Citroën C3 Pluriel im historischen Test

Offen, günstig, variabel

Ist der Citroën Pluriel nur originell oder ist er auch ein gutes Auto? Der Test aus auto motor und sport 12/2003 beantwortet nicht nur diese Frage.

Citroen Pluriel (auto motor und sport 12/2003) Foto: Hans-Dieter Seufert 3 Bilder

Schon im Dezember 2003 wagte Citroën mit dem C3 Pluriel einen radikalen Ansatz in der Kleinwagenklasse. Ob Faltdach-Auto, Cabrio-Limousine oder vollwertiger Spider – der französische Exot versprach maximale Variabilität für offene Tage. Doch wie gut schlug sich das bunte Verwandlungswunder im Testalltag abseits der Design-Spielereien? Ein Rückblick auf ein faszinierendes Automobil-Unikat der frühen Nullerjahre.

Der originale Test des Citroën C3 Pluriel

Weil auto motor und sport 2026 seinen 80. Geburtstag feiert, veröffentlichen wir 80 Tests aus 8 Jahrzehnten. Denn schon früh sah die Redaktion es als ihre Aufgabe, neue Autos zu testen. Das macht auto motor und sport so lange und so ausführlich wie kein anderes deutschsprachiges Automagazin. Zur Tradition und zum journalistischen Anspruch gehört es, Stärken und Schwächen klar zu benennen. Damit das Urteil fundiert ausfällt, erhebt die Redaktion bei ihren Mess- und Testfahrten möglichst präzise Daten und sammelt reproduzierbare Eindrücke. Den folgenden Test schrieb Klaus Westrup für auto motor und sport 12/2003. Wir haben die damalige Rechtschreibung übernommen.

Die Autowelt ist voller Gegensätze. Das Knopfdruck-Cabriolet gewinnt, seit es im Jahre 1989 im luxuriösen Mercedes 300 SL Aufmerksamkeit und Perfektion erfährt, auch im bürgerlicheren Offen-Bereich stetig an Bedeutung und Verbreitung. Man misst die Zeit, von zu bis auf, und ist glücklich, wenn es nur 22 Sekunden sind statt 30.

Was der Pluriel mit einem Segelboot gemeinsam hat

Und jetzt das. Der Tester steht mit einem Faltblatt vor dem neuen französischen Geschöpf, 30 winzige Zeichnungen starren ihn an, oft steht wichtig dabei. Es ist die Anleitung für die Verwandlungskünste des Pluriel. Er ist ja nicht einfach nur ein Cabrio, sondern ein Multitalent, das den Offenspaß in einer bisher nicht gekannten Vielfalt serviert. Davor haben die Götter, wie beim Präparieren eines Segelboots, etwas Schweiß gesetzt. Mit Knopfdruck ist nichts beziehungsweise nur ganz zu Anfang des Striptease.

Ein Drehschalter setzt das Faltdach in Gang, kein Problem. Weit öffnet sich der Blick aufs Firmament, auch für die Fondpassagiere. Es ist die Stelle, bei der man an den seligen 2 CV denkt, dessen Liebhaber einen ganz ähnlichen Effekt, allerdings in solider Handarbeit, erleben. Wer mehr möchte, muss bauen. Doch ganz so schlimm, wie es im Faltblatt scheint, wird es nicht. Mit wenigen, nach Möglichkeit gekonnten Griffen an den richtigen Tasten schwenkt der verbleibende Faltdach-Teil samt Heckscheibe elegant um die eigene Achse und verschwindet in einem separaten Fach des Kofferraums, der in Normalstellung mit 266 Litern fast voluminös geraten ist. Nun hat man, anderthalb Minuten mögen vielleicht vergangen sein, eine richtige Cabrio-Limousine und damit eine Bauform, die es sonst nicht mehr gibt. Eigentlich hätten es die Citroën-Techniker damit gut sein lassen können, denn das Fahrerlebnis zeigt: Es wird nun nicht mehr schöner, sondern nur noch offener.

Wohin mit den 12 kg schweren Dachholmen?

