Abarth 595 SS im historischen Test
Maximaler Fahrspaß mit minimaler Leistung
Der Abarth 595 SS ist kein Auto für nüchterne Rechner, sondern ein Spielzeug für Enthusiasten. auto motor und sport untersucht im Heft 23/1970, wie viel Fahrspaß, Handlichkeit und Eigenwilligkeit in dem extrem kleinen, stark motorisierten Fiat-Ableger stecken – und wo die Grenzen dieses sportlichen Zwerges liegen.
06.02.2026 Redaktion auto motor und sport
Foto: Julius Weitmann
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Heute ist der Fiat 500 mit seinem Retrodesign Lifestyle-Gefährt für Teilzeit-Sparer: Ein Kleinwagen, der zugunsten von Optik und Auftritt Einbußen beim maximalen Ausnutzen des Innenraumangebots auf Basis eingeschränkter Außenmaße in Kauf nimmt. Abarth bezeichnet heute vor allem sportliche Modelle von Fiat, vom Cinquecento gibt es die nur mehr elektrisch (Abarth 500e und 600e) – kein Vergleich mit den Verbrenner-Knallbüchsen Abarth 595 oder 695.
In den 70ern war der Fiat 500 die italienische Interpretation des automobilen Minimums mit dem Original-Design aus den späten 50ern, auf das sich selbst die elektrischen Modelle von heute beziehen. Und der Abarth 595 eine seiner hubraumgesteigerten Sportversionen. Sie suchten das den minimalen Abmessungen innewohnende Dynamikpotenzial mit maximierter Leistung zu heben. Wobei maximal beim Abarth 595 Super Sport von 1963 relativ am unteren Rand selbst des damaligen Leistungsspektrums bedeutete: 28 PS. Aber lesen Sie selbst, welche Wirkung die bei den Zeitgenossen entfalteten.
Der große Original-Test des Abarth 595 SS
Weil auto motor und sport 2026 seinen 80. Geburtstag feiert, veröffentlichen wir 80 Tests aus 8 Jahrzehnten. Denn schon früh sah die Redaktion es als ihre Aufgabe, neue Autos zu testen. Das macht auto motor und sport so lange und so ausführlich wie kein anderes deutschsprachiges Automagazin. Zur Tradition und zum journalistischen Anspruch gehört es, Stärken und Schwächen klar zu benennen. Damit das Urteil fundiert ausfällt, erhebt die Redaktion bei ihren Mess- und Testfahrten möglichst präzise Daten und sammelt reproduzierbare Eindrücke. Den Test schrieb Fritz Reuter für auto motor und sport 23/1970. Wir haben die damalige Rechtschreibung übernommen.
Um es gleich vorweg zu sagen: Leute, die gewohnt sind, nüchtern zu rechnen, können den Abarth 595 "esse-esse" bei eventuellen Kaufüberlegungen getrost vergessen. Sie werden kaum bereit sein, für ein Auto, das nicht viel mehr hermacht als ein Fiat 500, rund 7300 Mark auszugeben. Um das zu tun, muß man schon einen besonders stark ausgeprägten Autotick haben, denn für das gleiche Geld bekommt man anderswo ausgewachsene Autos, und für weit weniger gibt es Kleinwagen, die komfortabler und dabei keineswegs langsamer sind. Als origineller Zweit- oder Drittwagen "nur so zum Spaß" hat der kleine Abarth jedoch durchaus seine Reize.
Äußerlich macht der 595 SS ziemlich auf Schau: Eine auffällige Lackierung, schwarze Seitenstreifen und eine schwarze "Nase" (jeweils mit dem Abarth-Schriftzug), das Firmen-Emblem — ein stilisierter Skorpion — in Großformat auf der vorderen und in kleinerer Ausführung auf der hinteren Haube, Gummistrapse für die Motorhaubenhalterung, zwei voluminöse Auspuffendrohre und spurverbreiternde Lochfelgen unter angeschraubten Kotflügelansätzen aus Kunststoff sorgen dafür, daß der zwergenhafte Wagen nicht übersehen wird. Die Urteile über diesen äußeren Habitus sind unterschiedlich: Manche empfinden die Bemalung schlicht als aufdringlich, andere wiederum meinen, sie mache den kleinen Kerl sympathisch-frech.
