Mercedes C 180 K im Fahrbericht

Meine kleine S-Klasse

Das typische Mercedes-Gefühl wirkt auch noch zwei Nummern kleiner. Statt einer S-Klasse für 3.990 fährt ein C 180 Kompressor für 890 Euro in die heimische Garage. Ein frisch verliebter Tag im silbernen Schmuckstück.

Mercedes-Benz C 180 Kompressor, Exterieur Foto: Karl-Heinz Augustin 14 Bilder

Meine klare Zielvorgabe für den Youngtimer-Kauf lautet diesmal: Luxus so billig wie möglich, was unweigerlich auf einen Diesel hinausläuft. Also beobachte ich bei meinen Recherchen auf Kiesplätzen und in den beiden Gebrauchtwagen-Portalen im Internet schwerpunktmäßig die Oberklasse bis 1.500 Euro.

Spontan erinnere ich mich an einen Audi A8 2.5 TDI Quattro mit 415.000 km für 1.490 Euro, den mein Blick vor zwei Monaten bei einer Begehung des einschlägigen Münchener Orleans-Areals neben dem Ostbahnhof streifte: Scheckheftgepflegt bis zuletzt, präsentierte er sich auch im Innenraum in einem erstaunlich guten Zustand. Doch jetzt, wo ich erneut vor dem großen Wagen im überaus reizvollen "Ming Blue Pearl Effect" stehe, verlässt mich der Mut. Eine flache ölbenetzte Auffangwanne vorne unter dem Wagen ist schuld daran. Ich fürchte nennenswerten Ölverlust und hasse es, wenn alte Autos blau rauchen oder triefen. Das ist mit meinem Umweltgewissen nicht vereinbar, eine rote oder gelbe Feinstaubplakette schon.

Frustriert drehe ich bei, versuche mir vorzustellen, dass es der Zufall war, der die Wanne unter das Auto schob. Doch die inneren Alarmglocken schrillen noch nach. Gegenüber bei einem anderen Händler entdecke ich vor dem alten, schmiedeeisernen Zaun einen silbernen Mercedes S 320 CDI in sehr gutem Zustand für 3.990 Euro. "Erst 200.000 km, alle Kundendienste!", steht auf dem handgemalten Verkaufsschild. Äußerlich ist kein Rost sichtbar, innen trägt die große Limousine schwarzes Leder.

Rituelle Tour in Rauchsilber

Mercedes-Benz C 180 Kompressor, Motor Foto: Karl-Heinz Augustin
Modern konstruierter 1,8-Liter-Motor M 271 aus Leichtmetall mit Kompressor und 143 PS.

Doch sind 4.000 Euro für mich viel zu viel. Von der Ölkrise entmutigt, setzte ich mich in meinen 300 E – Sie wissen ja, der Rauchsilberne mit Lederpolsterung – und klappere noch weitere Altauto-Kolonien ab. Im ländlichen Raum zwischen Augsburg und Landsberg stoße ich auf etwas völlig Unerwartetes und Unaufgeregtes, flankiert von einem Mercedes 560 SEL und einem Porsche 928 S: eine C Limousine in der Standard-Hausfarbe Brillantsilber aus Juli 2002 für 890 Euro, der Mobile-Ausdruck liegt akkurat hinter der Frontscheibe. Sie ist in diesem noblen Umfeld viel zu jung, zu gewöhnlich, zu billig und auch zu rostig.

Der Händler will nicht genannt werden, er geniert sich förmlich für den Mercedes ohne Stern und mit verräterisch rotbraunem Saum auf der rechten Seite über dem Schweller. Umständlich verweist er auf eine "Inzahlungnahme von einem Arzt, die sich so ergeben hat", und bedauert, dass der kleine Ersthand-Mercedes, dieser pfiffige Kompressor-Kuckuck, in seinem Nobelnest nicht längst nach Afrika ausgeflogen ist, wie es vor zwei Jahren noch üblich war: "Bei dem Spottpreis, unfallfrei, komplett und fahrbereit." Ich gebe zu, dass ein W 203 nur bedingt meinem Beuteschema entspricht: Er ist zu jung, zu klein und zu gewöhnlich.

Aber er ist ein Mercedes, stilistisch sogar eine verkleinerte S-Klasse, und vor allem erweckt er mein Mitleid. Außerdem habe ich den C 280 T der gleichen Baureihe aus dem letzten Heft noch in bester Erinnerung. Ehe ich mich’s versehe, habe ich den bartlosen, neumodischen Schlüssel in der Hand, mein aktiviertes Mitgefühl-Programm schaltet sofort auf die Vorzüge des Wagens um, die ich jetzt verstärkt wahrnehme, während "das bisschen Rost" und die "überhaupt nicht dramatische TÜV-Fälligkeit" zu Schönheitsfehlern schrumpfen.

