Opel Kadett GSi von 1984 im historischen Test

Der ultimative Herausforderer des Golf GTI

Mit dem Kadett GSi schickt Opel 1984 einen aerodynamisch optimierten Kompaktsportler ins Rennen. Götz Leyrer testet den 115 PS starken GTI-Herausforderer für auto motor und sport.

Kadett GSi Test von 1984 Foto: Wolfgang Wilhelm 8 Bilder

Mitte der 1980er-Jahre war die Welt der sportlichen Kompaktautos klar definiert: An der Spitze stand der VW Golf GTI, der Schöpfer und unangefochtene König der "Hot Hatches". Doch in Rüsselsheim rüstete man zum Angriff. Mit dem 1984 vorgestellten Kadett E schickte Opel einen Herausforderer ins Rennen, der vieles anders und vor allem besser machen sollte. Die stärkste Waffe im Kampf gegen den Platzhirsch aus Wolfsburg war der GSi.

Opels Strategie setzte dabei nicht nur auf reine Motorleistung, sondern vor allem auf eine damals revolutionäre aerodynamische Effizienz. Während die Konkurrenz noch vergleichsweise kantig im Wind stand, glitt der Kadett, von manchen liebevoll, von anderen spöttisch "Windei" genannt, mit einem für die damalige Zeit sensationellen cW-Wert von 0,30 durch die Luft. Dieses Konzept versprach nicht nur einen niedrigeren Verbrauch, sondern auch eine höhere Endgeschwindigkeit. Dazu passte das betont futuristische digitale Cockpit, das sogenannte "Mäusekino", das den Fahrer aus der Welt analoger Rundinstrumente entführen sollte.

Der originale Test des Opel Kadett GSi

Weil auto motor und sport 2026 seinen 80. Geburtstag feiert, veröffentlichen wir 80 Tests aus 8 Jahrzehnten. Denn schon früh sah die Redaktion es als ihre Aufgabe, neue Autos zu testen. Das macht auto motor und sport so lange und so ausführlich wie kein anderes deutschsprachiges Automagazin. Zur Tradition und zum journalistischen Anspruch gehört es, Stärken und Schwächen klar zu benennen. Damit das Urteil fundiert ausfällt, erhebt die Redaktion bei ihren Mess- und Testfahrten möglichst präzise Daten und sammelt reproduzierbare Eindrücke. Den folgenden Fahrbericht schrieb Götz Leyer für auto motor und sport 20/1984. Wir haben die damalige Rechtschreibung übernommen.

Sie sind ein bißchen ins Gerede gekommen, die Autos, deren Form im Windkanal besonders erfolgreich optimiert wurde. Denn neben der durchaus erfreulichen Absenkung des Verbrauchs sorgt ein geringer Luftwiderstand natürlich auch für immer weiter kletternde Höchstgeschwindigkeiten, und kann man sich mit Recht fragen, ob das der Verkehrssicherheit dienlich ist. Opel, in der Werbung für die sportlichen Modelle bisher nicht gerade zurückhaltend, gibt sich deshalb bei der Beschreibung des neuen Kadett GSi ganz bescheiden: Der 115 PS-Motor, heißt es da, ermöglicht eine "zufriedenstellende Höchstgeschwindigkeit". Es wird also keinesfalls extra betont, daß der GSi dank seines bei nur 0,30 liegenden cW-Wertes zum schnellsten Auto in dieser Klasse avanciert ist. 201 km/h erreichte der Testwagen, etwas weniger zwar als die Werksangabe von 203 km/h, aber doch spürbar mehr als die direkte Konkurrenz. Erwähnenswerter als die absolute Höchstgeschwindigkeit freilich ist, daß der Kadett, im Gegensatz zu vielen anderen aerodynamisch ausgefeilten Limousinen, keineswegs einen extrem langen Anlauf braucht, um so schnell zu werden. Die kurz gewählte Gesamtübersetzung läßt ihn vielmehr auch noch im oberen Geschwindigkeitsbereich recht wacker beschleunigen – zudem hat sie den Vorteil, daß man auch an Autobahnsteigungen kaum jemals vom fünften in den vierten Gang zurückschalten muß.

Drehfreudig und durchzugsstark

Allerdings sorgt diese Auslegung zusammen mit der engen Abstufung des im übrigen leicht und recht exakt schaltbaren Fünfganggetriebes auch für ein überdurchschnittlich hohes Drehzahlniveau. Schon an einem leichten Gefälle kann die Drehzahl bis auf über 6500/min ansteigen und damit in einen Bereich führen, in dem das rote Segment des Drehzahlmessers zur Vorsicht mahnt. Allein um das Gewissen des Fahrers zu beruhigen, könnte eine etwas längere Übersetzung nicht schaden, obschon es keine Frage ist, daß auch so hohe Drehzahlen dem Motor leicht von der Hand gehen.