Innenraum: schwarz, sportlich, sachlich
Einigkeit herrscht dagegen bei der Beurteilung des Innenraums. Er ist ganz in Schwarz gehalten und wirkt sportlich-geschmackvoll. Hinter dem handlichen Lederlenkrad sind in einer kleinen Konsole vier übersichtliche Rundinstrumente zusammengefaßt, die den Fahrer über Geschwindigkeit, Drehzahl, Öldruck und Öltemperatur informieren. Sie werden durch vier Kontrolleuchten ergänzt, von denen eine auf den zur Neige gehenden Kraftstoffvorrat hinweist — wie im Fiat 500 fehlt leider eine Benzinuhr. Da der Testwagen auf der besser ausgestatteten L-Version des Fiat 500 basierte, vervollständigten Bodenteppiche und Ruhesitze, deren Lehnen sich — allerdings nur bei geöffneter Tür — bis zur Sitzfläche der Rückbank verstellen lassen, das positive Gesamtbild. (Ohne "L" kostet der 595 SS netto 300 Mark weniger und liegt damit einschließlich Mehrwertsteuer knapp unter 7000 Mark.)
Ein Großteil des Spaßes, den man mit dem winzigen Auto vor allem im Stadtverkehr hat, ist kein Abarth-Verdienst, sondern beruht einfach auf den Mini-Abmessungen der Fiat-Karosserie: Bei einer Gesamtlänge von weniger als drei Metern lassen sich selbst kleinste Lücken, die man sonst kaum registriert, mit spielerischer Leichtigkeit ausnutzen, und zwar sowohl beim Fahren wie beim Parken. Gerade weil die Außenmaße derart bescheiden sind, ist man vom Raumangebot im Innern des Wagens immer wieder überrascht. Auf den vorderen Sitzen haben zwei Personen ausreichend Platz und Bewegungsfreiheit, zumal dank den verstellbaren Lehnen auch großgewachsene Menschen eine gute Sitzposition finden.
Viel Licht und Luft im kleinen Auto
Die Rücksitzbank genügt den Ansprüchen Erwachsener naturgemäß nur auf kurzen Strecken, sie bietet sich vielmehr — besonders bei heruntergeklappter Lehne — für das Unterbringen von Gepäck an, denn der minimale Kofferraum unter der Fronthaube ist dazu kaum geeignet. Da Kurbelfenster, vordere Ausstellfenster und das serienmäßige Klappdach genügend Licht und Luft ins Innere lassen, fühlt man sich in dem kleinen Auto keineswegs beengt. Im Gegenteil: Seine aus der geringen Größe und der leichten Bedienbarkeit aller der Fortbewegung dienlichen Aggregate resultierende, kaum zu übertreffende Handlichkeit sowie die für einen Kleinwagen reichhaltige Ausstattung sorgen dafür, daß man auf Anhieb gut mit ihm auskommt.
Daß man es trotz allem nicht mit einem gewöhnlichen Fiat 500 zu tun hat, dokumentiert hauptsächlich der Motor. Der im Tunen kleiner Fiat-Triebwerke überaus erfahrene Carlo Abarth hat den normalerweise 18 nicht allzu temperamentvolle PS leistenden luftgekühlten Zweizylinder-Twin durch zahlreiche Modifikationen, zu denen unter anderem eine durch Aufbohren erzielte Hubraumvergrößerung auf 594 ccm, eine von 7,1 auf 10,0 erhöhte Verdichtung, ein Solex-Fallstromvergaser und natürlich ein Abarth-Auspuff zählen, auf beachtliche 32 DIN-PS gebracht, die bei 5000 U/min abgegeben werden. Das maximale Drehmoment wuchs dabei von 3,1 mkg bei 2200 U/min auf 4,7 mkg bei 3600 U/min. Der deutsche Importeur hält Abarths Leistungsangabe allerdings für ein wenig optimistisch und begnügt sich mit 28 PS — ein in Anbetracht der Fahrleistungen wahrscheinlich realistischeres Maß.
