Legendärer Zukunftsbus GM Futurliner

Die roten Elefanten rollen wieder

Zwölf fahrende Giganten zeigten vor 70 Jahren, wie neue Technologien aus allen Bereichen das Land verändern werden. Und machten dabei natürlich kräftig Werbung für General Motors.

GM Futurliner Foto: Kindig 12 Bilder

Die "Parade of Progress" von General Motors war eine von 57 Männern begleitete, große, facettenreiche Roadshow, die 1936 durch ganz Amerika tourte. Die Bühnenshow und die animierten Exponate zeigten, wie wissenschaftliche Forschung und Technik zur Verbesserung des Lebens beigetragen haben und noch weiter beitragen werden.

Die Parade des Fortschritts ging auf eine Idee von Charles Kettering zurück, einem berühmten Erfinder und GM-Forschungsdirektor, der den Menschen im ganzen Land die Geschichte von Industrie und Forschung näherbringen wollte. 1936 bestand der Fuhrpark aus acht stromlinienförmigen Transportern und 32 aktuellen Modellen der Marke GM.

GM Futurliner Foto: GM Heritage Center
Insgesamt zwölf GM Futurliner fuhren durch die USA.

Zwölf gewaltige GM Futurliner auf Tour

Die Veranstalter der New Yorker Weltausstellung riefen im Jahr 1941m also vor 70 Jahren, die zweite Parade ins Leben. Sie umfasste zwölf speziell gebaute Futurliner, ein riesiges silbernes Exoskelett-Aer-O-Dome-Zelt mit einer Größe von 46 mal 24 Meter, das Platz für 1.500 Besucher bot, 26 große Exponate und über 44 Fahrzeuge. Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg endete die Tour: Sie führte durch 208 Städte und 43 Kleinstädte in Nordamerika – und 9,5 Millionen Menschen begeistert. Von 1953 bis 1956 fand die dritte und bis heute letzte Parade statt.

GM ließ den Futurliner nach den Vorstellungen des damaligen GM-Designchefs Harley Earl speziell für animierte Exponate von der Firma Yellow Truck and Coach Company in Pontiac Michigan bauen. Aufgrund ihrer Lackierung und Größe waren sie auch unter dem Namen "die roten Elefanten" bekannt. Der Name "Futurliner" lässt auf den ersten Blick den Buchstaben E vermissen. Warum? Damit GM sich den Namen urheberrechtlich schützen lassen und als Marke nutzen konnte.

GM Futurliner Foto: Marcel Sommer
Auf der SEMA 2014 ins Las Vegas stand dieser Futurliner nahezu unbeachtet unter einer Brücke auf dem Gelände des Convention Centers.

Mit drei Getrieben

Sie sind zehn Meter lang, 2,50 Meter breit, 3,60 Meter hoch und 13,5 Tonnen schwer. Der Radstand beträgt 6,30 Meter. Für den Vortrieb sorgte bis 1953 ein 4,9 Liter großer Vierzylinder-Dieselmotor mit 150 PS und 355 Newtonmeter. Dann folgten 4,9 Liter große Reihensechszylinder-OHV-GMC-Motoren. Der Motor ist mit einem aus Militärfahrzeugen aus dem Koreakrieg bekannten Viergang-Hydramatic-Automatikgetriebe gekoppelt, das an der Rückseite eines weiteren Zwei-Gang-Getriebes angeschraubt ist. Dies gibt dem Fahrer die Möglichkeit, aus acht Vorwärtsgeschwindigkeiten auszuwählen. Zu kompliziert? Es wird noch komplizierter! Denn dieses Getriebe ist mit einem weiteren 3-Gang-Zapfwellengetriebe verbunden. Um dieses Getriebe zu schalten, muss der Fahrer den Futurliner anhalten und das Cockpit verlassen, in das hintere Viertel des Fahrzeugs gehen und manuell einen der drei Gänge wählen. Mit dieser Kombination hat der Fahrer nun 24 Auswahlmöglichkeiten. Eine Kupplung gab es nicht. Hergestellt hat dieses ungewöhnliche Getriebe-Ungetüm die Detroit Transmission Division.

Vor ihrer Renovierung im Jahr 1953 hatten die Futurliner Cockpits in Form von Kuppeln auf den Dächern, wie bei einstigen Kampfflugzeugen. Diese Kuppeln waren nicht klimatisiert und somit an heißen Tagen nicht nur am Startort Florida unerträglich heiß. Die ersten Fahrten unter Brücken hindurch sollen für die Piloten in 3,35 Meter Sitzhöhe stets ein aufregendes Erlebnis gewesen sein. Damit sich der Fahrer auch bei Nacht rein auf das Fahrern konzentrieren konnte, gab es unter anderem Assistenzsysteme wie der Guide Lamp Division’s Autoronic-Eye. Dieser senkte automatisch das Scheinwerferlicht ab, wenn sich ein anderes Fahrzeug von vorn näherte und hob es anschließend wieder an. Von der Saginaw Steering Gear Division stammt die Servolenkung des mittig positionierten Lenkrads inklusive stromlinienförmiger Säule.

GM Futurliner Foto: Kindig
Dieser Futurliner hat eine Allison J-35 Jet Turbine an Bord.

