Lotus Elise im historischen Test

Die Lehre des Leichtbaus

Lotus setzt 1996 mit der Elise auf radikalen Leichtbau statt auf hohe Leistung. Reichen 120 PS für ein pures Sportwagen-Erlebnis? Unser historischer Test von 1996 kennt die Antwort.

Lotus Elise Test 1996 Foto: Hans-Dieter Seufert 7 Bilder

Anfang der Neunzigerjahre steckte die britische Sportwagenschmiede Lotus in einer tiefen Krise. Der frontgetriebene Elan war gefloppt und das Mutterhaus Bugatti meldete Konkurs an. Als letzten Ausweg entwickelten die Ingenieure ein Auto, das sich radikal auf die ursprüngliche Philosophie des Firmengründers Colin Chapman besann: "add lightness" – füge Leichtigkeit hinzu.

Statt auf brachiale Leistung setzte Lotus auf ein Minimum an Gewicht. Die technische Basis dafür bildete ein für die Serienproduktion revolutionäres, geklebtes Monocoque aus Aluminiumprofilen, kombiniert mit einer leichten Karosserie aus Glasfaserverbund. Als Antrieb diente ein vergleichsweise bescheidener 1,8-Liter-Vierzylinder von Rover. Die 1995 vorgestellte Elise rettete nicht nur das Unternehmen, sondern wurde zur Ikone, die bis 2021 in verschiedenen Generationen gebaut wurde.

Der originale Test des Lotus Elise

Weil auto motor und sport 2026 seinen 80. Geburtstag feiert, veröffentlichen wir 80 Tests aus 8 Jahrzehnten. Denn schon früh sah die Redaktion es als ihre Aufgabe, neue Autos zu testen. Das macht auto motor und sport so lange und so ausführlich wie kein anderes deutschsprachiges Automagazin. Zur Tradition und zum journalistischen Anspruch gehört es, Stärken und Schwächen klar zu benennen. Damit das Urteil fundiert ausfällt, erhebt die Redaktion bei ihren Mess- und Testfahrten möglichst präzise Daten und sammelt reproduzierbare Eindrücke. Den folgenden Test schrieb Eckhard Evbl für auto motor und sport 17/1996. Wir haben die damalige Rechtschreibung übernommen.

Wann sind Sie zum letzten Mal sehr früh aufgestanden, um in den Sonnenaufgang zu fahren? Wann haben Sie zuletzt eine leere Autobahn verlassen, um auf kleinen Landstraßen von den Radarschirmen der Zeit zu verschwinden? Wann kamen Ihnen die Kurven Ihrer Lieblingsstrecke überhöht vor wie in Indianapolis? Kennen Sie das Gefühl, wenn Damen jeden Alters nicht den Fahrer bewundern, sondern seinem Automobil nachschauen?

Wenn ja: ln welchem Auto haben Sie das erlebt – im Porsche 356 Speedster, einem Lancia Stratos oder dem Maserati Barchetta Stradale? Wenn nein: Nun gibt’s die Gelegenheit, all dies nachzuholen – im neuen Mittelmotor-Sportwagen Lotus Elise.

Leichtbau als letzter Ausweg

Die südostenglische Sportwagen-Manufaktur Lotus balanciert aus Tradition ebenso über finanzielle Abstürze wie über technische Genieblitze. Nach dem Flop des frontgetriebenen Lotus Elan und dem Konkurs des Mutterhauses Bugatti öffneten die stets kreativen Lotus-Techniker einen allerletzten Rettungsfallschirm – den Lotus Elise. Nach der Präsentation auf der Frankfurter IAA im September 1995 darf der Elise nun für sich in Anspruch nehmen, mit aller Verve und Kühnheit des ersten Prototyps in Kleinserien-Produktion zu gehen.

Bevor die traditionell orientierten deutschen Roadster-Fans, die bei Mercedes SLK und Porsche Boxster eben die Mutation von den Designstudien zum Serienmodell zu verdauen haben, fragen "Who the fuck is Elise?", folgt hier die Antwort: Elise ist ein zweisitziger Sportwagen, dessen 120 PS starker 1.8 Liter-Vierzylinder-Mittelmotor aus dem MGF stammt.

Das Erbe von Colin Chapman

Das Monocoque aus geklebten Aluminium-Strangpreßprofilen und eine Karosserie aus Glasfaserverbund reduzieren das Gewicht vollgetankt auf atemberaubend schlanke 733 Kilogramm. Allein diese Daten wirken wie das Vermächtnis des genialen Lotus-Gründers Colin Chapman, der als technischer Extremist die Monocoque-Bauweise und das Abtriebsprinzip in den Rennsport eingeführt und seine Firma in den sechziger und siebziger Jahren zur erfolgreichsten Formel 1 -Marke gemacht hatte.