In der Stadt genügen 28 PS, um Spaß zu haben
Aber auch diese Mehrleistung reicht aus, um einen normalen Fiat 500 deutlich zu distanzieren. Der Testwagen beschleunigte von 0 auf 100 km/h in 26,3 s, legte den Kilometer mit stehendem Start in 43,6 s zurück und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 118,5 km/h. Trotz allem sind solche Werte absolut gesehen keine Großtat. Die fahrerischen Höhepunkte im Leben eines 595-Piloten sind daher von bescheidener Art: Er freut sich schon, wenn er auf Autobahnen oder Landstraßen einen voll gefahrenen alten VW, einen Mercedes-Diesel oder einen Renault 4 hinter sich lassen kann. Anders im Stadt- und Kurzstreckenverkehr: Hier genügt die vorhandene Leistung, um die überlegene Handlichkeit des Zwerges ständig ausspielen zu können.
Daß der kleine Motor sich dabei ordentlich ins Zeug legen muß, tut er unüberhörbar kund. Sein kernig-aggressiver Ton wird durch den unnötig lauten Auspuff auf Phonzahlen verstärkt, die nicht nur der Umwelt einige Toleranz abverlangen, sondern auch von den Insassen auf die Dauer nur schwer verkraftet werden. Ab 80 km/h sind höchstens stimmgewaltige Naturen bereit, ein Gespräch in Gang zu halten.
Testverbrauch: 7,2 l bei viel Vollgas
Erfreulich sind die sonstigen Eigenschaften des lautstarken Twins. Er springt stets willig an, hat einen zuverlässigen und gleichmäßigen Leerlauf und verfügt über eine für ein Stoßstangentriebwerk erstaunliche Drehfreudigkeit, ohne dabei unelastisch zu sein. Schon aus Drehzahlen zwischen 2000 und 3000 U/min beschleunigt er unverzagt hoch. Und er ist relativ sparsam: Bei ständigem Ausnutzen der vorhandenen Leistung begnügte sich der Testwagen mit einem Durchschnittsverbrauch von 7,2 Litern pro 100 km.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist das unsynchronisierte Klauengetriebe; es läßt sich mit dem Mittelschalthebel aber so leicht und exakt bedienen, daß man schon nach wenigen Kilometern gut mit ihm zurechtkommt.
Was den 595 SS optisch so eindrucksvoll erscheinen läßt, ist zugleich seine wichtigste Fahrwerksverbesserung: die breitere Spur, die durch die unter den angesetzten Kotflügelverbreiterungen montierten 4½-Zoll-Lochfelgen erreicht wird. Das Kurvenverhalten des kleinen Autos hat von dieser Änderung deutlich profitiert. Im Grenzbereich wird das anfängliche Untersteuern von einem Ausbrechen des Hecks abgelöst, das sich auf trockener Straße gut beherrschen läßt, bei Nässe jedoch einiges Feingefühl erfordert.
Im normalen Fahrbetrieb werden die Trommelbremsen mit der gestiegenen Leistung fertig. Bei stärkerer Beanspruchung verlangen sie jedoch kräftigen Pedaldruck und neigen bei höheren Geschwindigkeiten zum Rubbeln.
Leergewicht: 500 kg
Vom Fahrkomfort darf man bei einem so winzigen, nur wenig über 500 kg wiegenden Auto naturgemäß nicht allzu viel erwarten. Trotz geglückter Abstimmung von Federung und Dämpfung bleibt guter Straßenzustand vor allem auf längeren Strecken ein echtes Anliegen.
Im Gegensatz zum vernünftigen Fiat 500 ist der Abarth 595 SS ein relativ teures Spielzeug für Enthusiasten. In den Fahrleistungen übertrifft er das Turiner Original zwar deutlich, absolut gesehen liegt er jedoch an der unteren Grenze dessen, was man im heutigen Straßenverkehr braucht — und das zu einem alles andere als ermutigenden Preis. Daß er trotzdem auch in Deutschland Liebhaber finden wird, dafür sorgt ein Trend unserer Zeit: Man trägt sportlich, auch in kleinen Größen.