Range Rover Restaurierung

Restaurierung mit Blankoscheck

Frühe Range Rover sind Raritäten. Sie kosten im Topzustand um 60.000 Euro. In diesen Wiederaufbau floss sehr viel mehr. Unter anderem waren 4 Schlachtfahrzeuge nötig, um an die raren Teile zu kommen.

Range Rover, Frontansicht Foto: Karl-Heinz Augustin 18 Bilder

Die Geschichte verlangt nach Diskretion, leider darf sie nicht alles preisgeben. Eine Sensation bleibt sie trotzdem, weil ein rustikaler und profaner Range Rover auf Flügeltürer-Niveau restauriert wurde. Ein Range-Rover-Enthusiast aus Düsseldorf, der nicht genannt werden will, investierte einen sechsstelligen Betrag in ein gar nicht so seltenes Auto, das anschließend maximal die Hälfte wert ist.

Der obsessive Idealist sucht sich für sein ehrgeiziges Projekt, dessen Arbeitstitel mit „Bester Ur-Range Rover Deutschlands“ knapp und treffend benannt ist, den renommierten Spezialisten LandyPoint in Beuron.

Range Rover, Feuerwehrfahrzeuge Foto: Karl-Heinz Augustin
Der Range Rover tat fast 38 Jahre lang seinen Dienst in der Flotte der Hilti-Werksfeuerwehr. In der zeit wurde er nur 35.000 km bewegt und stand fast immer im Trockenen

Begehrtester Range Rover

Kurze Orientierung für Realisten: Frühe Range Rover aus den 70er-Jahren kosten im besterreichbaren Zustand, den der Markt so hergibt, sagen wir Zwei minus, um die 60.000 Euro. Der Autosalon Isartal, ein Klassikerhändler mit Gespür und Erfahrung, ruft 59.500 Euro für einen guten zweitürigen 78er Urtyp in der Jägermeister-Farbe Lincoln Green auf. Darüber wird die Luft denkbar dünn, obwohl die spartanischen Zweitürer der ersten Serie bis 1982 bei Fanatics inzwischen vergleichbar begehrt sind wie der F-Elfer bei passionierten Porsche-Fahrern.

Range Rover in kompromisslos-kantiger Urform

LandyPoint-Inhaber Urs Stiegler hat das kommen sehen: „Die Leute fahren total auf die zweitürige Urform des Range Rover ab, die das Kompromisslos-Kantige dieser Stilikone noch mehr betont. Selbst das spartanische Interieur, lange Zeit nur in Beige lieferbar und früher oft gescholtener Kritikpunkt, gilt inzwischen als cool.

Auch die Uni-Farben der 70er-Jahre wie Sahara Dust, Masai Red, Tuscan Blue oder Bahama Gold kommen bestens an.“ Stiegler sucht vor allem in der bislang noch ergiebigen Schweiz nach frühen Range Rover, er hat stets eine Handvoll Restaurierungsobjekte auf dem Hof, verkauft auch schon mal ein von seiner Mannschaft vollendetes Exemplar. Das Düsseldorfer Projekt war natürlich eine Auftragsarbeit.

Das „leicht patinierte“ Objekt kam von Stieglers Hof, der in seiner kreativen Vielfalt und Unaufgeräumtheit einem Abenteuerspielplatz für Land-Rover-Fans gleicht. Ein ehemaliger Kommandowagen der Hilti-Werksfeuerwehr schien mit nur 35.000 Kilometern auf dem Tacho eine gesunde Basis zu sein. Doch selbst Fachleute unterschätzten die zerstörerische Wirkung von 40 Jahren im Verborgenen eines Range Rover.

Referenzobjekt war gefordert

Am Ende schier unendlicher Mühen sollte ein Referenzobjekt in High-End-Qualität auf die Straße entlassen werden. Neben dem perfekten Finish auf Kienle-Niveau stand auch eine erhebliche Leistungssteigerung im Lastenheft dieses Range Rover-Wiederaufbaus, denn der Aufwand überschreitet eine Restaurierung bei Weitem.

