VW 1303 Cabriolet und VW Golf I Cabriolet

Zwei mal Oben ohne von VW

VW 1303 S Cabriolet und VW Golf I Cabriolet

Das VW Käfer Cabrio ging, das Golf Cabrio kam: Käfer-Freunde trauerten, als die Sonne über dem Rahmen-Cabrio sank. Generation Golf witterte dagegen mit dem neuen selbsttragenden Modell Morgenluft. Wir haben die zwei Oben ohne Modelle aus dem Hause VW mal näher betrachtet.

Michelle hatte einen der ersten. Sie war schon etwas älter und hatte wohlhabende Eltern. Das VW Golf Cabriolet war ein Geschenk zum 18. Geburtstag - sie kam damit zur Schule, als wir noch mit der Hercules Ultra oder der Straßenbahn zum Gymnasium fuhren. Es war ein VW Golf GLI in Silber, und wir mochten ihn nicht.

Mit Duran Duran im Golf Cabrio zum Tennis

Als wir dann ebenfalls unsere Führerscheine hatten, fuhren wir R4, ausgediente VW-Busse von der Post oder eine Yamaha RD 200. Ein VW Golf Cabrio hätten wir nicht gewollt, selbst als Geschenk nicht. Ein VW Käfer Cabrio dagegen schon. Denn wir lasen damals schon auto motor und sport, spielten noch kurz vor dem Abitur Autoquartett unter der Schulbank und träumten von einem Porsche 911 Carrera 2,7. Das VW Golf Cabrio war das Auto der besseren Töchter und Söhne, die nach der Schule im gelben Kaschmirpulli zum Tennistraining über den Rhein fuhren, und die eher Spandau Ballet und Duran Duran hörten als Rory Gallagher und Patti Smith.

Das ist jetzt über 20 Jahre her. Die Zeit war gnädig zum VW Golf Cabrio. Heute wirkt er klein und harmlos, selbst in dieser späten Version des Baujahrs 1991 nicht mehr so nüchtern und vernünftig wie damals. Ein Facelift hatte ihm für die letzten Jahre ausgestellte Radläufe und Stoßflächen aus Kunststoff beschert, von denen man sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass sie damals ernst gemeint waren. Heute wirken sie unbeholfen, ein wenig so wie eine reifere Dame mit den modischen Accessoires einer Viva-Moderatorin. Unser VW Golf Cabrio ist ein Sondermodell aus der Serie Classicline mit 15 Zoll großen glänzenden Alus, hellem Leder im Innenraum und satt dunkelgrüner Lackierung. Man muss ihn nicht mehr ernst nehmen, und genau damit sammelt er Sympathiepunkte.

Die Herzen gehören dem offenen Käfer

Punkte, die der VW Käfer gar nicht mehr nötig hat. Selbst in seiner spätesten Evolutionsstufe und als Cabriolet ist er vor allem ein Käfer. Er muss sich nicht bemühen, um die Herzen für sich zu gewinnen. Es reicht, einfach den Schlüssel im Zündschloss auf Anschlag nach rechts zu drehen. Mit Sicherheit hatte das Ingenieurbüro des Professor Porsche 1934 keine Abteilung für Sound-Engineering, als der luftgekühlte Vierzylinder-Boxermotor auf den Reißbrettern entstand. Aber selbst der geschickteste Entwickler hätte die Geräuschentwicklung nicht besser hinkriegen können.

Das Rauschen des Lüfterrads, das metallische Tackern des Ventiltriebs und das Schnaufen des mickrigen Solex-Vergasers klingen immer ein wenig nach Kindheit. Es beruhigt und lullt ein wie die Märchenkassette, die man vor dem Einschlafen gehört hat. Und es schärft die Sinne für die Gerüche und Zwischentöne einer abendlichen Ausfahrt, die so vielleicht nur im VW Käfer Cabrio erlebbar ist.