Einen Druck aufs Gaspedal beantwortet dieses Triebwerk stets mit unverzüglichem Antritt, um anschließend geradezu spielerisch und ohne ein Zeichen von Anstrengung bis weit über 6000/min hochzudrehen. Weil die ganz konsequent im Windkanal gestaltete Karosserie auch bei hohen Geschwindigkeiten keine nennenswerten Windgeräusche produziert, wird der Brummton des Vierzylinders dann zwar dominant, aber keineswegs so laut, daß von einer wirklichen Belästigung für die Insassen gesprochen werden könnte. Bis etwa 4500/min bleibt der Motor ohnehin angenehm leise und kultiviert, außerdem ist seine Durchzugskraft bei niedrigen Drehzahlen so ausgeprägt, daß man auch dann noch recht schnell unterwegs ist, wenn die vorhandenen Drehzahlreserven nicht ständig genutzt werden. Der für ein Auto dieser Größe reichlich bemessene Hubraum vermittelt so ein Gefühl üppiger Motorisierung – gerade, wenn man schaltfaul fährt und darauf verzichtet, den Vierzylinder bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu fordern.

Selbst wer das tut, darf im übrigen nicht mit Beschleunigungswerten rechnen, die eine ähnliche Überlegenheit dokumentieren wie die Höchstgeschwindigkeit. Die Werksangabe von 9,0 Sekunden für die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h vermochte der Testwagen bei weitem nicht zu realisieren; er ließ es bei 9,9 Sekunden bewenden. Aber auch das genügt schließlich, um den Kadett GSi zu einem sehr temperamentvollen Auto zu stempeln.

Schnell und trotzdem sparsam

Und das alles gibt es zum Spartarif, denn es ist überhaupt kein Problem, mit weniger als neun L/100 km auszukommen; mehr als zwölf L/100 km setzen schon den sprichwörtlichen Bleifuß voraus. Im Testdurchschnitt ergaben sich 9,7 L/100 km, womit der Kadett ganz eindeutig zu den sparsamsten Autos in dieser Klasse gehört. Speziell dieser Fortschritt gegenüber dem Vorgängermodell, den vor allem die Verbesserung der Aerodynamik mit sich brachte, kann sich sehen lassen – er ist zweifellos wichtiger als die gestiegene Höchstgeschwindigkeit. Aber so extrem strömungsgünstige Formen haben eben auch Nachteile – das läßt sich im Fall des GSi gleichfalls nicht übersehen. Augenfällig ist zunächst, daß die sehr hohe und zudem mit einem großen Spoiler versehene Heckpartie die Übersichtlichkeit nach hinten deutlich einschränkt. Zudem war selbst bei herbstlicher Witterung zu spüren, daß wegen der flachen Front- und Heckscheibe mit kräftiger Aufheizung des Innenraums gerechnet werden muß. Zwar arbeitet die ebenso wie die Heizung mit einem übersichtlichen Bedienungsschema versehene Lüftung mit hohem Durchsatz, aber an der Lästigkeit direkter Sonneneinstrahlung wird auch das nichts ändern können. Generell gibt es an den Bedienungselementen des neuen Kadett wenig auszusetzen. Sie sind durchweg logisch angeordnet und liegen gut im Blickfeld; an Opel-typische Lösungen wie den kombinierten Schalter für Gebläse und heizbare Heckscheibe gewöhnt man sich schnell. Ein erwähnenswertes Detail schließlich ist der verstellbare obere Anlenkpunkt des Sicherheitsgurts, der dafür sorgt, daß der Gurt bei Menschen unterschiedlichster Statur einen optimalen Verlauf nimmt.

Digitales Mäusekino im Cockpit

Betont modisch schließlich geriet die Instrumentierung. Im GSi gibt es digitale Anzeigen mit Flüssigkristallen, bunt eingefärbt und fraglos ein Blickfang. Speziell die kleinen Anzeigen für Wassertemperatur, Tankinhalt, Öldruck und elektrische Spannung lassen sich schlecht identifizieren; der Drehzahlmesser in Form einer Leistungskurve schließlich ist nicht nur wegen der schwachen Beleuchtung schlecht abzulesen. Immerhin signalisiert er das Erreichen der Drehzahlgrenze unmißverständlich, denn in diesem Fall erlischt die Anzeige ganz.

Sicher nicht besser als Analoganzeigen sind auch die großen Ziffern des Tachometers, die zudem eine absolut korrekte Anzeige suggerieren, ohne aber genauer zu sein als herkömmliche Instrumente.

Beim Testwagen war sogar eine ganz beträchtliche Voreilung zu verzeichnen – bei Höchstgeschwindigkeit versprachen die flüssigen Kristalle optimistisch 216 km/h. Keine Frage: Die Instrumente des GSi sind nicht die schlechteste Lösung auf diesem Gebiet, aber dennoch war es eine weise Entscheidung, auf Wunsch und ohne Mehrpreis auch ganz konventionelle Armaturen anzubieten. Abgesehen von der Digital-Technik gibt es nichts, was einen längeren Gewöhnungsprozeß notwendig machen würde.