Die zahmen 132 PS des Range Rover-Urmodells sorgen heutzutage für eher müdes Mitschwimmen im Verkehr. Auf der Autobahn müssen sie gegen den gewaltigen Luftwiderstand von cw 0,57 kämpfen. Lagen 155 km/h Topspeed 1974 noch auf solidem Opel-Rekord- Niveau, werden sie heute als demütigend empfunden. Zumal der Range Rover dann keine Reserven mehr hat, was an den Nerven zehrt. Der von Natur aus leise brabbelnde kleine Achtzylinder erhebt unnötig laut seine Stimme, und die Verbrauchswerte erreichen 23 Liter.

Hohe Leistungssteigerung dezent verpackt

Die enorme Entwicklungsfähigkeit des einst von Buick konstruierten Alu-V8 kommt nicht nur bissigen TVR-Sportwagen, sondern auch unserem Düsseldorfer zugute. Serienmäßig brachte es der Motor in beiden Range-Rover-Generationen, aber vor allem im Nachfolger P38, auf die Hubraumstufen 3,9 Liter, 4,0 Liter und 4,6 Liter. Dank trockener Zylinderlaufbuchsen aus Stahl lässt sich der Hubraum noch auf maximal 5,4 Liter erweitern, womit wir beim klassischen 327-c.i.-Maß des Chevy Small Block angelangt wären.

Der Blick unter die wuchtige Motorhaube des massairoten Range Rover fällt auf Vertrautes. So sieht ein Rover V8 mit seinem flachen Aluguss eben aus. Sie verbergen keinen DOHC-Vierventilkopf à la Cosworth, es bleibt bei der zentralen Nockenwelle. Weit hinten hockt das Kraftpaket dicht vor der Spritzwand. Fast versteckt es sich hinter dem voluminösen Klima-Kompressor.

Potenter V8 mit 5,4 Liter und 280 PS

Optisch also keine Spur am Range Rover von 5,4 Litern Hubraum und vorsichtig angedeuteten 280 PS. Nur der Name Edelbrock auf dem verchromten Luftfilter deutet auf ein dezentes Tuning hin. Er thront ganz normal wie im späteren Range-Leben über zwei SUHD8-Schrägstrom-Gleichdruckvergasern. Der Düsseldorfer wollte es alles so original und unauffällig wie möglich, Perfektion im unsichtbaren Bereich ist eben teuer.

Der kunstvoll belebte und nun hinreißend temperamentvolle Motor ist freilich nicht das Werk von Urs Stiegler. Die LandyPoint-Mannschaft kümmert sich zwar schon sachverständig um Instandsetzung und Optimierung der bisweilen britisch-eigenwillig konstruierten Vier-, Sechs-, und Achtzylindermotoren aus der Land- und Range-Rover-Palette, aber so einen potenten Brocken musste man außer Haus geben. Die Firma V8 Developments in der Grafschaft Lincolnshire hat sich auf die Vitalisierung des Rover-Achtzylinders spezialisiert und ringt dem harmlosen kleinen Alupaket, das zum Universal Tool der britischen Autoindustrie wurde, bis zu 400 PS ab.

Range Rover, Radlauf Foto: Karl-Heinz Augustin
Trotz der recht behutsamen Nutzung mussten fast alle Bleche neu angefertigt werden: Schweller, Bodenblech, Seitenwände, Vorderwagen.

Verstärktes Getriebe aus dem späten Defender

Ein verstärktes Fünfganggetriebe samt üppig dimensionierter Kupplung aus dem späten Defender sorgt für einen sicheren Fluss der brachialen Antriebskraft zu den beiden sperrbaren Achsdifferenzialen. Natürlich wurde auch die Bremsanlage des Range Rover komplett überholt und mit größeren Vierkolben- Bremssätteln und großflächigen innenbelüfteten Scheibenbremsen an beiden Achsen versehen.

