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Leyat Hélica 2H Serie D21 22 Bilder Zoom

Leyat Hélica 2H Serie D21: Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt

Der propellergetriebene Leyat Hélica von 1921 sei das Seltsamste, was ihm je begegnet ist, meint Hans-Jörg Götzl. Zum Motor Klassik-Jubiläum reiste er in den Pariser Bois de Boulogne, um zu schauen, wie das Ding fährt. Und ob überhaupt.

So ein Fliewatüüt ist schon eine feine Sache: Das vom kleinen Robbi (3. Klasse Volksschule) entworfene und dem nicht viel größeren Roboter Tobbi (3. Klasse Robotschule) gebaute Universalgefährt, mit dem die beiden Helden des Kinderbuch-Klassikers unter anderem das Geheimnis der dreieckigen Burg Plumpudding Castle lüften, kann gleichermaßen fliegen wie schwimmen und normal auf der Straße fahren. Und es begnügt sich mit Tante Paulas Himbeersaft, zur Not auch mit Lebertran.

Marcel Leyats Slogan: "Kein Getriebe, keine Kupplung und kein Differential nötig"

Der von dem Franzosen Marcel Leyat erdachte und ab 1919 gefertigte Hélica kann trotz Propeller überhaupt nicht fliegen und vermutlich auch nicht lange schwimmen. Und fahren will er im Moment ebenfalls nicht. "Muss am feuchten Wetter liegen", murmelt Jean-François Bouzanquet und reißt erneut an dem Seil, mit dem der Zweizylinder-Boxermotor auf dieselbe Weise gestartet wird wie ein Rasenmäher. Doch der im englischen Byfleet gebaute Motor der All British Engine Company hustet nicht einmal alibihaft aus seinen kurzen Auspuffstummeln. Bouzanquet verstellt ein weiteres Mal Zündung und Gemisch, wischt sich eine Mischung aus Schweiß und Regen aus der Stirn und probiert es erneut. 

Vielleicht rührt die mangelnde Arbeitsbereitschaft des seltsamen Vehikels auch daher, dass es die vergangenen zwölf Monate in einer düsteren Garage im Pariser Stadtteil Issy verbracht hat und nun entsprechend indisponiert ist. In den nahen Pariser Stadtpark haben wir den Leyat Hélica  mittels Anhänger transportiert - obwohl das Gefährt seit dem 19. Juni 1921 eine Straßenzulassung besitzt. "Damit quer durch das heutige Paris zu fahren, wäre aber keine gute Idee", meint Bouzanquet, "der Verkehr ist einfach mörderisch." 

Das war im frühen zwanzigsten Jahrhundert noch anders, als Marcel Leyat seine revolutionären Fahrzeuge baute. Geboren am 26. März 1885 (und damit ein Jahr vor dem Benz-Motorwagen) in der Kleinstadt Die im Departement Drôme, war Leyat eigentlich Flugzeugingenieur und ging auch 1909 mit einem eigenen Segelflieger in die Luft. Doch er träumte davon, einige Konstruktionsprinzipien der Luftfahrt auf die Straße zu übertragen: "Kein Getriebe, keine Kupplung und kein Differential nötig", so warb er 1913 für sein erstes propellergetriebenes Fahrzeug namens Hélicocycle. Das entsprach im Wesentlichen bereits dem späteren Hélica, verfügte aber nur über ein Hinterrad, mit dem auch gelenkt wurde - und fiel entsprechend häufig um. Weshalb Monsieur Leyat dann doch ein zweites Rad an der Hinterachse montierte und mit dem Hélicocycle erst einmal an die Front aufbrach zum 42. Bataillon des 1. Artillerie-Regiments.

Das erste Luftschraubenauto: 250 Kilogramm leicht, bis zu 100 km/h schnell

Zurück aus dem Krieg legte Marcel Leyat am Pariser Quai de Grenelle 27 unweit des Eiffelturms richtig los und präsentierte 1919 den Typ Leyat Hélica  2H. Als Antrieb dienten neben Anzani-Aggregaten insbesondere Einbaumotoren vom A.B.C., die aus 1.200 Kubikzentimeter knapp 30 PS holten. Die Karosserie, wahlweise geschlossen oder offen, bestand aus einem Holzrahmen mit Sperrholzbeplankung. Vorn war eine dürre, an Blattfedern aufgehängte Starrachse befestigt und hinten eine Starrachse, mit der via Seilzügen gelenkt wurde. Die Achse des Leyat Hélica hing an einer einzigen Schraubenfeder und zwei Querlenkern. 

Das Ganze wog nicht mehr als 250 Kilogramm, einen guten Zentner weniger als eine aktuelle Harley-Davidson etwa. Und wenn der 1,40 Meter breite Propeller mit der Maximaldrehzahl von 1.800 Touren Wind schaufelte, jagte das Ding mit bis zu 100 km/h durch Paris. Das war damals eine Höllengeschwindigkeit. Kein Wunder also, dass Bouzanquets Großvater Jean-Jacques Peugeot ganz begeistert war von der neuen Fortbewegungsart und bei Marcel Leyat für 5.900 Francs einen Leyat Hélica bestellte. "Die Auslieferung verzögerte sich allerdings, weshalb Leyat auf Drängen meines Großvaters schließlich sein eigenes Exemplar mit der Chassisnummer 004 herausrückte", erzählt Jean-François Bouzanquet, dessen ehemals blütenweißes Hemd inzwischen bis zu den Ellbogen schwarz ist. Der Motor aber läuft immer noch nicht.