Die Sitzposition hinter dem Lenkrad beispielsweise paßt auf Anhieb, die schalenförmigen Sitze selbst sind sehr bequem und bieten ausgezeichnete Seitenführung. Der Verstellbereich nach hinten genügt auch Menschen mit extrem langen Gliedmaßen – in diesem Fall allerdings schrumpft der Knieraum vor der Rücksitzbank auf ein kaum zumutbares Minimum zusammen. Davon abgesehen ist man auch hinten im Kadett recht gut untergebracht; die Platzverhältnisse gerieten zwar nicht ganz so üppig wie im VW Golf, können aber durchaus als ausreichend gelten. Das gleiche gilt für den glattflächigen Kofferraum, der sich zudem durch die niedrige Ladekante mühelos befüllen läßt. Das Umklappen des Rücksitzes geht ebenfalls leicht vonstatten – leider aber wird für eine geteilte Rücksitzlehne der deftige Aufpreis von 480 Mark gefordert.

Agil und narrensicher

Schon die gute Sitzposition sorgt dafür, daß man sich in diesem Kadett auf Anhieb wohlfühlt – ein übriges tut die Übersichtlichkeit nach vom. Sie ist maßgeblich dafür verantwortlich, daß man den Kadett als ausgesprochen handlich empfindet, ein Eindruck, der beim Fahren noch untermauert wird. Zwar ist eine Servolenkung lieferbar, doch diese zusätzliche Ausgabe kann man sich getrost sparen. Schon die normale Lenkung erfordert wenig Kraftaufwand; selbst beim Rangieren bleiben die Lenkkräfte erfreulich niedrig.

Wenn der Kadett erst einmal rollt, sind sie ohnehin kein Thema mehr- auch nicht in schnell gefahrenen Kurven. Das Rückstellmoment nimmt gerade in dem Maß zu, wie es für den Kontakt mit der Straße wünschenswert ist, Antriebseinflüsse sind selbst bei abruptem Leistungseinsatz in engen Kurven auf ein Mindestmaß beschränkt. Lediglich auf schlechten Straßen zeigt sich eine gewisse Stoßempfindlichkeit, die aber nichts daran ändert, daß das Fahren auf kurvenreichen Landstraßen von Mühelosigkeit und Behendigkeit geprägt ist. Der Kadett macht ganz einfach das, was sein Fahrer von ihm verlangt – ohne Hintergedanken und im Extremfall überraschende Reaktionen. Normalerweise ist sein Fahrverhalten nahezu neutral mit einer ganz leichten Tendenz zum Untersteuern, wobei er sich mit kleinen Lenkausschlägen zielsicher dirigieren läßt. Man muß schon schneller sein, als es im Straßenverkehr geraten erscheint, um an die Grenze seiner sturen Neutralität zu kommen – erst dann kündigt leichtes Schieben über die Vorderräder die Grenze der Bodenhaftung an.

Selbst wer das gewollt oder ungewollt provoziert, sieht sich keinem nennenswerten Problem gegenüber; Gaswegnehmen genügt, um den gewünschten Kurs beizubehalten. Damit ist schon gesagt, daß den Kadett auch Lastwechsel nicht aus der Ruhe bringen – das Heck bleibt ruhig und zeigt auch bei groben Fahrfehlern nicht die Tendenz, nach außen zu drängen. Was die aktive Fahrsicherheit angeht, verdient sich der GSi also Bestnoten; nicht ganz in dieses positive Bild passen allein der nur durchschnittliche Geradeauslauf bei hoher Geschwindigkeit und die vergleichsweise empfindliche Reaktion auf Längsfugen.

Gelungener Kompromiss beim Komfort

Schon der Vorgänger, von dem das Fahrwerk im Prinzip unverändert übernommen wurde, konnte als ausgeprägt gutmütiges Auto gelten – insofern sind die Qualitäten des Neuen nicht verwunderlich. Immerhin aber zeigt er, daß weitere Feinarbeit bei der Abstimmung geleistet wurde, und das mit durchaus lobenswertem Erfolg. Denn der Kadett ist ein gutes Beispiel dafür, daß Sportlichkeit und Problemlosigkeit des Fahrverhaltens nicht zu Lasten des Komforts gehen müssen.

Auf eine betont straffe Auslegung nämlich wurde verzichtet, was auch die spürbare Seitenneigung in Kurven dokumentiert. Sie stört freilich auch bei schnellem Fahren nicht – man nimmt sie gern in Kauf angesichts des durchaus beachtlichen Schluckvermögens der Federung. Natürlich ist der betont sportliche GSi keine Sänfte, aber er bietet einen so ausgewogenen Komfort, daß man zufrieden sein kann. Besonders kleine Unebenheiten absorbiert das Fahrwerk, ohne unangenehme Stöße weiterzugeben, und auch mit langen Bodenwellen wird die Federung recht gut fertig. Es kommt nur selten zu langhubigen Vertikalbewegungen, die von den Insassen als störend empfunden werden.

Daß gerade dieser Kadett nicht nur formal eine runde Sache ist, davon scheinen bei Opel auch diejenigen überzeugt zu sein, die für die Preisgestaltung sorgen. Bislang waren sie immer darauf bedacht, die direkt mit entsprechenden VW-Modellen konkurrierenden Opel-Typen etwas billiger anzubieten. Für den GSi gilt das nicht mehr: Er kostet etwas mehr als ein Golf GTI.