7. Classic Gala Schwetzingen: Schloss Garage

7. Classic Gala Schwetzingen, International Concours d`Elégance

Nach kurzer schöpferischer Pause feierte der traditionelle Concours d’Elégance im barocken Schlosspark mit über 150 Klassikern ein furioses Comeback. Neben edlen Hochkarätern zogen vor allem bürgerliche Raritäten das Publikum in Bann.

Ist es ein Alfa Romeo 6C 2500 S Touring Cabriolet oder ein von Saoutchik karossierter Delahaye 175 MS? Staunend und mit skeptischem Stirnrunzeln schleichen eine Handvoll Männer mit karierten Sakkos unter ihren Panamahüten um den repräsentativen Wagen mit dem Kennzeichen aus Litauen.

Mercedes mit Wendler-Karosserie: Nicht schön, aber selten

Er lässt ihnen keine Ruhe. Der groteske Stilmix mit der angedeuteten Pontonform wird hier im Schlosspark von Schwetzingen zum Publikumsmagnet aller selbsternannten Autokenner, die ihr Wissen gern kundtun. "Nicht schön, aber selten", meint einer treffend. Der Mercedes-Stern vorn über dem Alfa-Gesicht wirkt wie ein Fremdkörper, die gummibelegten Zierleisten über der Stoßstange sind klobig wie von Meterware geschnitten. "Mercedes-Benz 320 Cabriolet mit Wendler-Karosserie von 1940", steht lakonisch auf der Tafel vor dem Wagen, der nur im Innenraum den Typ 320 authentisch verkörpert.

Das Gesamtkunstwerk wirkt so unharmonisch wie ein Eigenbau, 1940 erscheint der Jury als Entstehungsjahr zu früh. Später wird der seltsam eingekleidete Mercedes, offenbar ein Einzelstück, anderswo für stolze 397.000 Euro zum Kauf angeboten. Von solch ungewöhnlichen Autos lebt ein Concours d'Elégance. Sie sind das Salz in der Lacroix-Gourmet-Suppe.

So ein Concours ist nicht der Schönheit per se verpflichtet, sonst stünden zwischen fürstlichen Blumenrabatten und aristokratischen Wasserspielen nur Flügeltürer, BMW 507, frühe Porsche 356, Kompressor-Mercedes, Bentley und Rolls-Royce von Hooper, Young oder Freestone & Webb, exklusiv karossierte Alfa Romeo vor 1950 von Castagna über Zagato bis hin zu Touring. Der französische Hochadel aus den zwanziger und dreißiger Jahren sowieso, allen voran Bugatti, Bucciali, Delage, Delahaye oder gar Voisin.

Automobile Vielfalt: Brot und Butter, Schampus und Kaviar

Die Stärke der Classic Gala Schwetzingen liegt leider nach zwei Ausfällen und dem neuen Namen beim siebten Mal nicht in der Kontinuität, andererseits im einzigartigen Mix der rund 150 zur Preisverleihung angetretenen Klassiker.

Ihrem Spiritus Rector Johannes Hübner gelang es einmal mehr, einen wunderbaren Querschnitt durch fast 120 Jahre Automobilgeschichte zusammenzutragen. Von den Motor-Kutschen und den Edwardians aus den Kindertagen des Automobils bis zu den Youngtimern reicht das Spektrum: Citroën SM, NSU Ro 80, Maserati Indy, ein Citroën DS 21 Cabriolet von Chapron und ein Alfa Romeo GT 1300 Junior Zagato verkörpern neben einem Aston Martin DBS V8 die schöne neue Welt des Automobils im barocken Schlosspark der badischen Spargelstadt.

Doch damit nicht genug, die Neunziger sind schon im Visier der Operngläser unter radgroßen Damenhüten. Ein Hauch von Ascot umweht die Platanen im Park. Manchmal trägt der Wind den feinen Sprühnebel der Springbrunnen auf den glänzenden Lack der Karossen.