Auch die Karosserieform läßt jene Ära Wiederaufleben, in der Twiggy im Minirock Schönheitsideal war. Obwohl der Lotus Elise optisch als Promenadenmischung aus Lotus 23. Alpine 110. Ford GT 40 und McLaren Ml durchgehen könnte, wirkt er an der Jahrtausendwende ebenso modern wie die Originale 30 Jahre zuvor.

Ein Arbeitsplatz für Puristen

Der Elise ist knapp wie ein Überziehungskredit und kompromißlos wie ein Rennwagen. Hinters Volant und in den Schalensitz schlüpft man wie in einen Schlafsack ohne seitlichen Reißverschluß – ziemlich gelenkig. Aug in Aug mit den Kniescheiben herumstehender Bewunderer, hinter einer 320 Millimeter durchmessenden Untertasse von Lenkrad und auf einem spartanisch gepolsterten Sitzgestell liegend, weiß man auch ohne historischen Background intuitiv: So muß sich der legendäre Lotus-Werksfahrer Jim Clark gefühlt haben, wenn er im kleinen Lotus 23- Rennsportwagen zwischen Oulton Park und Thruxton die hubraumstärkere Konkurrenz verblies.

Der Lotus Elise besteht aus einem Minimum an Material und einem Maximum an Erlebnis, ln einen Innenraum aus nacktem Aluminium gehüllt, mit drei Peugeot Druckknöpfen und zwei Opel-Lenkstockhebeln verwöhnt, ohne Radio, ohne Aschenbecher, lernt man unmittelbar am Scheitelpunkt der ersten Kurve, Fortbewegung als Genuß zu begreifen.

Auf der Gedankenhöhe des Fahrers

Der Rover-Motor domestiziert den Lotus, ohne ihn sportlicher Qualität zu berauben. Der nicht übertrieben explosive Vierventiler zieht ab 1000/min artig an, drängt sich auch akustisch nie in den Vordergrund und ist trotz der 1,8 Liter Hubraum potent genug, den Elise etwas schneller als einen Mercedes SL 500 und kaum langsamer als einen BMW M3 von null auf 100 km/h zu beschleunigen, nämlich in 6.5 Sekunden.

Ohne Servolenkung, mit einer rennwagenähnlichen Radaufhängung, geringen ungefederten Massen und hervorragenden Bremsen ist dieser Minirock von einem Sportwagen immer auf der Gedankenhöhe seines Fahrers. Er lenkt in jede Art von Kurven spielerisch ein, verbeißt sich auch ohne überdimensionierte Bereifung geradezu in die Fahrbahnoberfläche und signalisiert verdammt spät durch Übersteuern, daß 60 Prozent seines Gewichts auf der Hinterachse lasten.

Minimalismus als Tugend

Die gesunde Härte des Fahrwerks artet auch auf schlechten Straßen nie in Schläge unter die Gürtellinie aus. Vor lauter Vorfreude auf das nächste Geschlängel enger Kurven fällt ziemlich spät auf, daß der Elise kein neumodischer Roadster ist, sondern hinter den beiden Sitzen einen veritablen Überrollbügel samt Heckscheibe trägt – Targa hätte man früher dazu gesagt, bevor Porsche diesen Begriff für sein Glasdach schützen ließ. Ohne Dach, aber mit geschlossenen Scheiben, fährt man unter einem zugfrei freundlichen Himmel. Mit versenkten Seitenscheiben und herausgenommener Heckscheibe tollt der Fahrtwind ins Cockpit wie spielende junge Tiger.

Der winzige Kofferraum, eine Art Hitzebox hinter dem Motor und oberhalb des Auspuffs, zwingt Passagiere zur totalen Identifikation mit ihrem Automobil – dem Minimalismus. Der gilt beim Elise sogar für den Verbrauch, dessen geringster Wert von 4,8 Liter/100 km nur hauchdünn vom berüchtigten Politikerideal des Drei-Liter-Autos entfernt ist.

Fahrspaß durch Verzicht

Der Elise ist ein Sportwagen für die zeitlosen Augenblicke. Er ist flach genug für jenen schmalen Spalt zwischen Fahrbahn und Morgennebel, und seine kleinen Kinderwagenarmaturen strahlen hell genug. um in der Dämmerung und unter Sternenhimmel nie den Tankinhalt aus den Augen zu verlieren.

Die Radikalkur, soviel Spaß am Fahren einfach durch Weglassen zu erreichen, läßt natürlich nicht zu. den Lotus Elise als Supersportwagen zu bezeichnen. Aber er ist ein super Sportwagen, der auch seinen Preis hat: 49 600 Mark.