1979, als das Erscheinen des VW Golf Cabrios mit dem Henkel das baldige Ende des VW Käfer Cabrios ankündigte, stand der 1303 am Ende seiner Entwickungsmöglichkeiten. Das ausgereifte Schräglenker-Fahrwerk mit den vorderen Federbeinen war so gut, dass selbst Autotester daran wenig auszusetzen fanden. Es funktionierte auch im Porsche 924 exzellent, sodass es bis zum 968 im Vierzylinder-Porsche fast unverändert überlebte. "Diese aufwendige Kombination sorgt für gute und problemlose Fahreigenschaften, und der Federungskomfort überzeugt", notierte Tester Gerd Hack in einem Kurztest des VW Käfer Cabrios in auto motor und sport 16 von 1977.

Davon ist heute mehr als eine Spur übrig geblieben. Der fast neuwertige VW 1303, ebenso wie das VW Golf Cabrio aus den Beständen der Stiftung Volkswagen Museum, bügelt mit seinen großen 175/70-Reifen und den fein abgestimmten Federbeinen Unebenheiten glatt, die so manch modernes, niederquerschnittbereiftes Cabrio zu Bocksprüngen veranlassen. Der späte VW Käfer kam auch in den Genuss der Golf-Zahnstangenlenkung, die mit den wenig belasteten Vorderrädern des 1303 derart leichtes Spiel hat, dass sich die Frage nach einer Servolenkung gar nicht erst stellt.

Die 50 PS des VW Käfers reichen locker aus

Bleibt der Motor des VW Käfer Cabrios. Auch mit ihm versöhnt uns die Zeit. Seine 50 PS reichen locker aus, jedenfalls zum unauffälligen Mitschwimmen im Verkehr. Zumindest wenn man die alte Käferregel beherzigt, die da lautet: Jubeln muss er. Will sagen, er bewegt sich ganz ordentlich, wenn man die Gänge bis zur Nenndrehzahl auskostet. Denn trotz seiner 1,6 Liter Hubraum ist er kein Wunder an Elastizität. Über seine Verbrauchswerte decken wir einen gnädigen Mantel des Vergessens. Nur so viel sei gesagt: Ganz so schlimm wie oft kolportiert, ist es beim 50-PS-Boxer nicht. Mit zehn bis zwölf Litern muss man freilich rechnen. Sollten es allerdings erheblich mehr sein, stimmt meist etwas an Zündung oder Vergaser nicht. Da begnügt sich ein VW Golf Cabrio natürlich mit etwas weniger, selbst in der 95 PS starken Kat-Version von 1991. 

Der 1,8 Liter große Langhuber gibt sich dabei im VW Golf Cabrio unauffällig. Das Lustigste an ihm ist vielleicht der Typenname seiner Einspritzanlage: Sie heißt Digifant. Ansonsten ist er ein treuer, blecherner Geselle aus der Motorenfamilie 827, der nicht mit kernigen Vibrationen und etwas lustlosem Vierzylinder-Brummen spart. Immerhin sorgt er für ordentliche Fahrleistungen, die auch Autobahnetappen oder längere Urlaubsfahrten nicht zur Quälerei werden lassen. Das VW Golf Cabrio ist über 170 km/h schnell und beschleunigt in rund 12 Sekunden von null auf 100 km/h.

Dass das VW Golf Cabrio dabei kaum motorische Reize verströmt, muss man ihm nachsehen. Schließlich ist die Norddeutsche Tiefebene nicht die Emilia Romagna. Und die späten 70er Jahre, als das VW Golf Cabrio erdacht wurden, gelten nicht gerade als eine Epoche, in der besonders emotionale Automobile entstanden. Der VW Golf kann dafür was Anderes: Er ersetzt vor allem in seiner späten, ausgereiftesten Form mühelos ein Alltagsauto. Man kann ihn so günstig kaufen, dass der Anschaffungspreis zur Nebensache wird. Er ist sparsam, bietet ordentlich Stauraum, und er ist mindestens so zuverlässig wie ein neuer Kleinwagen.

