Mercedes-Benz 560 SEL 6.0 AMG in der Auktion

Auffällig unauffällige Tuning-Limousine der 80er

Dieser seltene Mercedes 560 SEL 6.0 AMG fällt trotz Anthrazit-Metallic auf. Doch das Interessanteste sitzt unter der langen Haube der 126er-S-Klasse.

Mercedes-Benz W126 560 SEL AMG 6.0 S-Klasse V126 (1989) Exterieur 42 Bilder

AMG war in den 80er-Jahren die Anlaufstelle für alle, denen ein Mercedes zwar recht, aber zu behäbig war. Aus Affalterbach kam für die zahlungskräftige und -willige Klientel nicht nur optisch Schnellermachendes wie Spoiler, sondern auch Vierventil-Zylinderköpfe für die braven V8-Motoren: Aus dem biederen W 124 wurde so "The Hammer", aus dem W 126 eine sehr flotte Limousine für die linke Spur.

Mehr Leistung, Holz und Lack

Mercedes-Benz W126 560 SEL AMG 6.0 S-Klasse V126 (1989) Heck
Antrieb aus "The Hammer" für die S-Klasse: Vierventil-V8 mit 375 PS für rund 290 km/h.

Die wurde auch in Japan gern als Linkslenker gekauft. So zum Beispiel jener 560 SEL, der im August 1989 bei Mercedes in Sindelfingen vom Band rollte und von AMG Japan großzügig umgebaut wurde: Unter die Haube kam ein Sechsliter-V8 mit Vierventil-Zylinderkopf. An die tiefergelegte Karosserie wanderten Spoiler, Schweller und Heckspoiler. Sämtliche Chrom-Zierteile wurden in Wagenfarbe umlackiert und die Achsen nahmen Dreiteiler von AMG auf. Innen wurde fleißig mit Wurzelholz nachvertäfelt. Fertig war der Luxus-Express. Rund 190.000 US-Dollar konnte so ein V126 1989 kosten, wenn er das volle AMG-Paket bekommen hatte. Das war im Jahr 1989 ein besonders teures Vergnügen, denn da stand der Dollar im Durchschnitt bei 1,88 Mark. Umgerechnet kostete der AMG 6.0 rund 357.200 Mark. Das ist er heute nicht mehr wert; das Auktionshaus RM Sotheby's schätzt den Erlös auf 90.000 bis 120.000 US-Dollar, umgerechnet 85.000 bis 115.000 Euro. Die Versteigerung findet am Samstag, 10. Dezember 2022, in Miami statt.

09/2022: Mercedes 560 SEL 6.0 in Silber

Bei Autos ist es hin und wieder wie beim Menschen: Manchmal muss man erst die Welt kennenlernen, um schließlich den Platz zu finden, an dem man sesshaft wird und den man dann als Heimat bezeichnet. Als Beispiel sei dieser Mercedes 560 SEL 6.0 AMG des Modelljahres 1991 angeführt: Geboren im Schwäbischen, reiste er um die halbe Welt nach Japan, um dort zum Tuning-Klassiker zu reifen. 2018 ging es für die AMG-S-Klasse in den US-Bundesstaat Florida, wo sie im September 2022 zur Auktion angeboten wurde.

Beide W126 mit langer Karosserie (interner Code: V126) sind späte Exemplare ihrer Baureihe, die von den Affalterbachern vom Serien-560er zum 6.0 AMG umgebaut wurden; der W140er mit mächtigem V12-Motor stand bereits in den Startlöchern. Wie gehabt verpasste der Tuner dem ab Werk 300 PS starken 5,5-Liter-V8-Zweiventiler seine Vierventil-Zylinderköpfe und neue Nockenwellen. Damit erreichte der Tuner bis zu 385 PS und ein maximales Drehmoment von maximal 566 Newtonmetern, sofern kein Katalysator installiert war. Die Kosten allein für das Motor-Tuning? Knapp 60.000 Mark.

M117-V8 mit 375 PS

Allerdings deuten die Unterboden-Bilder und das Foto eines im Werk angebrachten Aufklebers stark darauf hin, dass es sich hier um die spürbar gezähmte Katalysator-Version handelt. Deren Daten lauten eigentlich 330 PS und maximal 482 Newtonmeter, wobei der Sticker von 276 kW (375 PS) berichtet. Doch egal, ob mit oder ohne Abgasreinigung: AMG übernahm bei seiner Sechsliter-Version die originale Viergang-Automatik vom Basis-560er, installierte an der Hinterachse aber ein traktionsförderndes Torsen-Sperrdifferenzial. Zudem zeigt sich der hintere Hilfsrahmen verstärkt. Die Auspuffendrohre tragen das AMG-Logo.

Der getunte V126 zeigt sich im typischen Chic der damaligen Zeit. Vorne und hinten montierte AMG Japan stärker ausgeformte Stoßfänger, seitlich sind die passenden Schwellerleisten zu sehen und das Heck krönt der Abrisskanten-Spoiler mit eingeprägtem AMG-Schriftzug. Hinzu kommen die dreiteiligen AMG Aero III-Räder mit silbern lackierter Oberfläche und polierten Felgenrändern. Typisch für das Tuning der 80er-Jahre, als Mercedes slebst mit W 201 und W 124 zwei Baureihen am Start hatte, die Chrom fast ausschließlich am Kühlergrill trugen, sind die in Wagenfarbe lackierten Kühlerblenden und Fensterschachtleisten – im einen Fall 172 Anthrazit-Metallic, im anderen Fall 735 Astralsilber-Metallic.

Mit Holztischen im Fond

Der Innenraum ist großflächig in schwarzes Leder gehüllt. Das von Mercedes ab Werk verbaute Wurzelholz hat AMG an weiteren Stellen ergänzt, etwa am Automatik-Wählhebel und an den Türen. Hinzu kommen die Klapptische und beheizbare Sitze im Fond, die diese S-Klasse zur schnellen Chauffeurslimousine machen. Wie schnell es bisweilen zugeht, zeigt der Tacho mit 300-km/h-Skalierung an, der hinter dem Momo-Vierspeichen-Lenkrad mit AMG-Logo sitzt. Rund 290 km/h Höchstgeschwindigkeit sollen möglich gewesen sein. Die Ausstattung umfasst unter anderem einen Tempomat, ein elektrisches Schiebedach und eine Klimaautomatik.

Ein reines Sammlerauto ist dieser Mercedes 560 SEL 6.0 AMG übrigens nicht. Der Tacho zeigt 72.945 Kilometer, und auch der an einigen Stellen angeschrammte und nicht überall komplett rostfreie Unterboden zeugt davon, dass diese Limousine nicht nur in der klimatisierten Garage stand. Die letzte Inspektion gab es im vergangenen Jahr. Dabei wurden alle Flüssigkeiten getauscht und die Bremsanlage auf Vordermann gebracht. Unfälle sind seit dem US-Import nicht bekannt.