Bei allem Glamour Blech gewordener Haute Couture gehört auch eine Portion Brot und Butter dazu. Die Butter vorzugsweise fein gesalzen in Form eines entzückenden Zagato-Kombis auf Basis eines Fiat Millecento. Ein karger Spartaner mit üppiger Verglasung und dezent verstecktem Zweifarben "Z" an der Flanke. Er entstand einst in wenigen Exemplaren im Auftrag einer italienischen Nähmaschinenfirma.

Ein anderer stiller Star ist das eisblaue AMC Rambler Convertible, das ein wenig aussieht wie ein Rekord A und eindrucksvoll die Schönheit des Banalen lehrt. Wann bekommt man ein solches Auto schon einmal zu Gesicht?

Die jungen Wilden - Klassiker der Zukunft
 
Reizvoll und typisch Schwetzingen das gekonnt stromlinierte Skoda 420 Sport Coupé. Ein technischer Bohemian aus Mlada Boleslav, der auf den Namen Monte Carlo hört. Von eher leiser Größe kündet jene schüchtern-graue Peugeot 403-Limousine aus Familienbesitz in unrestauriertem, wohl gehütetem Originalzustand. Sie war der Jury einen Extrapreis wert.
 
 Auch die Simca Aronde Elysée Matignon klopfte mit schnurrendem Rush-Motor an unsere Herzen. Eine Extraportion Chrom, eine Zweifarb-Lackierung und das plüschige Interieur eines alten Pariser Frisiersalons macht aus der schlichten Limousine eine betörende Belle de Jour der schwärmerischen Fünfziger.
 
Gala-Conferéncier Johannes Hübner will aber auch den Anschluss finden. Zum Hier und Jetzt, vor allem zu jüngerem Publikum. Klassiker der Zukunft nennt sich die wohl umstrittenste Kategorie seines anerkannten FIVA-Events.
 
Auf dem kiesweggesäumten Rasen-Planquadrat tummeln sich spannende Exoten, die für viele gusseiserne Concours-Clacqeure gefühlte Neuwagen sind. Ein Isdera Imperator 108i posiert dort neben einem Lotus Omega, die Alfa-Zwillinge RZ und SZ-Zagato polarisieren das Publikum, ein Jaguar XJ 220 hat sich von der Hunaudières in Le Mans geradewegs ins erlauchte Golf-Green geschlagen. Und der Bugatti EB 110 zeigt eindrucksvoll die erste Wiedergeburt der elsässischen Jahrhundert- Automarke an.
 
Jury-Mitglied Ronald Ihrig, einst Designer bei Opel, wertet die jungen Wilden als Bereicherung: "Bei den Youngtimern und den Klassikern der Zukunft gibt es großartige Automobile, faszinierende Entwürfe, die uns tolerant vor allzu großer Verklärung von Vintage, Vorkrieg und Fünfziger bewahren".

Best of Show: Rolls-Royce Phantom I Picadilly Roadster

Die Freudentränen öffentlicher Schlosspark-Begeisterung perlen immer noch am Meguiar's getränkten Nitrolack hochkarätiger Vorkriegs-Preziosen ab. Im Namen der Jury kürte sie den majestätischen Rolls-Royce Phantom I Piccadilly-Roadster zum Favoriten. Best of Show heißt das schlicht im sonst so französischen Concours-Jargon.

Dem schier lautlos drehenden 7-Liter-Sechszylinder des Rolls folgte zumindest ein halber Brite. Ein Vollblut-Bugatti vom opulenten Typ 57 ließ sich als Einziger seiner Spezies in London bei James Young dezent einkleiden, ohne sein franco-romanisches Wesen zu verlieren.

Den dritten Platz machte ein Alfa Romeo 1900 C von Pinin Farina. Der Stolz der Mailänder Familie verwies sogar das prächtige, in seiner makellosen Schönheit mit einem venezianischen Renaissance- Palazzo vergleichbare 6C 2500 SS-Coupé vom Mailänder Alfa Sammler Corrado Lopresto auf die Plätze. Die Schwetzinger Schloss-Garage bot wieder einmal Raritäten vom Feinsten.

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Alf Cremers

Autor:

Motor Klassik, Heft 01 / 2010

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