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Morgan Super Sports, Kühlergrill 16 Bilder Zoom

Morgan Super Sports im Fahrbericht: Three for Two

Falls Sie einen Oldtimer mit echtem Understatement suchen, führt kein Weg an einem Morgan Threewheeler vorbei. Wir probieren ein 1934-Modell aus und ermitteln dessen Spaßpotenzial.

Von außen betrachtet erzeugt dieses hüfthohe Fahrzeug zusammen mit seinem heroischen Fahrer nur Mitleid: Kein Dach, keine Türen, keine Heizung, nur zwei Zylinder und - jetzt kommt's - nur drei Räder. Der kippt doch in jeder Kurve um! Und dann fährt das Ding auf einem der Ellenbogen seiner Passagiere weiter, die mangels Platz mit ihren Oberkörpern aus der torpedoförmigen Karosserie regelrecht herausquellen.

Faszinierende Technikwelt auf 3 Rädern

So sieht es der Außenstehende. Doch wer es einmal geschafft hat - auch nur als Copilot - die Beine in dem dunklen Blechschacht des Morgan 3-Wheeler und sein Gesäß auf einem Langspielplatten-großen Sitzkissen zu verstauen, der ist in eine ganz eigenartige und faszinierende Technikwelt versunken, aus der er gar nicht mehr herausklettern will (ist sowieso nicht ganz so einfach).

Mein Fahrer, Frank Simmank aus Tuttlingen, kommentiert das Entern seines feuerroten Spielmobils mit einem aufmunternden "Ging doch problemlos!". Sein Morgan Super Sport von 1934 mit V2-Motor von JAP ist bereits sein zweiter 3-Wheeler. Das erste Cyclecar von Morgan fuhr Simmank schon Anfang der Achtziger, als man die Leidenschaft für Oldtimer - vor allem mit nur drei Rädern - noch als schrulligen, vorübergehenden Briten-Spleen einstufte. Zum Glück ein Irrtum, wie wir heute wissen.

Im Morgan 3-Wheeler gibt's viel zu erleben

Jetzt zieht mein Morgan 3-Wheeler-Pilot den Dekompressionshebel am Lenkrad und drückt gleichzeitig den Starterknopf. Schon schüttelt sich der vorn am Bug stationierte V2 wie die britische Box-Legende Tommy Farr nach einem harten rechten Haken und beginnt zu laufen. Ich erlebe von vorn ein Rasseln und Klappern, von schräg hinten in Stereo ein traktorähnliches "Bang-Bang-Bang-Bang" und von unten auf dem Sitzpolster und an den Füßen ein Vibrieren, als schramme die Titanic an ihrem schicksalhaften Eisberg vorbei. Auch mir ist nicht so richtig warm ums Herz.

Wir fahren los, und es gibt im Morgan 3-Wheeler viel zu erleben. Übrigens nicht auf irgendeinem schattigen Waldsträßchen der Schwäbischen Alb, sondern inmitten des Freitag-Nachmittag-Verkehrs auf der B 14 zwischen Stockach und Tuttlingen. Unser Parkplatz mündet direkt in einen Kreisverkehr, aus dem wir tatsächlich ohne zu kippen herauswirbeln, kurz bevor uns ein monströser Kieslaster in eine abstrakte Pflastermalerei verwandelt. Simmank schaltet zügig die vier Gänge durch und fährt ohne Probleme dem Kieskipper davon.

Ich beobachte, wie sich das linke, schmale Vorderrad des Morgan 3-Wheeler dreht und unablässig von der Straße Schläge bekommt, welche die Federung erstaunlich gut verdaut. Rechts daneben arbeiten die Ventile im Freien, ticken fleißig auf und ab wie die Nadel einer alten Singer-Nähmaschine. Für mich fast unbegreiflich, dass dieses simple, filigrane und doch scheinbar unverwüstliche System noch heute Bestand hat und völlig unbeobachtet in Abermillionen von Autos und sonstigen Maschinen seinen Dienst versieht.