Den Antriebsstrang beließ man sonst unverändert, das Zweigang-Reduktionsgetriebe mit der Geländeuntersetzung blieb ebenso an seinem Platz wie das Mitteldifferenzial, das die Kraft gleichmäßig auf die beiden Antriebsachsen verteilt. Trotz aller Performance hat man dem Range Rover das Geländetalent nicht genommen.

Harmlos wirkende Stahlfelgen im Rostyle-Look

Das Fahren im Range Rover fühlt sich zunächst kaum anders an. Ein Kutschbock-Hochsitz im kargen Fahrgastraum, eine Rundumverglasung wie im Gewächshaus, die Straße liegt auf dem Präsentierteller. Dank des straffen optimierten Fahrwerks wankt und schaukelt der Range Rover nicht so wie seine serienmäßigen Artgenossen. Das Auto liegt satt auf der Straße, die harmlos wirkenden Stahlfelgen im Rostyle-Look lassen nur eine zivile Reifenbreite zu. Nichts am Range ist laut, grell oder aufdringlich, weder Klang noch Optik oder gar Interieur.

Wer es wirklich wissen will, der spürt, wie viel Kraft unter dem Gaspedal dieses Range Rover steckt. Vor allem beim Beschleunigen im vierten Gang ab 60 km/h zeigt sich eindrucksvoll die enorme Elastiziät des kleinen Hubraumriesen. Mehr als ein wunderbar dezentes Stakkatogrollen dringt dabei nicht durch. Es wird von den natürlichen Kalksteintunneln der traumhaften Donau-Corniche zwischen Sigmaringen und Tuttlingen sanft reflektiert.

Range Rover, Hinterachse Foto: Karl-Heinz Augustin
Nach einer Grundierung im KTL-Tauchbad und einer Neulackierung strahlt der frühe Range Rover im Concours-Zustand.

Range Rover Restaurierung mit fünf Schlachtwagen

Bis dahin war es ein langer Weg. Vor allem die aufwendigen Karosseriereparaturen beim Range Roverzogen das Düsseldorfer Projekt in die Länge. Kontaktkorrosion griff die Bleche massiv an, sie trat in ihren zerstörischen Ausmaßen erst nach dem Zerlegen voll zutage.

Urs Stiegler hatte nicht erwartet, dass ein im Schongang betriebenes und stets überdacht abgestelltes Feuerwehrauto intern so desolat sein konnte: „Wir haben bei dem Range Rover bis auf den Kastenrahmen in massiver Stärke fast alle Blechteile unterhalb der Gürtellinie erneuert. Ob Bodenbleche, Schweller oder die vier Radhäuser, alles fiel der Flex zum Opfer, sogar die hinteren Seitenwände mussten wir tauschen. Insgesamt haben wir vier bis fünf Schlachtwagen ausgeweidet, auch um Teile für das Interieur oder Zierteile zu gewinnen.“

Schwierige Ersatzteillage

Denn die Ersatzteillage für frühe Range Rover ist alles andere als problemlos, selbst viele Dichtungen sind für den Zweitürer nicht mehr erhältlich. Im Karosseriebau gab es Unterstützung durch einen Spezialbetrieb. Sonst gerne außer Haus gegebene Sekundärarbeiten wie das Aufpolstern der Sitze, das Verlegen der Bodenteppiche und sogar die im Ergebnis brillante Lackierung erledigte die Crew von LandyPoint in eigener Regie.

Der Düsseldorfer Perfektionist legte dabei Wert auf eine perfekte Grundierung, die wie in der Autoindustrie im katalytischen Tauchbad erfolgt. Der Rahmen und alle sonst schwarz lackierten Fahrwerksteile des Range Rover wurden pulverbeschichtet. Jetzt ist der einst waidwunde Range auch dank Mike-Sanders-Konservierung ein Auto für die Ewigkeit. Aber fehlt da etwas? Ach ja, das V8-Emblem im rechten Rücklicht. „Wenn wir das noch auftreiben, ist er perfekt“, sagt Urs Stiegler und lächelt trotzdem zufrieden.