Opel Kapitän (1938 bis 1970)

Der große Opel wird 80

Der Opel Kapitän wird 80: Das ist richtig, weil der große Opel 1938 erschien. Es ist aber auch falsch, weil die Produktion für sechs Jahre unterbrochen war. Das ist übrigens nicht die einzige Merkwürdigkeit in der Geschichte dieses Modells.

Opel Kapitän (1938) Foto: Opel 18 Bilder

Fahreindruck

Historie

1955 gibt es 1,7 Millionen Personenwagen, die Autobahnen sind leer, Staus existieren nicht. Aber es gibt auch fast 11.000 Unfalltote. Benzin hat mit 90 Oktan Super-Qualität, der Liter kostet 70 Pfennige, Diesel 50, die Promillegrenze liegt bei 1,5. Prost. Ein Käfer kostet 4.600 Mark, ein Opel Kapitän fast 10.000. Man ist wer im Kapitän, nicht weniger als im 220er-Mercedes. Die Arrivierten fahren den einst größten Opel – Chefärzte, Anwälte, Direktoren von Werkzeugmaschinen-Fabriken. In den Sechziger-Jahren ist Opel sogar Deutschlands größter Hersteller von Sechszylinder-Limousinen. Heute baut Opel gar keine Sechszylinder mehr, lang ist's her.

Fahrbericht: Opel Kapitän von 1953

Der 1953er Opel Kapitän zeigt noch die Urform der Vorkriegszeit. Der spitz zulaufende Kühlergrill trägt massiven Chromschmuck, die Motorleistung des 2,5 Liter großen Sechszylinders liegt mit 58 PS bei nur 3.600 Umdrehungen um ganze drei Pferdestärken über den ursprünglichen 55 PS.

Opel Kapitän (1948) Foto: Opel
Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt Opel die Produktion des Kapitän wieder auf.

Das mit Stoßstangen-Ventilsteuerung versehene Reihenaggregat befindet sich schon auf dem Weg zur motorischen Legende. Es ist vor allem die ungewöhnlich hohe Elastizität, die dieses Triebwerk auszeichnet, dargestellt durch ein maximales Drehmoment von 15 Meterkilogramm bei nur 1.600 Umdrehungen. Kein Wunder, dass man mit einem Dreiganggetriebe auskommt. Noch aus 20 km/h kann der Kapitän im großen Gang ruckfrei beschleunigt werden, zwölf Prozent Steigung sind ebenfalls drin und maximal 130 km/h. Wir nehmen auf einer Fahrersitzbank Platz, die mühelos drei Personen schluckt und von der Polsterung her Kanapee-Charakter hat.

Werner Oswald empfiehlt den teuren Opel in Heft 11/1951 als „ein schnelles, temperamentvolles, zuverlässiges und wirtschaftliches Reisegefährt“. Helmut-Werner Bönsch verfällt in der „ADAC Motorwelt“ vom Februar 1953 anlässlich einer Winterprüfung in lyrisches Schwärmen: „Die schwer behangenen Tannen scheinen den letzten Laut des an sich schon sehr leisen Wagens zu schlucken, die Scheinwerfer zaubern immer neue Märchenbilder hervor.“

Der alte Kapitän bietet Automatik Fahren mit Schaltgetriebe

Opel Kapitän (1948) Foto: Opel
Der Kapitän neigt zum Schwimmen. Mancher Mitfahrer neigte zur Übelkeit.

Das elfenbeinfarbene Lenkrad türmt sich riesenhaft auf und liegt weich in der Hand. Dahinter gülden schimmernde Instrumente und ein dürrer Schalthebel mit kleinem Knauf. Die Schaltwege sind lang, fast könnte man sagen, man mache sich auf den Schaltweg. Von der Zwei in die Drei ist auf halber Höhe eine kleine Pause angezeigt, ausreichend für einen Blick aus dem Seitenfenster, an dem die Landschaft schleppend vorbeizieht. Alles im Dritten also, und siehe, es macht Spaß. Der alte Kapitän bietet Automatik Fahren mit Schaltgetriebe. Auch die Kupplung hat wenig zu arbeiten, die Energien des Fahrers fließen zuallerst ins Lenkgeschäft. Hier ist immer etwas zu tun. Der alte Opel neigt mit schlechtem Geradeauslauf zum „Schwimmen“, und so ist man immerzu beschäftigt, ihn auf Kurs zu halten.

