Alfa Romeo 6C 2500 Castagna im Fahrbericht: Unikat mit V12-Feuer

Alfa Romeo 6C 2500 Castagna V12 Coupé

Das Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé sollte 1941 bei der Mille Miglia mit dem Dreiliter-Zwölfzylinder den Sieg holen - obwohl Europa schon brannte, entwickelte Alfa Romeo während des Zweiten Weltkriegs noch einen Dreiliter-V12. Malte Jürgens unternimmt eine Probefahrt in dem einmaligen Castagna-Coupé mit dem faszinierenden 200 PS-V12.

Die strahlende Mittagsonne in dem kleinen Ort nahe Mailand erinnert noch an den Sommer, aber die einzigartige Wärmekraftmaschine unter der grauen Motorhaube des Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé lässt viel eher schon an den Advent denken: Ein Kerzlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier... doch dann steht noch lange nicht das Christkind vor der Tür. Erst müssen die weiteren acht Zündkerzen jenen V12 zum Leben erwecken, in dem sie stecken.

Unvergleichliches Timbre des Zwölfzylinders

Fauchend springt der Dreiliter an und läuft rasch rund, mit einem Ansauggeräusch, dessen Timbre irgendwo zwischen Eros Ramazotti und Gianna Nannini liegt. Von allzu viel Schwungmasse scheint der V12 des Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé nicht gebremst zu werden; das Antippen des Gaspedals quittiert er mit spontanem Hochdrehen. Die Bedienkräfte der Kupplung überschreiten nicht das übliche Maß, der erste Gang im H-Schema lässt sich problemlos einlegen, und dann rauscht das anthrazitfarbene Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé bei vielleicht 1.800 Umdrehungen pro Minute mitten hinein in den Mailänder Mittagsverkehr.

Weiches Beschleunigen, der erst handwarme V12 des Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé dreht mit summendem Nachdruck bis 3.500/min, dann die zweite Fahrstufe. Und das soll ein Vorkriegsauto sein? Der Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé schnürt geschmeidig über die Tangentiale, mit souveräner Gelassenheit - ohne das geringste Problem, mit den Turbodieseln unserer Tage mitzuhalten. 200 PS bei knapp unter 5.000/min, dazu nur etwa 1.625 Kilogramm Gewicht, eine für das Baujahr überraschend präzise Lenkung, dazu vier gleichmäßig ansprechende Trommelbremsen: Dieses Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé mit dem Experimental-Motor macht seinen Konstrukteuren Gioacchino Colombo und Bruno Trevisan alle Ehre.

Das Konzept des 60-Grad-V12 im Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé entstand bereits 1937, als Colombo die Nachfolge des legendären Alfa-Konstrukteurs Vittorio Jano angetreten hatte, der dann zu Lancia wechselte. Die Vorgabe waren rund vier Liter Hubraum - und Maßverhältnisse, die es erlaubten, den Zwölfender ohne drastische Rahmenveränderungen in das Fahrgestell des Straßensportwagens 6C 2900 zu integrieren.

Der neue V12 passte denn auch nach Länge, Breite und Höhe in das 6C-Chassis des Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupés und wog dank seiner Leichtmetall-Bauweise kaum mehr als der Kompressor-geladene Sechszylinder. Je eine obenliegende und von einer Kette angetriebene Nockenwelle pro Zylinderbank steuert die beiden Ventile pro Brennraum, und bei einem Bohrung-Hub-Verhältnis von 68 zu 82 Millimetern resultiert ein Hubraum von 3.560 Kubikzentimetern.

Entwickelt, um bei der Mille Miglia zu siegen

Als Tipo S 10 kam dieser V12 in seiner Straßenversion auf 140 PS bei 4.700/min. Die Sportversion S 10 SS brachte es dank höherer Verdichtung und dreier Vergaser auf etwa 165 PS. Zwei Exemplare soll es vom 3,6-Liter gegeben haben, berichtet Luigi Fusi, der einst das Alfa-Romeo-Werksmuseum aufbaute und ein bis heute unübertroffen reichhaltiges Buch über die Modellgeschichte von Alfa verfasst hat. 1940 schrumpfte der Motor durch die auf 62 Millimeter verringerte Bohrung auf nurmehr knapp drei Liter Hubraum: Das technische Reglement für die geplante Mille Miglia von 1941 schrieb die Drei-Liter-Grenze fest und verbot den Einsatz von Kompressoren.

Zu dieser Mille Miglia sollte es nicht mehr kommen. Europa brannte, und mit ihm Italien. In der Asche fanden sich nach 1945 allerdings einige Relikte der ehrgeizigen Pläne von Alfa: In einer Scheune nahe dem Orta-See, um den herum Alfa in den Kriegsjahren die wichtigsten technischen Zeugnisse versteckt hatte, tauchte auch eine Drei-Liter-Version des nicht mehr eingesetzten V12 auf. Die wanderte durch die Hände der Alfa-Experten Mario Righini, Dieter Dambacher und Gianni Torelli. Letzterer restaurierte den Motor für den Mailänder Sammler Corrado Lopresto, der ihn im Sinne der Alfa-Pläne von 1940 in ein Chassis des Typs 6C 2500 mit der Nummer 915066 setzte.

Castagna schuf die fließende Karosserielinie

Die großartige Aluminium-Karosserie des Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé, die Leichtigkeit und Dimensionen eines damaligen Sportcoupés mit dem Raumangebot einer kleinen Limousine kombiniert, wurde vom Mailänder Karossier Castagna 1941 und 1942 in etwa 15-facher Ausfertigung hergestellt. Da sie einem Touring-Entwurf für den 6C 2500 gleichen soll - Touring entwarf für den Alfa Romeo 6C 2500 Castagna auch eine Spider-Version, die nicht einmal 1.100 Kilogramm wog -, gehen Experten von einer Lizenzfertigung aus. Loprestos Initiative bereichert die Szene jedenfalls wohltuend: In dem Alfa Romeo 6C 2500 Castagna Coupé kommt heute wieder zusammen, was einst füreinander gedacht war.

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Malte Jürgens

Autor:

Motor Klassik, Heft 01 / 2010

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