Gelegentlich spuckt der Motor Feuer

Zumindest hustet der Motor des Leyat Hélica jetzt gelegentlich, ein gutes Zeichen. Bis plötzlich Flammen aus dem Vergaser schlagen, der im Fußraum direkt vor dem Gaspedal montiert ist, und durch kleine Benzinlecks plötzlich der halbe Fußraum brennt. Erschrocken lösche ich mit ein paar Lappen das Feuer, doch Bouzanquet bleibt gelassen: "Das passiert gelegentlich; zum Glück hat man ja den Gasfuß direkt davor und merkt recht bald, wenn es warm wird", sagt der 56-Jährige. Irgendwie wundert es nicht, dass seine Großmutter Jacqueline vom revolutionären Propellerauto damals nicht ganz so begeistert war wie ihr Gatte und darauf drängte, ein normales Auto zu kaufen, einen Amilcar beispielsweise statt des Leyat Hélica. Und weil auch in Frankreich die Frauen das eigentliche Sagen haben, verschwand der Leyat Hélica Nummer 004 in einem familieneigenen Verschlag.

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30 Leyat Hélica wurden gebaut, nur zwei sind noch bekannt

Möglicherweise haben auch andere Ehefrauen seinerzeit interveniert, ein Verkaufsschlager wurde der Leyat Hélica jedenfalls nicht. Immerhin 30 Exemplare aber hat Marcel Leyat bis 1925 produziert und ist damit der Einzige, dem je eine Serienfertigung von propellergetriebenen Fahrzeugen gelang. 1927 feierte er gar einen Geschwindigkeitsrekord in Montlhéry, wo ein Leyat Hélica mit stolzen 170 km/h gemessen wurde. Anschließend verlegte sich Leyat wieder auf die Konstruktion von richtigen Flugzeugen und starb schließlich 1986 im Alter von 101 Jahren.

Von 28 der gefertigten Wagen fehlt heute jede Spur. Einer wurde 1935 von seinem Besitzer Gustave Courau dem Conservatoire National des Arts et Metiers in Paris zur Verfügung gestellt, wo es die Besucher seither bewundern können. Und Nummer 004 verbrachte friedliche 20 Jahre in seinem Schuppen, bis ihn deutsche Soldaten entdeckten und mal schauen wollten, ob er noch fährt. "Die kamen allerdings mit der Hinterradlenkung nicht zurecht, landeten in einem Baum und zerdepperten den Propeller", erzählt Bouzanquet.

Damit ging der Dornröschenschlaf der Konstruktion weiter. Erst in den neunziger Jahren, als Jean-François Bouzanquet den Leyat Hélica von seinem Großvater übernommen hatte, restaurierte er das Familienerbstück und ging dabei äußerst behutsam vor. "Ich wollte so viel Substanz des Leyat Hélica wie möglich erhalten, Karosserie und Innenraum sind noch völlig original, ebenso die Lackierung", sagt er - und hat endlich den A.B.C.- Boxer zum Laufen überredet, ein bisschen jedenfalls.

Fliegende Hängematte - hier passt der Begriff wie die Faust auf's Auge

Die Sitzposition in dem hängemattenartigen Ledergestühl des Leyat Hélica ist seltsam, ein wenig wie in einer Ente, direkt vor der Nase hängt das dicke Lenkrad, das über zwei Züge die Hinterachse steuert. Rechts vom Steuer befinden sich die Verstellhebel für Zündung und Gemisch, Instrumente gibt es nicht. Das Gaspedal des Leyat Hélica steht in der Mitte vor dem flammfreudigen Vergaser, rechts und links davon steuert je ein Pedal je eine Bremsbacke in den beiden vorderen Trommeln - für maximale Verzögerung muss der Pilot also beide Pedale an den Holzboden pressen. Hinten wird beim Leyat Hélica nicht gebremst. 

Die Beschleunigung erfolgt mit leichter Zeitverzögerung zum Gasgeben und fällt eher milde aus; die mögliche Höchstgeschwindigkeit wird vermutlich erst am Ende des Bois de Boulogne erreicht sein. Dafür sind auch auf den Schotterwegen durchdrehende Räder logischerweise kein Thema. Die Bremsanlage des Leyat Hélica passt zur Motorisierung, das eigentlich Schwierige am Leyat Hélica  ist in der Tat die Hinterradlenkung: Versuchen Sie mal mit höherer Geschwindigkeit rückwärts zu fahren und dabei halbwegs die Richtung einzuhalten. 

"Wenn man sich mal daran gewöhnt hat, geht es im Grunde ganz gut, und bei schönerem Wetter läuft er auch besser", meint Jean-François Bouzanquet - das will ich gern glauben. Auf jeden Fall gehört der Leyat Hélica zum Faszinierendsten, was ich je erlebt habe. Zwar ist es vielleicht ganz gut, dass sich die Idee nicht durchgesetzt hat, doch es ist wunderbar, dass es jemand probiert hat.  Und in einem Punkt ist das Propellerauto beinahe zeitgemäß: Im Schnitt benötigt es nicht mehr als sechs Liter auf 100 Kilometer - Tankstellensprit allerdings, keinen Himbeersaft von Tante Paula.

Autor

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Frank Herzog
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