Biografie Paul Pietsch Teil 2

Ein Leben als Rennfahrer und Verleger

Paul Pietsch, Interview

Der Zweite Weltkrieg, der wenige Wochen später mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen beginnt, lässt keinen Motorsport mehr zu. Paul Pietsch wird am 2. Januar 1940 zum Militär eingezogen und muss wie Millionen andere Männer in den Krieg ziehen.

Nach der Rückkehr aus dem Krieg und zweifacher Verwundung und Gefangenschaft beginnt Pietsch 1946 seine zweite Karriere als Verleger. Wieder zurück im zerbombten Freiburg trifft Pietsch auf zwei alte Bekannte, die er noch aus seiner Rennfahrerzeit vor dem Krieg kennt: Ernst Troeltsch und Josef Hummel.  Die Drei teilen noch immer ihre Begeisterung für den Rennsport, schwelgen in alten Erinnerungen und entwickeln im Laufe der Zeit eine Vision: Wir machen eine Autozeitschrift! Mit den erhofften Einnahmen planen sie, zu dritt wieder in den Rennsport einsteigen zu können.

Mitte 1946 steht der Entwurf für die erste Autozeitschrift und das Trio legt der französischen Militärdienststelle Baden-Baden, die für die Lizenzierung von Presseorganen zuständig ist, ein gedrucktes Probeheft vor. Nach monatelangen, zähen Verhandlungen mit der französischen Militärregierung („In Deutschland wird es nie wieder so viele Autos geben, dass eine Autozeitschrift nötig wäre“) erhalten sie 1946 das begehrte Dokument, die Zeitschriften-Lizenz Nummer 1308. Im Dezember 1946 erscheint dann mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren und einem Umfang von 36 Seiten zum ersten Mal die Zeitschrift „DAS AUTO“, der Vorläufer der späteren auto motor und sport. Ab Juni 1947 wird „DAS AUTO“ aufgrund der großen Nachfrage monatlich publiziert; die Auflage klettert auf 50.000 Exemplare.

Der wirtschaftliche Erfolg des Verlages bahnt für Pietsch tatsächlich den Weg zurück in den Motorsport. 1950 startet er in dem blauen Veritas RS seines Freundes Josef Hummel und zeigt gleich bei seinem ersten Start, dass er in den elf Jahren Zwangspause nichts verlernt hat: Am 11. Juni 1950 gewinnt Pietsch das Eifelrennen auf dem Nürburgring in der Klasse der Sportwagen bis 1,5 Liter. 1950 gewinnt er auch die Deutsche Sportwagenmeisterschaft und 1951 die Deutsche Rennwagenmeisterschaft.
Doch der Erfolgskurs im Rennsport währt nicht lange: Ein schwerer Unfall beim AVUS-Rennen am 28. September 1952 und die wachsende berufliche  Doppel-Belastung führen bei Paul Pietsch zur Entscheidung, die Rennfahrer-Karriere an den Nagel zu hängen und sich voll auf den rasch wachsenden Verlag zu konzentrieren. Nach dem Ausstieg von Josef Hummel sowie dem unerwarteten Tod seines Freundes und Geschäftspartners Ernst Troeltsch führt Pietsch ab 1956 den Verlag allein weiter und macht aus ihm Schritt für Schritt das größte Special-Interest-Zeitschriftenhaus Europas:  Pietsch ergänzt das Verlagsportfolio um Zeitschriften im Motor-, Sport- und Lifestyle-Bereich, baut international aus und fungiert bis zu seinem 65. Lebensjahr als erfolgreicher Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart.

Ende 1976 zieht sich Pietsch  aus dem Tagesgeschäft des Verlags zurück. Er bleibt als sehr aktiver Vorsitzender des Beirats dem Unternehmen weitere 20 Jahre eng verbunden und beeinflusst dessen Geschicke maßgeblich weiter.

Heute ist die Motor Presse Stuttgart (www.motorpresse.de) mit Beteiligungsgesellschaften und Lizenzausgaben in 22 Ländern rund um die Welt vertreten. Die Gruppe publiziert rund 140 Zeitschriften, darunter auto motor und sport, MOTORRAD, Men’s Health, Mountain Bike und viele andere Special Interest-Medien in den Themenfeldern Auto, Motorrad, Luft- und Raumfahrt, Lifestyle, Sport und Freizeit. 2009 erwirtschaftete die Motor Presse Stuttgart einen Umsatz von knapp 280 Mio. Euro, davon rund 47 Prozent im Ausland. Mehrheitsgesellschafter ist mit 59,9 Prozent das Medienhaus Gruner + Jahr, Europas größter Zeitschriftenverlag. 40,1 Prozent der Anteile halten die Gründer: Familie Pietsch 25,1 Prozent, Hermann Dietrich-Troeltsch 15,0 Prozent.
Paul Pietsch ist 99 Jahre alt und lebt in Karlsruhe.

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