Erinnerungen an die Auto fahrenden Filmstars aus den alten Hollywood-Schinken werden wach. Auch hier sieht man den Helden im Chevy oder Cadillac ständig am Lenkrad korrigieren – kein Zeitvertreib, auch keine Regieanweisung. Wer es unterlässt, landet im Graben. Hinten hat der Kapitän eine an Halbeliptikfedern aufgehängte Starrachse, damals eine auch bei Luxuswagen weit verbreitete, Kosten sparende Konstruktion. Schwer plumpst die Achse in alle Untiefen des Rüsselsheimer Raums, bei Unebenheiten in Kurven neigt sie zum Versetzen, in ernsteren Fällen zum Trampeln. Gefahr ist dennoch nicht im Verzug, denn wir sind nicht schnell, außerdem haben wir schon „Öldruck-Bremsen“. 80 km/h entpuppen sich auf der Landstraße als behagliches Marschtempo, auf der Autobahn dürfen es 110 sein.

Der Kampf mit dem Geradeauslauf

Gern würde man sich auch chauffieren lassen, am liebsten in der rechten Ecke hinten, von der Fahrers Kampf mit dem Geradeauslauf am besten beobachtet werden kann. Die Vordersitzlehnen türmen sich mächtig vor den Beinen, die sich mühelos übereinanderschlagen lassen. Hineingekommen ist man mit unerreichter Leichtigkeit. Die hinteren Türen sind hinten angeschlagen, ihr Öffnungswinkel beträgt glatte 90 Grad. Leise summt der Sechszylinder. Opel hat ausdrücklich keine Einfahrvorschriften erlassen, aber man soll ihn auch nicht in den unteren Gängen „hochjagen“. Er hat noch in der Fabrik unter einem Druck von acht bar 80 Grad heißes Schmieröl durch seine Kanäle gejagt bekommen, bei einer Art Jungfern-Lauf, um auch den letzten Schmutz aus dem Gehäuse zu spülen.

Unter der vierfach gelagerten Kurbelwelle zirkulieren vier Liter Schmierstoff, die stattliche Menge von elf Litern Wasser bemüht sich um Kühlung. Nicht immer mit Erfolg. 30 Kilometer hinter Rüsselsheim kocht der Kapitän – ein paar Wassertropfen auf dem feudalen Grill zeigen nach kurzem Halt den motorischen Brechreiz. Dann springt der Sechszylinder wieder an und tut so, als sei nichts gewesen. In seinem Leerlaufflüstern scheint die von einem Kapitän nicht unerwartete Frage zu liegen, wohin die Reise denn gehen soll? Nicht nur nach Babenhausen, lieber in die Ferne, nach Hamburg oder Paris. Man war wer im Kapitän, und jetzt ist man es wieder.

Der Opel Kapitän erschließt die gehobene Mittelklasse

1938 stellte Opel den Kapitän vor, der zwischen dem Kadett und dem Admiral angesiedelt war und mit dem das Rüsselsheimer Unternehmen die gehobene Mittelklasse erobern wollte. Der Kapitän gehört damit zwar zu den Vorkriegskonstruktionen, wurde allerdings modern konstruiert und besitzt viele technische Raffinessen, die erst Jahre später in die Automobilproduktion Einzug erhielten. Das war auch gut so, denn schon neun Monate nach Anlauf des neuen Modells unterbrach der Zweite Weltkrieg die Kapitän-Produktion. Zur Währungsreform 1948 gab es dann wieder neue Kapitän zu kaufen. Bis in die Sechziger-Jahre war der Kapitän für wirtschaftlich erfolgreiche Deutsche eine Alternative zu einem Mercedes. BMW stieg erst 1968 mit dem E3 in die Produktion von Oberklasse-Sechszylindern ein.

Die Karosserie aus Stahlblech ist selbsttragend, für den Antrieb wurde ein 2,5-Liter-Reihensechszylinder mit 55 PS entwickelt. Dieser Motor markiert den Ursprung für einen fünf Jahrzehntelange Tradition. Bis in die späten 1980er-Jahre hinein stand der Reihensechszylinder bei Opel für Oberklasse-Antrieb zum attraktiven Preis. Beim Opel Kapitän kann zwischen 4 Generationen und 10 Varianten unterschieden werden. Der letzte Opel Kapitän lief unter diesem Namen 1970 vom Band, seine Schwestermodelle des KAD-Trios (Kapitän, Admiral, Diplomat) wurden bis 1976 (Admiral) und 1977 (Diplomat) weitergebaut. Merkwürdigerweise heißt der erste Kapitän übrigens nicht Kapitän A. Der Kapitän mit diesem Buchstaben, der bei Opel normalerweise die erste Generation eines Modells kennzeichnet, kommt erst mit der KAD-Baureihe auf. Und so ist der Kapitän B eben die vierte und letzte Generation des großen Opel.