Der silbern glänzende Lack und das perfekt erhaltene schwarze Stoff-Interieur mit Cyprus-Edelholz begeistern mich. Das Display im gewöhnungsbedürftigen Halbkreis-Tacho zeigt in der Tat erst 138.014 km. Lenkrad, Sitze, Mittelkonsole und Instrumententafel wirken so makellos wie bei einem Jahreswagen. Auch die Qualität fühlt sich sehr gut an, selbst der frühe W 203 ist beileibe kein Billigauto, dieser kostete 26.738 Euro, ohne Extras.

Mercedes-Benz C 180 Kompressor, Exterieur Foto: Karl-Heinz Augustin
Entspanntes Fahren in typischer Mercedes-Manier. Bei Bedarf bis zu einer Geschwindigkeit von 223 km/h.

Nicht in das pflegliche Bild behüteten Ersthandbesitzes will die fehlende Bordmappe passen, aber immerhin liegt das Serviceheft mit Datenkarte im Handschuhfach und zeugt von regelmäßigem Kundendienst. Die Datenkarte verrät immerhin ein Dutzend Extras, darunter Lederlenkrad, Sitzheizung und Klimaautomatik. Aber mein Wunschkonzert mit Schiebedach und Fünfstufenautomatik findet leider in dieser C-Klasse nicht statt. Später beim Fahren verströmt der Innenraum keineswegs frugale Kargheit, sondern eine Geborgenheit und verlässliche Funktionalität, wie sie nur ein Mercedes ausstrahlen kann. Selbst das suboptimale Kombi-Instrument mit den Viertel- und Halbkreis-Zifferblättern à la Ford Scorpio kann diesen hochwertigen Eindruck nicht schmälern. Auch die Originalität in jedem Detail betört mich, es gibt selbst nach 17 Jahren weder Baumarkt-Radkappen noch eine Oris-Anhängerkupplung oder dunkel folierte Seitenscheiben.

Ich starte den Wagen voller Erwartung, er ist der modernste, den ich je besaß. Der DOHC-16-Ventiler mit beachtlichen 143 PS springt spontan an, aber im Leerlauf sägt er nervös und klingt kränklich. Der Händler verwies schon vorhin im Gespräch auf die Motorkontrollleuchte. Sie erlischt auch nach dem Warmlaufen nicht. Das liege an den Phasenverstellern der Nockenwellensteuerung, so heißt es. Der Händler ist nämlich auch Mechaniker.

Mercedes-Benz C 180 Kompressor, Interieur Foto: Karl-Heinz Augustin
Lenkrad, Sitze, Mittelkonsole und Instrumententafel wirken so makellos wie bei einem Jahreswagen.

Unter Last läuft der Kompressor-gedopte Vierzylinder, der ab 3.000/min nachdrücklich zubeißt, einwandfrei. Er beschleunigt ohne Ruckeln auch im großen Gang bei niedrigen Drehzahlen mit energischem Durchzug. Das Sechsganggetriebe schaltet sich etwas hakelig, mehr Präzision wäre wünschenswert, an der für Mercedes-Verhältnisse geringen Laufleistung liegt diese relative Elastizität bestimmt nicht. Doch sonst ist wirklich alles erfreulich am kleinen Benz, der in der Summe seiner Eigenschaften so erstaunlich perfekt wirkt. Leistung ist mehr als genug vorhanden, der Verbrauch liegt bei acht Litern, der freudvolle Tag mit 187 sonnigen Kilometern und einer Spraypause lässt die Tankuhr beinahe unbeeindruckt.

Hoher konstruktiver Standard

Auch mit seiner Handvoll Unzulänglichkeiten macht mir der C 180 Kompressor Freude, er sieht nicht nur so aus wie eine miniaturisierte S-Klasse, er ist eine feine kleine Limousine. Ihr Fahrkomfort ist überragend, und das Lenkgefühl ist stets leichtgängig und direkt. Der Händler verwies auf eventuell ausgeschlagene Buchsen der Raumlenkerachse. Ich merke davon nichts. Aber ich wünsche dem Benz einen Satz Original-Aluräder im Siebenspeichen-Design. Sie würden ihm diese latente Restspießigkeit, die vor allem die Classic-Version verströmt, austreiben. Das bilde ich mir zumindest ein. Denn zum unvernünftigen Kauf gehört auch eine Portion Zuversicht. Ich mag naiv sein, aber ich glaube nun mal an das Gute in alten Autos.

Fazit

Korrosion ist die Achillesferse auch dieser C-Klasse. Vor allem die Modelle vor dem großen Facelift im Frühjahr 2004 rosten nicht nur vereinzelt ringsherum unterhalb der dicken Seitenschutzleiste, auf der "Classic", "Elegance" oder "Avantgarde" steht. Das Ausmaß der braunen Pest differiert, von unwürdigem Befall bis hin zu rostfrei ist alles möglich. Die Technik ist robust, vor allem die Vierzylindermotoren gelten als sehr solide und langlebig. Es empfiehlt sich jedoch, das Öl im eigenen Kompressor-Kreislauf vorbeugend zu tauschen. Elektronik-Fehlermeldungen sind häufig, schwerwiegende Defekte allerdings selten.