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Kaufberatung Mercedes /8 200-280 E (W114/W115)

Der /8 wird 50: Stärken und Schwächen

Der Mercedes Strich-Acht verdient eine genaue Betrachtung. Denn robuster Technik steht eine gewisse Rostanfälligkeit gegenüber. Gemein: Die Karosserie rostet vor allem im Verborgenen, nur Kenner enttarnen Blender. Wir helfen Ihnen dabei.

Foto: Frank Herzog 23 Bilder

Der /8 („Stricht-Acht“) ist die erste Baureihe, von der Mercedes mehr als eine Million Exemplare verkauft hat. Die am 9. und 10. Januar 1968 vorgestellte Mittelklasse-Baureihe beerbte die Heckflosse (W110) und machte Schluss mit der Einheitskarosserie die für kleine und große Baureihe der Heckflosse. Dabei sollten zumindest Vier- und Sechszylinder stärker unterschieden werden: Das geschah nicht, was blieb sind die unterschiedlichen Baureihenkürzel: W114 heißen die Sechszylinder und damit auch alle Coupé, die zeitlebens schlichter ausgestatteten Vierzylinder und der Fünfzylinder Diesel (240D 3.0) heißen W 115.

Strich-Acht mit neuer Diagonal-Pendelachse

Bekannt ist die 1968 eingeführte Baureihe unter ihrem Spitznamen, der sich aus dem Erscheinungsjahr ableitet: Strich-Acht. In manchen Punkten ist der modern konstruierte Wagen sogar der teureren S-Klasse (W108) überlegen: Während die teuren Modelle mit dem „S“ am Heck die Hinterräder noch an einer Pendelachse führen, hat Mercedes für den Strich-Acht eine Schräglenker-Hinterachse konstruiert. Die nennt man dann ganz diplomatisch „Diagonal-Pendelachse“, um die größere Baureihe nicht ins technische Abseits zu stellen.

Markenkern: sicher und komfortabel

In auto motor und sport 4/1968 steht über die Typen 200 und 250: „Der nasse und vereiste Hockenheimring bestätigte die auf der Targa-Florio-Strecke gemachten Erfahrungen: Die Fahrstabilität ist mit der neuen Achse wesentlich verbessert worden“. Die Vorderräder führen doppelte Querlenker. Beide Achsen sind über Fahrschemel mit weichen Gummilagern an die Karosserie angebunden, das sorgt für ein leises und komfortables Fahren. Sicher ist der Strich-8, weil er an allen vier Rädern Scheibenbremsen hat und bei 26 Unfallversuchen beweisen muss, dass er seine Insassen schützen kann. Die Anforderungen der US-Norm – mit 30 Meilen pro Stunde und 100 Prozent Überdeckung gegen die Wand – übertrifft er laut Mercedes.

Motoren von 55 bis 185 PS

Ein Grund für den Erfolg des Strich-Acht ist seine Vielfalt: Die mag heute bescheiden anmuten, doch Limousine, Coupé und Versionen mit verlängertem Radstand ergeben schon drei Karosserievarienten – Kombis und SUV gab es damals bei Mercedes-Benz noch nicht. Dazu kommt eine enorme Bandbreite an Motoren, mit denen sich der Charakter der Limousine von beschaulich bis zur Raserei steigern lässt: Dieselt der 200D noch mit gemütlichen 55 PS vor sich hin, erreicht der 280E schon 200 km/h. Wer heute einen /8 kaufen möchte, unterliegt vielleicht nicht mehr den ökonomischen Zwängen der Erstkäufer, die sich häufig „ihren Mercedes“ vom hart Ersparten gönnten und bar bezahlten. Theoretisch erweitert das die Auswahl – immerhin 1,9 Millionen wurden gebaut – wären da nicht der Rost und sonstige Kalamitäten, die den Bestand reduziert haben. Doch es sind genügend übrige geblieben: Der Strich-Acht zählt zu den häufigsten und beliebtesten Oldtimern.

