Istanbul, Galata-Brücke 19 Bilder Zoom

Rallye Allgäu-Orient: Taxi? To Baku! - 16.000 Euro für guten Zweck

Geschwindigkeit spielt keine Rolle. Genauigkeit? Egal. Gewinnen? Wen kümmert’s? Eine solche Rallye ist die Allgäu - Orient nicht. Was die 6.000 Kilometer lange Fahrt so besonders macht: Es geht um den Spaß an der Freude, und zwar nicht nur an der eigenen.

Es ist eng, für sie alle. Viel Platz haben sie nicht, und wenn ihnen nicht die Sonne auf den Kopf knallt, prasselt der Regen auf sie ein, stundenlang manchmal. Und immer der Fahrtwind um die Ohren, manchmal schon früh morgens heiß wie aus einem Fön geblasen, manchmal, wenn sie unterwegs sind bis spät in die Nacht, empfindlich kühl.

Alle dürfen auf einem der drei 124er-Mercedes mitfahren

Aber so haben sie alle das gewollt: Wenn schon nicht persönlich bei der Allgäu - Orient unterwegs, dann wenigstens irgendwie mit dabei sein auf dem Weg vom Start in Oberstaufen zum Ziel dieser Rallye in Baku, dort, wo alle Teams ihre Autos zurücklassen werden, als Geschenke für Kriegsflüchtlinge aus Bergkarabach.

Der Start ist noch eine paar Wochen hin, da machen Florian, Fritz, Jürgen, Michael, Peter und Zeljko, die sich als Team Taxitobaku die Allgäu - Orient 2012 geben wollen, eine Kneipenparty. Als die Stimmung übers erhöhte Standgas hinaus ist, rücken sie raus mit ihrem Vorschlag: Wir nehmen alle mit, die uns auf der Rallye begleiten wollen - als Foto auf der Haube von einem unserer drei 124er-T-Modelle. Also, was ist? Kleine oder große Spende, und ihr seid dabei. Bilder gleich hier.

Der Fotograf macht an diesem Abend 150 Porträts, und gemessen an der Distanz - gute 6.000 Kilometer in zwei Wochen -, der Strecke - Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Georgien, Aserbaidschan - und vor allem dem, was unterwegs passieren wird, wären selbst 1.000 Euro ein günstiger Tarif für die Taxifahrt nach Baku. Andererseits: Das wäre fast der Preis, den die Teilnehmerautos der Allgäu - Orient selbst nicht übersteigen dürfen, wenn sie noch nicht älter sind als 20 Jahre. Ohnehin unbezahlbar ist der Wert der Erfahrungen, die alle Teams auf ihren selbst zusammengestellten Routen machen.

400 Dosen Bier begleiten das Team

Müsste man nicht mal wieder irgendwohin fahren, wo alles um einen herum neu und anders und überraschend ist, egal ob es einem am Ende gefällt, ob es anstrengend wird oder unkomfortabel? Müsste man nicht gerade auf den ganzen Komfort pfeifen? Müsste im Auto übernachten, einfach nur um wieder zu spüren, wie es ist, wenn man morgens, ein bisschen steif noch, auf der Haube Kaffee kocht, auf dem staubigen Dach Brote schmiert, und man sich statt Morgentoilette nur einen Schluck Wasser aus der Plastikflasche ins Gesicht kippt. Wenn ein gemeinsam mit wildfremden georgischen Lastwagenlenkern getrunkenes Bier - eine Stuttgarter Brauerei hatte dem Team 400 Dosen mitgegeben -, auch lauwarm größere Barrieren überwindet als unterschiedliche Sprachen sie errichten könnten.

Wenn am Schwarzen Meer plötzlich ein paar Anwohner neben den Autos stehen und bedeuten: Ihr seid unsere Gäste, wir machen ein Grillfest. Wenn der frische Fisch köstlich und der Selbstgebrannte gefährlich fürs Augenlicht ist. Wenn sich in Istanbul das Fahrerlager in eine Freiluft-Disko verwandelt, weil ein Team, das mit drei Heckflossen unterwegs ist, Boxen auf ihren Mercedes befestigt und den Platz beschallt, weshalb am Ende alle gemeinsam zur Musik wiegen - Teilnehmer, Touristen und türkische Frauen, Kopftuch und Schleier hin oder her.

Aufgerissene Ölwanne als einziger Defekt

Wenn der anatolische Gouverneuer seinen Begleitschutz zurücklässt, damit die sich darum kümmern, dass der 124er, dem es auf einem Feldweg die Ölwanne aufgerissen hat, am Abend gefälligst wieder flott ist, ganz egal, ob es Sonntag ist und Ahmet nicht in der Werkstatt in Corum, sondern im besten Anzug und Lackschuhen steckt. Ahmet repariert den Wagen, es bleibt die einzig größere Zuwendung, die den drei 124ern zuteil wird.