Neue Montage, auch sie ohne Konflikte, aber doch zeitintensiv. Jeweils zwei Verriegelungsbügel rechts und links sind zu lösen, schon hat man die zwölf Kilogramm schweren, wie riesige Elefantenstoßzähne aussehenden Dachholme in der Hand. Wohin mit ihnen? Das Faltblatt weiß es auch nicht, zum Mitnehmen sind sie viel zu groß. Jetzt ist der Pluriel so offen, dass Citroën ihn Spider nennt, und seine Besatzung braucht ein stabiles Hochdruckgebiet. Denn die Stoßzähne müssen zu Hause bleiben. Als Überrollschutz verbleiben zwei Metallbügel hinter der Rücksitzlehne. Das Bad in der Luftmenge kann beginnen, man wird zum Luftmengenmesser.

Es überrascht nicht, dass der völlig entblätterte Pluriel am meisten Wind macht, individualisiert noch durch tausendundeine Variation dank Öffnungsgrad der vier elektrisch versenkbaren Seitenscheiben. Ein Windschott gibt es nicht, man muss sturmerprobt sein. Die Windschott-Lösung ist von der Wirkung her Entblätterungsstufe zwei, mit ganz zurückgefahrenem Faltdach, aber noch nicht geklapptem Verdeckkasten. Während bei dieser Variante mit einer gewissen Zugigkeit im Nacken zu rechnen ist, scheint das per Knopfdruck voll versenkte Faltdach die Gourmet-Lösung zu bringen. Auch jenseits von 120 km/h geraten die Haare nur leicht in Wallung, man sitzt an der Sonne, eine Art rollende Veranda ist entstanden. So ähnlich fühlten auch die alten Cabrio-Limousinen-Fahrer, und die Moderne hat den Genuss zumindest nicht getrübt.

Pascal Soland, Chef von Citroën Deutschland, schätzt, dass 95 Prozent der Pluriel-Käufer hier zu Lande die Verwandlung in den Spider nie vornehmen. Sie werden sich hauptsächlich mit dem zufrieden geben, was der Pluriel zuvor an Entblätterung zu bieten hat, vielleicht auch einmal die Pickup-Variante erleben, bei der man die waagerecht ausklappbare untere Heckklappen-Hälfte nach Umlegen der Rücksitzlehnen zum kurzzeitigen Transport widerspenstiger Ladegüter nutzen kann.

Was taugt der Pluriel als ganz normales Auto?

Das Offenfahr-Glück und der Variantenreichtum der Belüftungsmöglichkeiten lässt etwas in den Hintergrund treten, dass der Pluriel nebenbei auch noch ein ganz normales Auto ist, genauer gesagt ein modifizierter C3, mit dem er sich Plattform und Technik teilt. Gut zwei Zentner Mehrgewicht sind durch die eigenwillige Konstruktion und durch Versteifungsmaßnahmen zustande gekommen. Der Testwagen bringt 1172 Kilogramm auf die Waage, nicht gerade wenig für die 73 PS des 1,4-Liter-Basismotors, jenes braven Zweiventilers, der seit vielen Jahren in den Autos des PSA-Konzerns Dienst tut. Nur mit ihm kommt der Pluriel auf den günstigen Einstiegspreis von knapp 16.000 Euro – eine kleine Sensation innerhalb der Offen-Riege.

Von seinem ganzen Charakter her ist der kleine Citroën ja kein Tempomobil, wohl niemand fragt seinen Besitzer nach der Höchstgeschwindigkeit, und so kommt man mit den maximal 164 km/h und den 14,2 Sekunden von null auf 100 km/h auch emotional gut zurecht. Viel Durchzugskraft darf man nicht verlangen. Schaltfaule Fahrweise lässt den Rest an Dynamik schmelzen, 22 Sekunden von 80 auf 120 km/h im großen Gang des exakt schaltbaren Getriebes sind eher müde als agil.

Gleichwohl passt der kleine Vierzylinder durch seinen vibrationsarmen Lauf und den günstigen Verbrauch, im Testmittel nur 7,7 Liter pro 100 Kilometer, gut zum Charakter dieses ungewöhnlichen Cabrios. Es ist ein Reise-Charakter, und wie die Erfahrung lehrt, ist man auch mit nur 73 PS gut für ordentliche Durchschnittsgeschwindigkeiten. Erfreulich sind trotz der insgesamt bescheidenen Fahrleistungen die gute Gasannahme des Zweiventilers und die geglückte Übersetzung, die auch bei höherem Autobahn-Tempo die Drehzahlen nicht zu hoch werden lässt. Man schnürt dahin, hat mit den 47 Liter Tankinhalt einen schönen Aktionsradius und sieht auch einer großen Reise mit Gelassenheit entgegen.