Fahren mit allen Sinnen

Der Wind bläst mir nur gegen Stirn und Frisur, weil die schmale Windschutzscheibe relativ viel Schutz bietet. Gelegentlich meldet sich bei niedrigem Tempo eine Wärme- und auch bisweilen ein süßlich-ranzig duftende Öldunst-Wolke im Cockpit des Morgan 3-Wheeler - das ist Fahren mit wirklich allen Sinnen.

Das beflissene Knattern des V2-Motors, der aus 1100 cm3 stramme 40 PS herausklopft, hat inzwischen etwas Beruhigendes. Seine Leistung reicht völlig aus, um im Landstraßenverkehr mit bis zu 100 km/h und schneller nicht zum nervenden Schlangenbeschwörer zu werden. Der ohne Passagiere gerade mal 400 Kilogramm leichte 3-Wheeler rennt wie ein geölter Blitz.

Gas gegeben wird mit der Hand

Stadteinwärts verlangsamen wir jetzt das Tempo. Das gibt mir Gelegenheit zu fragen, weshalb denn mein Fahrer mit einem seiner drei Lenkradhebel das Gemisch ständig reguliere. Verblüffende Antwort: "Das ist der Handgashebel". Zweite Frage: "Als Ergänzung zum Gaspedal?" Zweite Antwort: "Nein, es gibt nichts Anderes." Und: "Reine Gewohnheitssache." Meine Entscheidung, den historischen Morgan 3-Wheeler nur als Passagier erleben zu wollen, war vielleicht gar nicht so falsch.

Zuhause bei Frank Simmank angekommen, der in Tuttlingen eine kleine, aber feine Manufaktur für medizinische Instrumente betreibt, kann ich die Technik des Morgan 3-Wheeler im Detail bewundern. Allerdings hat der Besitzer im Lauf der Jahre und nach dem Erwerb seines zweiten 3-Wheeler im Jahr 1992, den er von Grund auf restaurierte, einige Dinge optimiert. Sein Grundsatz lautet nämlich: "Oldtimer und überhaupt Autos sind zum Fahren da, jederzeit und überall. Und das soll auch Spaß machen, was nur der Fall ist, wenn nicht dauernd irgendetwas kaputt geht."

Motorrad-V2 von JAP sorgt für Vortrieb

So befeuert den JAP-V2 eine leistungsstarke Zwölf-Volt-Lichtmaschine. Der Name JAP steht für die Initialen des Firmengründers John Alfred Prestwich, der bereits 1895 seine Maschinenbaufirma gründete, die sich später durch den Bau von Einbau-Motoren einen Namen machte. Das vor dem hinteren Antriebsrad des Morgan 3-Wheeler platzierte Getriebe (Eigenkonstruktion von Frank Simmank) besitzt 4 anstatt nur 3 Gänge und ist wie in allen 3-Wheeler von Morgan mit dem Motor durch eine kurze Kardanwelle verbunden. Die Hinterradaufhängung ähnelt einer Motorrad-Schwinge; als Federelemente dienen zwei daran befestigte Viertel-Eliptikfedern. Eine Kette treibt schließlich das Hinterrad an.

So ausgestattet kann es der Morgan 3-Wheeler auch dank seines damals wie heute konkurrenzlos tief liegenden Fahrzeug-Schwerpunktes mit deutlich größeren und stärkeren Sportwagen aus seiner Zeit aufnehmen. Das zählt dann zu den ganz großen Vergnügen der 3-Wheeler-Fraktion, wenn man "auf der Nürburgring-Nordschleife mit einem BMW 328 oder Bugatti 35 mithalten kann". Vor allem Franks Sohn Mike, der einen noch flacheren 3-Wheeler mit authentischem Ford-Vierzylinder aus den Dreißigern bewegt, hat schon entsprechende Erfahrungen gesammelt. Hier offenbaren sich die Morgan als bissige Wadenbeißer: Ihr Understatement wird zur wirkungsvollen Waffe.

 
Motor Klassik hilft Kaufberatung

Autor

Foto

Hardy Mutschler

Datum

2. Februar 2014
Dieser Artikel stammt auf Heft Motor Klassik 07/2012.
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