Sie laufen ohne Murren, obwohl das Team sich auch vor der Abfahrt nicht intensiv um die Technik der Kombis gekümmert hatte. Bremsen neu belegen, ein Tropfen Motoröl, wenn nötig, und neue Gummis, damit man nicht in der Wallachei die Auspufftöpfe über den löchrigen Asphalt rumpeliger Straßen schleifen würde.

Geschenke unterwegs

Im Nordwesten Rumäniens kommt das Team Taxitobaku nach der längsten Etappe, 18 Stunden, tief in der Nacht an. Immer langsamer waren sie in der Stockfinsternis geworden, unsicherer, ob das, was auf der Karte wie eine Straße aussah, auch tatsächlich der richtige Weg sein sollte. Am nächsten Morgen bekommen die sechs Freunde Antwort von ein paar Dutzend Kindern, die auf dem Hof des Heims von Petresti um die Autos stehen oder kurzerhand auf sie draufklettern: Die Kinder kriegen Fußbälle, Trikots, Buntstifte, Malblocks und so was, Florian, Fritz, Jürgen, Michael, Peter und Zeljko von ihnen ein wesentlich größeres Geschenk zurück: Eine Freude von der Art, wie man sie sich selbst gar nicht machen kann.

Eine Freude, die sie von da an mit der Gewissheit begleitet, dass sie bei der Allgäu - Orient auf jeden Fall auf dem richtigen Weg sind, wohin der auch langführt. In Georgien zum Beispiel mitten in militärisches Sperrgebiet. Gesucht hatte das Team eigentlich nur irgendeine Schule, um dort Unterrichtsmaterial zu verteilen und wieder Spielsachen. Am Ende finden nicht sie die Schule, sondern die Schule sie. Eine Lehrerin hört die deutsche Unterhaltung und ist aus dem Häuschen: Ich unterrichte Deutsch seit so vielen Jahren, aber sie sind die ersten Deutschen, mit denen ich spreche. Und genau so sind die sechs vom Team Taxitobaku die ersten Deutschen, für die ihre Klasse das Lied singt, an dem sie so lange mit der Lehrerin geübt hat: Einigkeit und Recht und Freiheit ...

16.000 Euro für Hilfsprojekte gesammelt

Ein bisschen pathetisch vielleicht und gefühlsduselig, aber auch das gehört zur Allgäu - Orient, die eben nicht nur Rallye sein will, nicht nur eines der letzten erschwinglichen automobilen Abenteuer, sondern vor allem auch eine etwas andere Wohltätigkeitsveranstaltung und Hilfsprojekt. Einem Kinderhospiz und dem Verein Sinnvoll Helfen, der sich in Jordanien für seh- und hörbehinderte Menschen engagiert, kommt das Geld zugute, das das Team Taxitobaku mit der Passbildaktion und von Sponsoren zusammengetragen hat: 16.000 Euro.

Allgäu-Orient, die etwas andere Rallye

Schnell sein muss man bei der Allgäu - Orient nur einmal: bei der Anmeldung. Länger als drei Minuten dauert es nicht, bis die rund 100 Startplätze weg sind. Teilnehmen können Teams zu sechs Personen und drei Fahrzeugen. Autos müssen mindestens 20 Jahre alt sein oder billiger als 1111,11 Euro. Sie verbleiben am Ziel als Spende.

Den Weg zum Ziel - traditionell in Jordanien, wegen der Unruhen in Syrien in diesem Jahr aber Baku - dürfen die Teams selbst zusammenstellen, dabei aber keine Navis benutzen und keine Autobahnen befahren. Unterwegs sind Etappenorte vorgegeben, an denen sich alle Teams wieder treffen. Durch das Engagement und den Einfallsreichtum der Teams unterstützt die Allgäu - Orient Hilfsorganisationen und Einrichtungen wie Schulen, Kinderheime, Krankenhäuser auf dem Weg. Die Anmeldung für die Rallye 2013 ist unter www.allgaeu-orient.de ab dem 7. Juli 2012 um 3.33 Uhr offen. Mehr Infos über das Team Nummer 96 unter www.taxitobaku.de.

Von am 14. November 2012
Heft 08 / 2012
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Alle Oldtimer +++
+++ Alle Klassiker +++
+++ Alle Rallyes +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.

  • Alle Bereiche
  • Fahrberichte
  • Szene
  • Ratgeber
  • Sport
  • Video
MOTOR KLASSIK für:
iPad iPhone Android Windows Phone