Fernreisen? Gut möglich

Soll das Ziel ruhig fern sein, der Pluriel macht auf eine ganz spezielle Weise Fahrlaune. Das Befinden im Interieur ist daran natürlich nicht unbeteiligt, die Eindrücke lassen sich überwiegend positiv interpretieren. Das Raumangebot ist speziell auf den vorderen Sitzplätzen großzügig bemessen, die Position am Lenkrad entspannt, großes Lob haben die Frontsessel verdient, die sich durch gute Konturierung und eine ungewöhnlich große Beinauflage auszeichnen. Die Fondpassagiere haben es weniger gut, aber auch nicht wirklich schlecht. Die Beinfreiheit ist zwar knapp, doch die Kopffreiheit wahrhaft ohne Tadel.

Was das Auge erblickt, ist vorwiegend grau, abgesehen davon, dass die Türinnenverkleidungen große bunte Keile in Aufmunterung enthalten. Bedienung und Instrumentierung kennt man vom C3. Der Drehzahlmesser ist schlecht ablesbar, die Funktionalität insgesamt hoch. Citroën, einst bekannt für Eigenwilligkeit und Nonkonformismus in dieser Disziplin, bevorzugt die simplen Lösungen.

Gut so, selbst wenn die optische Anmutung nicht jedermanns Sache sein wird. Auf das eine oder andere Knarzgeräusch sollte man sich ebenfalls einstellen, auch wenn der Pluriel insgesamt von der Stabilität her einen befriedigenden Eindruck macht. Die Karosse zeigt nur mäßige Verwindungsneigung, wobei der Grad der Entblätterung auch eine Rolle spielt. Dass man nicht in einem Coupé oder einer Limousine sitzt, zeigt sich auf unebenen Pisten manchmal durch ein Zittern auch des Lenkrads, wobei man wissen muss, dass die Federungsabstimmung gegenüber der Basis C3 offensichtlich etwas straffer geraten ist.

Vor allem auf sehr kleinen Unebenheiten merkt man das, doch insgesamt ist der Fahrkomfort als gut zu bezeichnen. Lange Wellen absorbiert das Fahrwerk sehr gekonnt, das Abrollen geschieht geschmeidig, die Windgeräusche sind gemessen an Cabriolet-Maßstäben gering und nicht wirklich störend. 73 dB(A) bei Tempo 130, damit kann man auch auf Fernfahrt gut leben. Auch wenn der Pluriel speziell mit lauter Basis-Motorisierung kein Wunder an Vitalität ist, lässt er sich doch erstaunlich schnell fahren. Das elektronische Stabilitätsprogramm ESP gibt es nur für die stärkere 1,6-Liter-Version mit 109 PS, aber auch ohne seine Mitwirkung ist der Pluriel sehr fahrsicher.

Die feinfühlige elektrische Servolenkung trägt dazu bei, sehr leichtgängig beim Rangieren, bei höherem Tempo mehr Kraftaufwand erfordernd. Der Geradeauslauf ist stabil, in schnell gefahrenen Kurven herrscht ein nur maßvolles Untersteuern vor, von bösartigen Lastwechselreaktionen bleibt der Pluriel völlig verschont. Traktionsmängel fehlen ebenfalls – kein Wunder bei der insgesamt bescheidenen Leistung. Dass man die aktive Fahrsicherheit hoch gehängt hat, dokumentiert auch die Bremsanlage. Die Verzögerungswerte geben keinen Grund zur Klage.

Neben der Vielfalt beim Offenfahren ist also noch ein ganz brauchbares Normalauto entstanden, dem man nicht gram wäre, wenn es überhaupt nicht geöffnet werden könnte. Doch man kann ja, darum geht es beim Pluriel, und es geht gut. Er ist die einzige Cabrio-Limousine auf dem riesengroßen Markt, ein Volltreffer in der Nische.