählerisch sein. Es gibt keine Indizien, dass das Angebot im Herbst geringer ist als zur restlichen Zeit des Jahres. Aber verkaufen lassen sich Klassiker nicht so leicht – im Winter bestimmt der Käufer, wie es läuft.

Für und Wider

Meist bleibt ihm mehr Zeit, das Für und Wider abzuwägen, bevor er eine Entscheidung fällt. Dafür ist eine Besichtigung im Vakuum zwischen Veterama im Oktober und Retro Classics im März nicht ganz so komfortabel wie an einem milden Sonntag im März. Doch einerseits warten die Klassiker meist in einer Garage oder Halle auf ihren Verkauf, und andererseits lässt sich mit warmer Kleidung und gutem Licht jeder Ortstermin entschärfen. Die günstige Lage auf dem Markt ist nicht der einzige Vorteil. Denn wer seinen Traum vom Oldie bis in den Frühling träumt, hat keine Lust aufs Schrauben mehr, wenn die Technik nach Wartung ruft.

Und meist sind, die Erfahrung zeigt es, tausend kleine Dinge zu erledigen, bevor die erste Tour beginnen kann. Kleinigkeiten sind es meist, die versagen oder stören. Ein ausgeschlagenes Kreuzgelenk gehört ebenso dazu wie einer jener Elektrik-Lurche, der zwischen flackerndem Licht und völliger Dunkelheit nervt – oder gar einen kapitalen Kabelbrand auslöst.

Denn die Elektrik ist weiterhin für viele Restaurierer eine ungeliebte Aufgabe – und nichts eignet sich besser als lange Winterabende, um dieses Manko zu beheben. Sinnvoll ist es auch, den Motor vor dem ersten Einsatz einem gründlichen Check zu unterziehen.

Klassisches Tune-Up

Den Versprechungen des Verkäufers kann man glauben. Doch sicherer ist es zu wissen, dass die wichtigsten Kenndaten in Ordnung sind. Ein zu geringes Ventilspiel ist so ein Beispiel: Man hört es kaum, es stört auch wenig, doch es kann ein kapitaler Motorschaden folgen. Auch das klassische Tune-Up, die optimale Einstellung von Zündung und Gemisch, gelingt mit Muße besser. Und selbst bei vermeintlich gut gewarteten Fahrzeugen lohnt es sich, nach Standschäden zu forschen: Undichte Manschetten in Bremszylindern oder überalterte Bremsflüssigkeit sind nicht sichtbar, bergen aber erhebliche Sicherheitsrisiken.

Besonders kleinere Werkstätten freuen sich im Winter auf Kunden. Sie leiden oft unter Auftragsflaute, weil sich die Kunden nicht mehr auf die Straße trauen, obwohl es auch im November nicht ständig regnet oder schneit. So wartet auf die, die es an trockenen Tagen wagen, nicht selten der beste Service des Jahres.

Wer sich jetzt trotz Atlantik-Tief und Orkanböen auf die Suche nach seinem Traum begibt, kann nur gewinnen. Denn wenn an den ersten lauen Abenden des nächsten Jahres zur großen Jagd geblasen wird – auf Klassiker oder das so dringend benötigte, leider zurzeit nicht lieferbare Ersatzteil – wird er längst eines tun: genießen.

Nutzen Sie die Gunst der dunklen Stunden.

Fünf Gründen, einen Klassiker im Herbst zu kaufen

- Die Nachfrage ist jetzt geringer, und das bei einem Angebot auf üblichem Niveau. Im Herbst ist Käufermarkt: Ohne konkurrierende Interessenten lässt es sich entspannter entscheiden. Die Preisnotierungen weisen zwar kein signifikant niedrigeres Niveau aus, doch oft sind Verkäufer im Winter verhandlungsbereiter.

- Bis zum März ist ausgiebig Zeit, um den neu erstandenen Klassiker ausgiebigen Tests zu unterziehen. Alle Schwachstellen lassen sich so nicht nur aufdecken, sondern auch rechtzeitig abstellen.

- Wer nicht genau weiß, wie der Vorbesitzer seinen Oldtimer gewartet hat, sollte einer glänzenden Optik oder einem tadellosen Anspringen nicht trauen: Für eine Überprüfung sicherheitsrelevanter Bauteile wie Bremsen oder Reifen bleibt im Winter genügend Muße, ohne dass die erste Ausfahrt zu sehr lockt.

- Werkstätten haben im Winter weniger Arbeit. Freie Kapazitäten sorgen zwar nicht für Dumpingpreise, aber mehr Zeit bedeutet meist mehr Aufmerksamkeit und mehr Sorgfalt im Detail.

- Die Beschäftigung mit dem Klassiker im Winter bringt noch einen weiteren Vorteil: Man lernt das Auto in seinen Details kennen. Und mit diesem Erfahrungsschatz ist man für die kleinen Unpässlichkeiten während des Betriebs bestens gerüstet.

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Thomas Wirth

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