91 Meter Mindestabstand

Der Treibstofftank fasst 340 Liter Diesel (zwei Tanks je 170 Liter). Die maximal erreichbare Höchstgeschwindigkeit liegt bei 65 Kilometer pro Stunde. Ein ungewöhnliches Merkmal des Futurliner sind seine Zwillingsbereifungen an der Vorderachse. Jedes der vier Vorderräder hat zudem seine eigenen Bremsen, Bremstrommeln und Lager. Fast alle Futurliner hatten Probleme mit dem Ausfall ihrer Servolenkungspumpen, vermutlich aufgrund der enormen Kraft, die zum Drehen der doppelten Vorderräder erforderlich war. Gleichzeitig war das Vertrauen in die Bremsleistung nicht sehr hoch, so dass die Fahrer darauf achten mussten, mindestens 91 Meter (300 Fuß) Abstand zu halten. Die damaligen Produktionskosten sollen bis zu 105.000 US-Dollar pro Exemplar verschlungen haben. Nach heutiger Umrechnung entspräche dies rund 1,65 Millionen Euro.

Ihre fast fünf Meter langen Seitenwände ließen sich ausklappen, um Zelte und Bühnenplattformen zu bilden. Ein 0,5 PS starker Motor fuhr die 4,5 Meter langen Lichtmasten aus den Dächern auf eine Höhe von 5,48 Meter. Die wie Flossen aussehenden Lichtanlagen beherbergten 36 40-Watt-Leuchtstoffröhren, die in sechs Reihen mit jeweils sechs Röhren angeordnet waren. An den Enden jeder Lamelle befanden sich zwei 250-Watt-Glühlampen. Zudem hatte jedes Fahrzeug seine eigenen Lautsprechersysteme. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die 10-minütige mechanisch animierte Diorama-Show "Our American Crossroads", die aufzeigte, wie das Automobil die Gestaltung von Kleinstädten beeinflussen wird.

Schnäppchen für 2.500 US-Dollar

Von den einst zwölf gebauten Futurlinern sind noch die Aufenthaltsorte von neun Fahrzeugen bekannt – ein Fahrzeug erlitt bei der letzten Parade einen Totalschaden. Der teilzeitarbeitende Friseur Bob Valdez aus Sherman Oaks in Kalifornien kaufte die Nummer 9 im Jahr 1984 für 2.500 US-Dollar. Eigentlich war das Fahrzeug bereits verkauft, doch konnte der Käufer die Summe nicht aufbringen und somit kam Bob Valdez zu diesem Schnäppchen.

Von der Idee den Futurliner professionell restaurieren zu lassen, verabschiedete er sich nach den ersten Kostenvoranschlägen in Höhe von 250.000 US-Dollar, kaufte sich ein tragbares Schweißgerät und legte selbst los. Nach 14 Jahren und einem von GM gespendeten 6,0 Liter großen Ersatz-V8-Motor ist der Futurliner fertig. Vom Anblick des neunten Futurliners angestachelt machte sich mit Don Mayton, ein Mitarbeiter von GM auf die Suche nach weiteren Exemplaren, spürte einen weiteren Futurliner auf und restaurierte ihn.

GM Futurliner Foto: Kindig
Die GM Futurliner sind zehn Meter lang.

Zwei weitere Futurliner gingen direkt als Spende zur Michigan State Police, wo sie als "Safetyliners" zum Einsatz kamen. Die Polizei verkaufte beide Fahrzeuge für je 1.200 US-Dollar an einen LKW-Friedhof nahe Kalamazoo. Im Jahr 1999 verkauft sie dieser an unbekannte Käufer weiter. Ein weiteres Exemplar ging in den Besitz des Predigers Oral Roberts über. Er nutzte es als Bühne während seiner beruflichen Ausflüge. Experten gehen davon aus, dass sich dieses Modell mittlerweile in Zentral- oder Süd-Amerika befindet.

Die Nummer 7 ist trotz seiner Größe ein echter Scheunenfund und anschließend per Schiff von Poland Springs im US-Bundesstaat Maine nach Thüringen gekommen. Er soll jahrelang nahezu ungeschützt unter einem viel zu kleinen Dach gestanden haben. Der einstige Glanz ist Rost gewichen. Nummer 7 war jedoch nicht der erste Futurliner, der auf Europas Straßen fuhr. Im Sommer 2008 hat sich der Schwede Nicklas Jonsson die Nummer 8 nach Hause geholt. Er plante eine Restaurierung über einen Zeitraum von zehn Jahren. Dass sich eine Restaurierung lohnt, zeigte nicht zuletzt die Barrett-Jackson-Auktion am 21. Januar 2006 in Arizona, wo Futurliner Nummer 11 für über vier Millionen US-Dollar den Besitzer wechselte.

Fazit

Zwischen 1941 und 1956 fuhren zwölf GM Futurliner quer durch die USA und sorgten überall für offene Münder. Nicht nur, weil sie selbst schon gewaltig groß und irgendwie außerirdisch aussahen. Sie waren Teil der Parade of Progress, einer fahrenden Veranstaltung, die den Einwohnern der USA zeigen sollte, wie unter anderem das Automobil ihr Leben verbessern kann.