Zudem kommt er mit einer Verdeckkonstruktion, die fast so aufwendig wie die eines Rolls-Royce Corniche ist. Sie besteht aus fünf Lagen Stoff und Futtermaterial, dennoch lässt sich das Ganze wunderbar leicht zurückklappen. Danach sitzt es dann wie ein überdimensionierter Rucksack auf dem Heck des VW Golf Cabrio. Noch unschöner sah das bei den ersten, vor 1982 gefertigten VW Golf Cabrios aus. Da baute das zusammengeklappte Verdeck noch zehn Zentimeter höher.

Golf I Cabrio - geschlossen am schönsten

Die Mühe für das teure Dach hat sich jedenfalls gelohnt. Das Verdeck des VW Golf Cabrio bleibt auch bei Höchstgeschwindigkeit noch in Form, die Windgeräusche bleiben minimal. Und durch die große, beheizbare Heckscheibe aus Glas wirkt der Innenraum selbst bei geschlossenem Verdeck luftig und weit. Manche Leute behaupten sogar, dass ein geschlossenes VW Golf I Cabriolet der schönste Golf überhaupt sei. Da ist auch nach längerem Betrachten etwas dran. Das knapper geschnittene Dach nimmt der puristischen Giugiaro-Form einiges von ihrer Nüchternheit. Es verleiht ihr die elegante Linie eines Coupés, die von keinem Nachahmer-Henkel-cabrio auch nur annähernd erreicht wurde. Der VW Golf erobert das Herz also über Umwege. Es scheint heute so, als sei er mit den Jahren jünger geworden. Und dass zurzeit mehr Golf I-Cabrios als Golf I-Limousinen auf unseren Straßen unterwegs sind, ist bestimmt kein Zufall. 

Mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt

Kann sein, dass genau die, die ihn vor fast 25 Jahren gehasst und ihm den Brudermord vorgeworfen haben, heute ihren nostalgisch verklärten Blick über die hinteren Reihen der Fähnchenhändler schweifen lassen, wo so manches VW Golf Cabrio aus gepflegtem Vorbesitz auf einen verständnisvollen Käufer wartet. Wenn er sich für eines dieser Autos erwärmt und es mit nach Hause nimmt, wird er bald feststellen, dass die einstmals feindlichen Brüder mehr gemeinsam haben, als wir glauben wollten. Es verbindet sie nicht nur die Geburtsstätte Osnabrück. Das dumpfe Klatschen dicker Regentropfen auf dem gefütterten Verdeck klingt in beiden gleich heimelig, und der simple Prozess des Dachöffnens erschließt hier wie dort neue Welten.

Gemeinsam ist ihnen aber auch dieses einzigartige VW-Gefühl norddeutscher Solidität, mit der die Türen ins Schloss fallen oder Schalter einrasten. Der VW 1303 von 1979 und der VW Golf Classicline von 1991 markieren Endpunkte der Entwicklung zweier Modellreihen, die während ihrer buchstäblich jahrzehntelangen Bauzeit einen Reifegrad erreicht hatten, der bei den heutigen Modellzyklen selten ist. Welchen ich gern hätte? Über das VW Käfer Cabrio brauchen wir nicht zu reden. Eigentlich gehört in jeden Haushalt einer. Wie sehr er einem fehlt, merkt man erst, wenn man nach längerer Abstinenz in einen luftgekühlten VW steigt und den Motor anlässt. Der VW Golf macht es einem nicht ganz so leicht. Man muss sich heute seltsame Blicke gefallen lassen, wenn man im Classicline unterwegs ist. Das wird sich aber bald ändern. Dann wird sich mancher fragen, warum er damals kein VW Golf Cabrio gekauft hat - als die Dinger billig waren und nur wenige erkannten, dass sie sich bald zu begehrten Sammlerstücken wandeln. Lassen Sie es nicht so weit kommen. 

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Heinrich Lingner

Autor:

Motor Klassik, Heft 10 / 2004

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