Karosserie-Check

Wie sein Vorgänger, die Heckflosse, ist auch der Strichacht leider kein Rostverächter. Exemplare bis August 1971 und solche der zweiten Serie ab August 1973 gelten als besonders gefährdet. Grundsätzlich: Wenn der Strichacht schon äußerlich stark vom Rost gezeichnet ist, an den Wagenheberaufnahmen, den Kotflügel-Schraubkanten, den Türböden und den hinteren Radläufen – Finger weg. Denn im Verborgenen wütet es dann noch schlimmer. Also Fußmatten hoch, Längsträger und Innenschweller prüfen. Den Strichacht-Test machen: Ein Glas Wasser in die Lüftungsschlitze vorn gießen, es muss durchlaufen. Ein weiterer Tipp: Rückbank ausbauen, um die Hinterachsaufnahme zu prüfen.

Technik-Check

Die Motoren der Strichacht-Benziner, und nur um die geht es in dieser Kaufberatung, sind robuste Dauerläufer - ob Vier- oder Sechszylinder. Nur der langhubige Vierzylindertyp M 115 im 220 ist in der Szene nicht ganz so beliebt, er neigt zu höherem Ölverbrauch. Der nur vierfach gelagerte Sechszylinder M 180 im Typ 230 missfällt durch seinen hohen Benzinverbrauch, da ist der M 114 im 250 insgesamt harmonischer. Beide Motoren werden im Strichacht über zwei Register-Vergaser Zenith 35/40 INAT mit Gemisch versorgt, deren Synchronisierung nicht einfach ist. Auch die Stromberg-Flachstromvergaser der Vierzylinder haben ihre Tücken. Die Automatikgetriebe mit Flüssigkeitskupplung machen im Alter manchmal Probleme.

Preise

Die Preise für einen Mercedes Strichacht beginnen bei knapp 4.000 Euro für mäßige Exemplare und reichen bis etwa 12.000 Euro für gut erhaltene Limousinen. Die Coupés liegen deutlich darüber - perfekte Exemplare knacken die 20.000 Euro-Marke.

Bei Einführung 1968 (Mercedes-Benz 230)
13.150 Mark
Bei Produktionsende 1976 (Mercedes-Benz 230.6)
19.270 Mark

Ersatzteile

Wie immer bei Mercedes-Benz kein Problem. Heute bestellt, morgen geliefert. Das gilt für alle Technikteile, für die meisten Karosserieteile und Reparaturbleche und für viele Ausstattungsparts. Manche Interieurteile können aber auch vergriffen sein, weil die Vielfalt der Stoff - und Materialvarianten jede vernünftige Lagerhaltung übersteigt. An Strichacht-Schlachtfahrzeugen mangelt es nicht - jede Vollrestaurierung will wohl überlegt sein.

Schwachpunkte

  1. Kotflügel vorn, Stehbleche
  2. Wasserkasten, Spritzwand
  3. Längsträger vorn, Bodenbleche
  4. Schweller, Wagenheberaufnahmen
  5. Türböden, Radläufe hinten
  6. Hinterachsaufnahme
  7. Ölverbrauch, Ölundichtigkeit
  8. Zenith/Stromberg-Vergaser
  9. Automatikgetriebe (Fliehkraftkupplung)
  10. Polsterstoffe beschädigt, verblichen

Wertungen

Alltagstauglichkeit
Ersatzteillage
Reparaturfreundlichkeit
Unterhaltskosten
Verfügbarkeit
Nachfrage

Fazit

Größter Schwachpunkt des Mercedes /8 ist seine Rostanfälligkeit, seine Stärke die robuste Technik und sorgfältige Konstruktion. Vorsicht, denn es sind auch Blender im Angebot, manchmal machen Details wie Spaltmaße und korrekt gesetzte Sicken den Unterschied zwischen einem guten und schlechten Auto aus. Eine Komplettrestaurierung lohnt sich häufig nicht, ältere Reparaturen kommen häufig vor und sind nicht immer sorgfältig ausgeführt. Wer einen kauft, erwirbt einen Klassiker, der sich beim Fahren überraschend modern anfühlt.